Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 25 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Eeltc 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 25. WdividuaüM des Schülers Rechnung tragt und dass bei diesem die uothwendige Befähigung vorhanden ist. Zur Mternuug «ner Men- Kunst sind bestimmte körpersiche uud gHtze^HWgW/.Morderüch׳/ vernünftige Lchrer voräüssrcht^b cherlauLt/ Selbst jeder Hmidwer^mMer:! fordert von feinem Leh rling M gewiffes.7Maß von ׳werk-j mäßigen Geschicklichkeiten, die denselben ausschließlich Zu seiner! Profession befähigen. Nur in der Musik scheint dies nicht nöthig; zu feht. Musik tzmn, soll uMmüß jedes Kind lernen, einerlei, ob Talent, ob Lust und Liebe und Isst not least auch die ^Hörige» Körperkräfte vorhmtden sind. Wie verkehrt dies ist, das ergeben die kläglichen Resultate. Mn zartes, schwächliches, mit Schularbeiten überbürdetes mtd dazu talentloses, zur Musik unlustiges Kind, das gegen Wunsch und Willen oft in Stunden, wo ihm die Erholung noch Hüte, gezwungen ist, sein tägliches Clavierpensum abzuklimpern, wird gewiss rveder viel vom ästhetischen Einfluss noch von der sittensäuftigendeu Wirkung der Tonkunst verspüren. Nur wo sich mchr oder minder musikalische Anlagen zeigen, ist der Musikunterrricht angebracht. Nur da kann etwas eerreicht und die Musik zu einem geist- und getnüthsbildenden, die Gesammtentwicklung fördernden Erziehungsmittel werden. Wo die Hausmusik auf dieses Ziel hinarbeitet, wieviel frohe, schöne, genußreiche Stunden kann sie dann bereiten. Wieviel Me, gesellige Freuden im trauten engeren Familienkreis verdanken wir ihr. Große Kunstfertigkeiten, concertmäßige Leistungen sind dazu nicht erforderliche Virtuosen und Virtuosinnen braucht das Haus nicht. Sind sie da, desto besser, wo nicht, nun. das musikalisch Schöne und Wohlgefällige liegt nicht allein im Bereich des Außergewöhnlichen. Kleine Leistungen sind auch Leistungen, wenn sie gut sind. Unsere reiche Musiklitteratur bietet eine große Auswahl an zweckentsprechender, edler, schöner Haus- und Salonmusik, welche der Leistungsfähigkeit der Durchschnittsspieler und Sänger in jeder Weise entgegenkommt. Das Scheinwesen, die conventionelle Heuchelei, eines der größten Uebel unserer Zeit, herrscht leider auch in der Musik und macht sich mehr als genug in der häuslichen Musikpflege breit. Es ist betrübend, zu sehen, wieviel gesunde Keime zum Guten angekränkelt, daran zu Grunde gehen, und dass auch das vielversprecheiidste Talent dabei oft nur taube Blüthen treibt. Die Sucht zu glänzen, schadet dein Charakter und führt auf Abwege in der Kunst. Da soll der Schüler große, berühmte schwere Stücke spielen, Stücke, die ״etwas ausmachen", wie der landläufige Ausdruck heißt. Dass ein kleines, leichtes Tonstück, richtig und verständnisvoll vorgetragen, in seiner Art mehr ausmacht, als ein Concertstück, dem der Spieler technisch und geistig nicht gewachsen, dass ein ausdrucksvoll gesungenes, anspruchloses, einfaches, finniges Liedchen einen tieferen Eindruck hervorruft als eine geradebrechte Bravourarie, die außer dem künstlerischen Vermögen des Vortragenden liegt, das kommt dabei nicht in Frage. So wird denn die Finger-und Kehlfertigkeit auf Kosten des Kunstverständnißes und Geschmackes gedrillt, und bei der einseitigen Dressur gehen Herz und Geist leer aus. Sich hohe Ziele stecken, ist nichts weniger als tadelnswerth, denn nur. durch hohes Streben kann Großes erreicht werden. Doch auch die größten Künstler sind technisch und geistig stufenmäßig gereift und zu dem geworden, was sie sind.. Wo. das. Technische auf Kosten des Geistigen und umgekehrt geübt wird/ kann nur Einseitiges, Halbes, nichts Ganzes zu stände kommen. Genies, werden geboren. aber zu Künstlern erst erzogen. Der Meister fällt nicht Pom Himmel; er entwickelt sich durch, gleichmäßige, gemeinsame, harmonische und wechselseitige Ausbildung aller Körperlund Seelenkräfte vom Leichten zum Schweren, vom Kleinen züm Großen. r : ' V; : : - EZ ist ente etg^ntümti)^e^^^«1111119,^ gemeinen großen musikalischen.Empfänglichkeit: der^ Jugend:mit Beginn des -regulären ftnterrichtsvsi'ch 'beiwechältnismäsig vielen Unlust und Mangel an Lerneifer, einstellt:׳. Das Unbequeme des Uebungszwanges, - - der jugendliches Unabhängigkeitsdrang, . die Freiheitsliebe mögen dabei mitsprechen, aber, sicherauchdieunverständige, geisttötende, gemütsverknöchernde Art und Weise, wie die Musikpflege so häufig gehandhabt wird.׳ Freude an der Musik haben "alle Kinder. Wo immer eine Fiedel oder Flöte erklingt, gleich sind sie bei.der Hand.. Zeigt sich doch kein Orgelmann auf der Straße, zieht doch kein Bettelmusikant von Thür zu Thür, der nicht von einem dankbaren, aufmerksam lauschenden oder tanzenden, jauchzenden, mitsingenden kleinen Auditorium umringt wäre. Man schaue die leuchtenden Augen, die strahlenden musikfrohen Gesichtchen. Man beobachte die kleine drollige Soldateska, die beim Aufzug eines Militärmusikcorps neben den bärtigen Kriegern Hermaschiert. Man sehe, wie der schneidige Rhythmus die zukünftigen Vaterlandsvertheidiger vom Scheitel bis zur Sohle durchzuckt. Die Helle Begeisterung spricht aus Mienenspiel und Bewegung. Jeder Zoll ist ein kleiner Held. In den meisten Kinderspielen hat die Musik eine bedeutsame Rolle. Hier lassen sich Cultur- und Charakterstudien im Kleinen machen, und dem umsichtigen Pädagogen wird da mancher Wink zu teil, wo er die Jndividualität seines überscheuen Schülers zu fassen hat. und dabei, wie von selbst, auf Gemüt und Charakter des Kindes erziehlich einwirken kann. Einen widerwilligen, trägen, aber begabten Zögling vom Unterricht dispensieren, wäre ebenso 1111})£&090<}1ןג)ן‘ als ein weniger beanlagtes musikeifriges Kind von der Musikbildung gänzlich ausschließen. In beiden Füllen ist die musikalische Disziplin, vom ethischen Standpunkt aus betrachtet, eine Pädagogische Pflicht. Schluss folgt) - Rabbiner L. Wollner Freitag, den 25. October ist der hochbetagte und allverehrte Rabbiner des Tempelvereines im 8. Wiener Gemeindebezirke, Herr Leopold Wollner, nach kurzem Leiden gestorben. Der Verblichene war einer der ältesten und fleißigsten Mitarbeiter der österr.-ungar. Cantoren-Zeitung, welcher er fastseit ihrem Bestände mit größter Liebenswürdigkeit und Uneigeunützigkeit sein bedeutendes Wissen und seine reichen Erfahrungen zur Verfügung stellte. In vierzehntägigen Fortsetzungen erschien aus seiner Feder eine ganze Reihe von Artikelserien, die Belehrung -und geistige Anregung in die Kreise unserer Leser trugen. Seine letzte Arbeit ״ Cultuelles und Rituelles"-, von welcher.wir noch in vorletzter Nummer eine Fortsetzung veröffentlichten, bleibt leider unvollendet. - Eine äußerst conciliante ׳und friedliebende Natur, war .Rabbiner Wollner jederzeit bemüht, nicht nur in seinem eigenen .Wirkungskreise mit dem jeweiligen - Cantorim bestem Einvernehmen zu leben, sondern als warmer und aufrichtiger Freundder Cantoren trat er bei verschiedenen Anlässen durch Wort und Schrift dafür ein, dass ein harmonisches und-einträchtiges Verhältnis im Interesse Beider gelegen sei. In seiner engeren Gemeinde, in welcher Rabbiner Wollner durch mehrere Generationen als Seelsorger und Religions> lehren: wirktegenoss, er unbegrenzte Verehrung- , welche auch