Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 26 (11.11.1895)
- Date
- 1895-11-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitüng. Seite Z. Erwiderung auf Gemeinde- und Kunstgefang. In einer der letzten Nummern der ״Oesterr.-ung. Cantoren- Zeitung" ließ sich unser verehrter Herr College Tintner aus Bunzlau über den Gemeinde- und Kunstgesang vernehmen, ohne jedoch auf das Wesentliche dieses Thema näher einzugehen oder das Princip klarzulegen, nach welchem er diesen von jenem unterschieden wissen will. Zugleich befasste sich Herr Tintner mit der Auswahl von Synagogengesängen, die er seinem Programme einverleiben wollte, ohne auch hier bekannt zu geben, welche. eigentlich die Auserkorenen sind. Bei einer Durchsicht der Werke vor den hohen Feiertagen kam Herr Tintner ganz .,zufällig", wie er bemerkte, auch zu Rubins ,Lobire hechal“ und (benützt diesen Anlass zu einer abfälligen Kritik über ein Werk;! das von jüdischen und nichtjüdischen bewährten Musikern uugetheilte Anerkennung und uneingeschränktes Lob gefunden hat. - Es liegt mir fern, Herrn Tintner irgendwie nahetreten zu wollen oder sein musikalisches Wissen zu bezweifeln — die von ihm in Gemeinschaft mit Neßler herausgegebenen Gesänge zeugen doch, genügend von seiner musikalischen Tüchtigkeit — aber annehmen muß ich trotzdem, dass Herr Tintner Rubins. ״Schire heeh’al“ nur oberflächlich durch gesehen hat, sonst könnte er nicht in.dieser Weise urtheilen. Ein jeder Cantor der Jetztzeit, sei er in einer großen oder klenien Gemeinde thätig, nmß, um den Anforderungen des modernen Gottesdienstes gerecht zu werden, musikalische Kenntniße in dem Maße besitzen, dass er im Stande ist, nicht allein die Chöre exact einzustudiren, sondern auch genügendes musikalisches Verständnis bei der Auswahl der Gesänge zu entfalten, ohne jede Voreingenommenheit für diesen oder jenen Componisten. Hiebei wird er auch darauf sehen, dass die Pieoe dem ihm zur Verfügung stehenden Materiale entspricht, ״Als wir uns auf einige hundert Schritte den Mauern näherten, erdröhnten zu unserem Empfange von allen Matterseiten her Kanonenschüsse. Dumpf rollendes Echo folgte den Schüssen und hallte lange in den hohen Wänden des Berges ״Horeb" nach, ein dichter blauer Rauch uitb ein regelmäßig geformter großer Rauchring schwebten gegen den Himmel. Dies wirkte sehr nialerisch und imposant. Am Eingang des Klosters empfieng ilns die ganze Priesterschaft; es sind dies circa 20 griechische Mönche mit langen Bärten und Haaren, welch' letztere in einem Knoten zusammengesteckt sind; sie tragen lange schwarze Tälare, schwarzen Tarbusch mit Schleier Der Prior, ein Noch junger Mann, der auch ettoas französisch spricht, reichte uns freundlich die Hand, und unter Glockengelänte von neunzehn Glocken führte uns die Priesterschaar in den Vorhof. (Hier bei diesem Abschnitte sieht man iit dem Buche eine sehr hübsche Abbildung, den inneren Hof des Klosters darstellend. (Anm. d. Redacteurs.) Unter diesen Geistlichen sieht man allerhand Physiognomien, einige verwildert, ernst, andere mit recht falschem, schlauem Aeußeren; im Ganzen eine recht unheimliche Gesellschaft! Die meisten von ihnen sind nämlich strafweise hieher versetzt und müssen oft lebenslänglich oder wenigstens einige Jahre in dieser wohl trostlosen Existenz büßen. Doch muß das Leben in diesem abgeschlossenen Wüstenkloster nicht ungesund sein, denn jüngst starb ein seit einer sehr langen Reihe von Jahren zu lebenslänglicher Buße verurtheilter Priester in einem Alter von 120 Jahren. Man führte uns durch einen niedrigen, dunklen Gang zwischen den Umfassungsmauern in den inneren Hof, der mit einer schweren Eisenthüre abgeschlossen ist. Der ganze innere Raum besteht aus den früher erwähnten uralten Zellen der Einsiedler, welche einem Bienenneste gleich aneinander kleben. In der Mitte steht die in altbyzantinisch eni Style erbaute Kirche; die einzelnen Zellen sind'durch unzählig viele schmale Hölzgänge und Stiegen ob eine Mittelstimme ihre einfache Besetzung verträgt, ü. s. w. Rubins Gesänge, die in erster Reihe einen musikalischgebildeten Vorbeter und geschulten Sänger verlangen, sind theils für kleine, theils für große Chöre bestimmt und enthalten zugleich den richtigen Gemeindegesang, welcher gerade durch seine Einfachheit imponirt.'Einzelne Chöre, wie der G-dnr Lechododi, Ausheben, Einheben, Wajecimlu sind in vielen Gemeinden eingeführt und populär geworden; ein Beweis, dass sie das ״jüdische Gepräge" nicht entbehren. Kunstvoll und ergreifend sind die Rubin'fchen Männerwie Soli-Keduschas. Selbstverständlich können sie nur dort aufgesührt werden, wo der Cantor die nöthige Routine und Stimmmittel hat. Wie schön und erhebend sind die Recitative Na godlu (F- und B-ditr) Schabos- Schaeharith. Solche musikalische Bearbeitungen der tradionellen Gesäuge von Lost, Hamelech, Wajechuln; Mögen owosy wie sie Rubin lieferte, gehören zu den besten dieser Art. Rubin ist nicht allein Musiker, er kennt auch die hebräische Grammatik und weiß jedem der Texte das richtige musikalische Gewand zu verleihen. Die Führung der Stimmen und die ganze Art der Behandlung zeigt ein genaues Vertrautsein auf diesem Gebiete. Die Cantor-Solis sind dankbare Aufgaben, sangbar und wohlklingend geschrieben, entbehren jeder überflüssigen Coloratnr und sind dabei durchwegs melodiös. Und da kann es niemanden einfallen ein ״jüdisches Gepräge" zu vermissen, soweit überhaupt von einem solchen die Rede sein kann. Es kommt auch darauf an, was Herr Tintner unter ״jüdischem Gepräge" versteht. Sei dem wie immer, Meister Rubin hat auf dem Gebiete der Synagogenmusik nicht nur Gutes sondern Großartiges geleistet und verdient es am allerwenigsten, dass seine Werke ohne tiefere Begründung so abfällig beurtheilt werden. S. Schrecker, Cantor in Jungbunzlau. mit einnnder verbunden. (Hier folgt wieder eine getreue Photographische Wiedergabe). Fast neben jeder Zelle ist eine kleine, niedrige, finstere Capelle. Diese Capellen dienen für die beschaulichen Gebete des Einzelnen, d. h. dieses Mönches, welcher anstoßend seine Wohnzelte hat. Nur durch die schmale, dünne Thür dieses Raumes dringt spärliches Licht herein; einzelne griechische Heilige in den unglaublichsten Fratzengestalten schmücken die kahle Lehmwand; es muß trostlos sein, viele Stunden des Tages in diesen dumpfen Löchern zubringen zu müssen. Nach Passieren einiger Gänge, Gewölbe und vieler Stufen betraten wir erst die wunderbare Kirche. Man kann sich in dieser einsamen Oede gar nicht vorstellen, welche Pracht, welchen Glanz und welche ungeheuren Schätze diese kleine Kirche in sich birgt. Man ist beim Eintritt förmlich geblendet. Da ist Heiligenbild an Heiligenbild, alle auf Goldgrund gemalt, jedes einzelne uralt und von unschätzbarem Werthe. An der Decke hängt aus allen Formen, allen Jahrhunderten ein Luster neben dem anderen; der Plafond selbst ist wunderschön gemalt und mit Edelsteinen besät. Die Chorstühle sind aus Ebenholz verfertigt und mit Perlmutter eingelegt. Der Hauptaltar ist nach griechischem Style durch eine dicht mit uralten Madonnen- und St. Georgs-Bildern behängte Wand abgeschlossen. Der Fußboden ist in den schönsten Mosaikzeichnungen eingelegt. Ich wurde nun von drei Priestern feierlichst auf einen erhöhten Thronsessel geführt und musste eine längere Ansprache des Priors entgegennehmen. Dieselbe wurde in griechischer Sprache gehalten und leider verstand ich fast gar nichts weiter, als was sich durch die Gesten erklären ließ, doch freute es mich, im Laufe der Rede oft den Namen Seiner Majestät unseres Kaisers nennen zu hören. Nachdem ich in ,französischer Spräche fiir die freundlichen 'Empfangsworte gedankt hatte, konnte ich meinen Thronsessel wieder verlassen und ich wurde zum Hauptaltar geführt. Das