Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-11-01 · Heft 25 (1.11.1895) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 25 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/1304829-3453335-3453360--4393-3458850
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 25 Gesterreichisch-ungarische Lasttoren-Ieitung Sekte 5. Linie neben einander.-gelegt werdem; .nur rechts guy Ende von! allen, wird' eine: Nuss, ' gewöhnlich die größte, (Bechör-Crst-! geborner) ׳genannt, senkrecht ausgestellt. Von - einer vorher be-! stimmten Stelle aus wird, nun nach, den Nüssen gekault. Wird! der Bechor getroffen, umgestiirzr, so erhält der Geworfene alle! NüM Jeder andere Treffer gewinnt nur jene Nüsse, die linkst vom Bechor durch Hinausschleudern einer aus der Reihe abgesondert wurden. Die rechts in der Reihe geblieben, bilden ein ferneres Spielöbject. Der gymnastische Nützen beider genannten Spiele ist der, dass bte Kinder im geschickten Zielen und Schleudern geübt werden. Die symbolisch-religiöse Bedeutung dieser zwei Spielarten bürste etwa folgende sein. Das Erstgebocnen-Spiel soll daran erinnern, dass Israel der e r st g e b o r e n e S o h n Gottes ist (Exod. 4, 22 ), der Erstberufene, den reinen Monotheismus zu verkünden. Wenn man diesen umgestürzt hat,- dann sind auch alle an ihn gereihten monotheistischen Völker verloren, und das Heideuthum würde die Öbermachi gewinnen. Dies dürfte auch die Ursache sein, dass die Christen am Weihnachtsabend Nüsse spielen, weil, laut Mittheilungen im Neuen Testament, Jesus in dieser Nacht geboren und er daselbst der Erstgeborene Sohn Gottes genannt wird. (Math. 23, 43—18; Nöm. 4—9 u. n. a. v. St.) Dass sie aber nicht B e ch o r o s spielen, dürfte — abgesehen von der ungeeigneten kalten Jahreszeit, aus diesem Anlasse im Freien zu spielen — darin seine Begründung finden, dass sie die symbolische Bedeutung dieses, wie manches andern von uns übernommenen religiösen Gebrauches nicht vollständig aufgefasst haben. Die vier Nüsse zur Darga dürften an die obgenannten vier Fahnenbesitzer erinnern. Der Stamm Judah ragte, intensiv und offensiv, an Muth und Zahl, über alle Fahnenbesitzer hervor. (Gen. 49, 8—11: Stim. 1, 27; Richter 1, 2.) Wenn die obere Nuss von der Darga, die Judah symbolisirt. hinabgeschlagen wird, dann werden auch die anderen 3 Nüsse weggenommen. Daher muß das Haupt Judah gestützt und geschützt werden. wurde. Welch trautes, inniges Band war die Ehe zwischen diesen Beiden! Wenn sie im Lehnstuhle saß -und er frei von Messer und Schürze war, da nahm er seine Geige vom Kasten und während er die Saiten stimmte, blickte er seine Gattin an, als ob er von ihr die Motive herablesen wollte, nach denen er nun seiner Geige die herrlichsten Töne entlockte. So lauschte er eine Weile seinem eigenen Spiele. Lieder ohne Worte wurde schon manches genannt; wenn unser Chasan aber so spielte, konnte man es Andachtsübung nennen. Endlich öffneten sich seine Lippen, und den herrlichen Geigenklängen schlossen sich Melodien an, die die Herzen bewegten und die Schritte der draußen Vorübergehenden bannten; obwohl der gottbegnadete Sänger gedämpft pianissimo seine klangvolle Stimme in seiner Stube ertönen ließ, damit das, was zur Ehre Gottes bestimmt war, nicht hinausdringe aus einem Wohnhause. Nur im Tempel selbst gab er sich dem Genüße der Volltönigkeit hin, und wenn dann sein Gesang immer sanfter und sanfter werdend, leise verklang, war es im dicht gefüllten Gotteshause so stille, als ob es leer wäre. Keiner von den 200 Ständern, deren jeder vor einem Sitze wankend stand, bewegte sich; denn jeder hielt ihn in Verzückung krampfhaft fest, damit die heiligen Heerschaaren, die man anwesend wähnte, nicht verscheucht werden. So wirkte die Macht des Gesanges und die vvn Andacht umflossene Person unseres Chasans. Ohne Debatten und Parteienbildung, ohne die streng conservativen Gemüther der vielen alten, in unserer Gemeinde lebenden Gelehrten zu irritiren, ohne bei ihnen den geringsten Widerstand hervorzurufen oder einest Reformkampf zu erwecken. Immerhin liegt auch schon in diesem geringfügigen Gebrauch pädagogisch-religiöser Sinn. Ausführliches hierüber in unserer für den Druck vorbereiteten Schrift: ,Mer wahrhaft pädagogische Werth der alten jüdischest Erziehungsweise im Lichte der modernen Pädagogik." Die mufikslyche Erziehung. Bon C. Haast. III. ״Die Musik ist Modesache. Die Musik gehört zum guten Ton. Dem Musikkundigen öffnet sich Familienstube und Salon. Mancher hat durch Spiel und Gesang schon sein Lebensglück gemacht." Das sind conventionelle Schlagwörter, die man täglich hören kann, und hinter welche sich rathlöse Lehrer und zukunftbesorgte Mutter- und Vaterherzen zu verschanzen pflegen, wo es gilt, die überscheue Jugend für die Kunst zu begeistern. Man darf zwar von einem lebhaften kleinen Musikabcschützen, der sich beim verlockenden Sonnenschein lieber im Freien unterm blauen Himmel, auf dem Spielplatz, als in der stillen Stube auf den Claviertasten herumtummelt, nicht verlangen, dass er die Kunst der Kunst wegen liebe. Aber mit Zweckmäßigkeitsgründen bekehrt man keinen jungen Musiksaulus zum Musik- Paulus. Die Musik als Empfehlungsbrief, die Musik als Passepartout für die guten Stuben und Gesellschaftsräume der Zukunft, die Musik als Heiratsvermittlerin sind dem Kinde unverständliche, fernliegende Dinge. Sie machen ihm die edle Kunst nicht begehrenswerther, sie machen ihm die schwere Kunst nicht leichter und lieber. Der Hauptzweck der zu erzielenden Musikbildung: die ästhetische Vertiefung der Gesammtbildung, das Hauptziel des Musikunterrichts : den Schüler zu befähigen, ein Kunstwerk mit Verständnis zu genießen und nachschaffend auszuüben, wird ihm dadurch nicht näher gerückt. Soll die Musik ein wirklich sittlicher Factor im Leben-des Kindes werden, so ist die erste und heiligste Aufgabe, Musiksinn und Musikfreude zu wecken und Ohr und Hand zum Organ des Herzens zu erziehen. Dazu gehört vor allem, dass die Lehrmethode der vollzog sich unter unserem Chasen ein reformirter, herrlicher Gottesdienst schon vor 75 Jahren. Mit dem Zauber seines Gesanges verband er ganz enge und fest die ältesten Nigunim, die aber überall wie im neuen Gewände und in frischen Farben erschienen, das Zuviel der Schnörkel hinweglassend. Wie er für den Gesang geschaffen war. schuf er die Melodien für sich. Er stand ja vor dem ׳Omed im französischen Rococo- Costüm, welches seiner schlanken Gestalt mit dem glattrasierten Gesichte vortrefflich passte. Bis Mismor schir l’jom haseitabos begleitete er sich selbst mit der Geige, und diese muß ein kleines Wunderwerk gewesen sein, denn viele Gelehrte, welche die ganze Woche über der Gremore in Weltabgeschlossenheit gekauert, und Andere, welche vor einer Stunde müde und kothig aus deu Dörferu heimgekehrt und den von der Last gebeugten Rücken kaum befreit hatten, sie alle saßen nun blitzblank und lautlos auf ihren Tempelsitzen und draußen standen viele Nichtjuden und schwiegen respectvoll. Nach und nach lebten sich die Gesänge so im Publicum ein, dass es stellenweise schön einsetzte und zur rechten Zeit still wurde, als ob es abgerichtet wäre. Und unser Chasan wechselte auch ab, das. Publikum aber erkannte sofort, was heute kommen werde. Doch — Jahre vergehen und das Beste und Schönste mit ihnen — auch er sagte nach langem Erdenwallen naar hojissi w’gam sokanti und bat um einen Sitz im Tempel, auf dem er ausruhen wolle. Es ist schön lange her, seit er im kühlen Grabe ruht. Aber wenn ich meiner Kindheit und Heimath gedenke, schwebt auch er mir vor als Reformator eines geregelten, schönen Gottesdienstes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.