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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-11-11 · Heft 26 (11.11.1895) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 26 (11.11.1895)
Date
1895-11-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26. G^sterreichisch^üngarrsche Lantorerr-Aertüng Seite 5. wagten. Und es geschah׳ am׳ achten des Monats War, -an einem Sabbat/ da fieng׳ das schreckliche. Verhängnis an. Da standen, nämlich . die Irrenden und die' Städter zuvörderst gegen die heiligen Männer der Gemeinde Speien auf. Sie fassten den Entschluss, dre Juden alle in. der Synagoge zu er-- greifen, und als sie sahen, dass ihr Rathschluss vereitelt war, indem die Juden in der Frühe die'Synagoge besucht, daselbst eilends gebetet und sie schnell verlassen hatten, da fielen sie über dieselben außerhalb der Synagoge her und tödteten eilf Personen. Als aber der.Bischof Johann es hörte,.kam er mit Mannschaft herbei, um der Gemeinde Hilfe zu leisten. Viele Juden brachte er in seine Gemächer, um sie vor der Mörderbande zu schützen. Einige von den Städtern ließ er ergreifen und ihnen die Hand abhauen. Durch ihn hat Gott uns Rettung gebracht. Auch lebte daselbst ein Gemeindevorsteher, Rabbi Moses ben Jekusiel. Dieser setzte sein Leben für seine Brüder ein und bewirkte, dass die zur Taufe Gezwungenen, welche noch hie und da im Königreiche Heinrichs IV. vorhanden waren, zu ihrer Religion zurückkehrten. Und auf Anordnung des Königs hat der Bischof Johann sie in Burgen und feste Plätze gebracht, bis die Feinde Gottes vorüber waren. Und es geschah, als in Worms die Nachricht angelangt, dass ein Theil der Speierschen Gemeinde gelobtet worden war, da schrieen sie׳ zu Gott und weinten bitterlich; denn sie sahen ein, dass Gott ein böses Verhängnis über sie beschlossen. Und die Gemeinde theilte sich in zwei Abtheilungen: die einen flohen zum Bischof, in dessen Schlösser und Burgen, und die anderen blieben in ihren Häusern, vertrauend auf die Zusicherungen der Städter, die zu ihnen gesagt hatten: ״Fürchteteuch nicht vor ihnen, denn wer einen von euch tobtet, der werde am Leben bestraft." Allein die Versicherungen der Städter waren Worte der List und Falschheit. Sie standen den Irrenden bei, Bewegung, doch bald sollte es anders werden. Zuerst ein unheimliches Zischen durch die Takelage, gleich darauf einige heftige Windstöße, und wir hatten einen argen Sturm anzukämpfen. Im unteren Raume die Nacht zu verbringen, war nicht rathsam, denn in der dumpfen Luft und bei dem riesigen Schwanken hätte man der See sofort einen Tribut zahlen müssen. Graf Szechenyi allein glaubte in der .Kabine einige ruhige Stunden verbringen zu können Wir, Baron Berg ich und unsere Diener, holten Matratzen, Polster und Decken herauf, und wo eben Platz war, machte sich ein Jeder eine Schlafstätte zurecht. Ich mag ungefähr eine halbe Stunde geschlafen haben, als ich durch einen kalten Guss aufwachte, gleich darauf eine zweite Douche erhielt und schließlich ganz durchnässt aufsprang. Die Wellen schlugen über Deck und der ״Teazar" krachte und ächzte in seinen Fugen und die Maschine stöhnt im Kampfe gegen die Elemente. Eine recht unheimliche Nacht schien zu beginnen! Ich versuchte nun, mich auf das Cajütendach zu flüchten, doch musste, ich wieder herunter und an ein Schlafen war nicht mehr zu denken; mühsam, mich bald am Bordrand, bald an irgend einem Strick anhaltend, trachtete ich au der Maschine vorbei nach vorne zum Steuerrade zu gelangen; dort setzte ich mich neben dem Steuermann hin, welcher in einem dicken Mantel gehüllt, emsig auf die Boussole blickend, das Steuerrad mit Kraft und Geschick gegen die starken Wellen lenkte. Der arme Steuermann, ein Araber, wartriefend nass und so auch der Capitän, der, nur hie -und da kurze Befehle ertheilend, sich fest an einigen Stricken anhielt. So verbrachte ich, neben dem Steuer kauernd, in eine Decke gehüllt, die ganze lange Nacht. Ununterbrochen schlugen die Wellen über: .Bord herauf und bespülten das ganze Deck, manche- Welle käiw so heftig ׳ bis auf unsere Kniehöhe gestürzt, dass wir vom Anprall fast vom Sitze geschleudert wurden: Es war eine , länge,' bange Nacht,' die ich', so wachend durch- : träumte, und sie wird mir unvergesslich bleiben 1׳' '-^-׳ mn uns auszntklgen. Und es geschah am10 ׳. Jjar (5. Mai : 1096) an einem Sonntag, da fassten sie ttftrge: Anschläge. Sie holten einen schon 30 Tage lang begrabenen Leichnam herbei, trugen ihn in der Stadt umher und riefen aus: ״Sehet, was die Juden , gethan haben, sie haben einen Christen im Wasser gebrüht und dasselbe Wasser in unsere Brmmen geschüttet, um uns zu tödten." Und als die Irrenden und die Städter dies hörten, da erhoben sie einen gewaltigen Lärm, versammelten alle Waffentragenden und sprachen: ״Jetzt ist die Zeit gekommen, den zu rächen, den ihre Väter gekreuzigt haben. Nun soll keiner von ihnen übrig bleiben, selbst Säuglinge nicht in ihren Wiegen." Und sie drangen in die Häuser und erschlugen die, welche sich darin befanden, Greise und Greisinnen, Jünglinge und Jungfrauen, sogar Knechte und Mägde. Und aus öffentlichen Plätzen und Straßen wurden die Leichen umhergeschleist. Und es geschah am 25. Jjar (20. Mai) da sprachen die Irrenden und Städter: ״Sehet, da sind noch die, welche in den Gemächern des Bischofs übrig geblieben, lasst uns auch an ihnen Rache nehmen." Und es sammelten sich Leute aus den Dörfern der Umgegend und die Irrenden und die Städter und belagerten sie und kämpften mit ihnen, und es entbrannte ein heftiger Kampf, bis jene die Gemächer erobert hatten, worin die Kinder des heil. Bundes sich befanden. Und als diese einsahen, dass kein Entkommen möglich war, da erkannten sie das über sie vom Könige aller Könige verfügte Urtheil als gerecht an und brachten Opfer der Frömmigkeit, indem sie sogar ihre Kinder ergriffen und schlachteten auf die Einheit des göttlichen Namens mit ganzem Herzen. Dabei wurden die besten der Gemeinde getödtet." Aehnliche Szenen wie die hier berichteten wiederholten sich längs des Rheins und der Donau, in Trier, Worms, Köln. Es mag. Mitternacht gewesen sein, als Graf Szechen y i in einem recht elenden Zustande zu mir kam und neben mir einen schützenden Platz suchte, doch als uns wieder einige Wellen übergosfen, fror es ihn in seiner leichten Toilette zu stark und er verschwand wieder in die Cajüte. Was alles meinen armen Gefährten in dieser entsetzlichen Nacht passirte, weiß ich nicht, denn meinen Platz verließ ich nicht bis in der Früh. Baron Berg soll trotz Wasser, ttotz Sturm, in eine Kautschuckdecke gehüllt bis in der Früh geschlafen haben (?) Jede Stunde, jede Minute zählte ich, bis es endlich im Osten zu dämmern anfieng; der Kapitän labte mich öfters mit einem Schlucke Rum. den der alte Seebär stets in seiner Tasche verborgen hält und gar oft zum Munde führt. — Einem Meteor gleich stieg die Venus langsam im Osten aus, ihr folgte bald die Sonne in den schönsten Farben. Der Sturm ließ etwas nach. Nun wurde es aus dem Schiffe lebhaft. Der Koch A l i, der Dragoman und unsere Diener krochen mit den unglücklichsten Gesichtern aus der Kajüte heraus. Ali kochte mit der grössten Mühe einen Thee, oft von einer Welle übergossen, welche ihn dann zwang, das Feuer am Herde nochmals anzuzünden. Ganz durchnässt, durchfroren und todmüde, kehrte ich nun auf das Hinterdeck zurück, um als Erwärmung einige Tassen Thee einzunehmen. Ankunft in Suez, den 12., März 1894. Nach Passiren .des Pharaonenberges, gegen 9 Uhr, legte sich der Sturm, und Ruhe und Friede herrschte am Meere. Nun wurde alles an der wohlthuenden Sonne getrocknet und Jeder von uns' hatte' seine Erlebniße der Nacht zu erzählen. Um 5 Uhr Nachmittags Suez in Sicht und große Freude, endlich wieder auf festes Land zu kommen k Um 6 Uhr landeten : wir glücklich im Hafen.

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