Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 24 (21.10.1895)
- Date
- 1895-10-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Sir. 24. Wohllaut für das Ohr ist gleichbedeutend mit Schönheit für das Auge. Der sittliche Werth des Schönen ist ebenso unbestreitbar, wie die geschmackbildende Wirkung desselben. Ein der Sittlichkeit bares Schöne wäre an und für sich ein Hohn auf das Wesen des Schönen, dessen Aufgabe ist, Freude und Ruhe, Adel und Harmonie in allen Gedanken und Handlungen zu verschaffen. Die moralische Bedeutung der Musik hängt von ihrer ästhetischen Wirkung ab.- Wenn Richard Wagner sagt: ״Die Tonkunst adelt die sinnliche Lustempfindung und vermenschlicht den übersinnlichen Gedanken", so find wir von der allgemeinen Wahrheit dieses Ausspruches eher zu überzeugen, als von der Zulässigkeit des folgenden: ״Nie und in keiner Verbindung, die sie eingeht, kann die Musik aufhören, die höchste, die erlösende Kunst zu sein." Die Musik, als reine Formenschönheit, ist an und für sich weder moralisch noch religiös, sie kann aber moralisch und religiös wirken, wenn sie ästhetisch wirkt, denn die Beschäftigung mit den: Schönen erzeugt, nach dem für alle Zeiten gütigen Fundameutalsatz Platos, von selbst eine Abneigung gegen das Gemeine, aber nur wo ein edler Inhalt der schönen Form entspricht, ist die Musik in Wahrheit die göttliche, die erlösende Kunst. Es kommt also an erster Stelle auf die Verbindung an, die sie eingeht, sonst wäre jedes Onke elrantairt eine sittenveredelnde Anstalt. Die Ntusik kann in ihrer ästhetischen Eigenschaft die Wirkung eines edlen Textes steigern und die Wirkung eines unedeln paralysiren, aber sie adelt, streng genommen, ebensowenig einen gemeinen Text, als sie einen gemeinen Zweck heiligt. Eine klangschöne Musik wirkt ästhetisch und in diesem Bereich ethisch. Sobald sie aber an das Wort gebunden, wird sie mehr oder minder die Trägerin der hohen oder niederen Idee desselben. Ihre Wirkung und damit auch ihre ethische Bedeutung ist dem Charakter des Textes in gewissem Maße unterworfen und von den Vorstellungen und Gedanken, die derselbe erweckt, abhängig. Wir haben einen schlagenden Beweis an mancher unserer schönsten tiefreligiösen Choräle, deren Melodien derb realistischen Volksliedern aus dein 14. und 15. Jahrhundert entlehnt sind. Der Textwechsel war hier für die höhere ethische Wirkung des Liedes bestimmend. Die ästhettsche Wirkung der schönen Melodie ist im Choral wie im Volkslied au und für sich dieselbe, aber gerade weil das naiv sinnliche Volkslied musikalisch schön war, konnte seine Melodie der wirkungsvolle Ausdruck einer sittlich höheren Idee, der Träger einer tiefreligiösen Stimmung werden. In diesen Grenzen liegt der culturelle Beruf der Musik. Insofern sie uns vom Schönen zum Guten, durch Erhebung über das Gemeine zu einer reinen, höheren Freude zu führen und uns somit das Leben in Wahrheit zu verklären vermag, ist sie in der That ein sittlicher Factor. Wie wird unsere Zeit der musikalischen Erziehung von diesem Standpunkt gerecht? Die in allen tönefrohen, deutschen Gauen täglich zunehmende, ungeheure musikalische Productton, Reproductton und Consumation spricht dafür, dass die Musik, welche dem Deutschen Herzensbedürfnis ist, eine Volksmacht geworden. Fassen wir das Mufiktreiben unserer Tage näher ins Auge, kann uns gleichwohl nicht entgehn, dass da manches im Argen, was den geist- und gemüthsveredelnden Einfluss der Tokunst fraglich macht. Es ist nicht zu verkennen, die Wurzel des Uebels sitzt wesentlich in der Gedankenlosigkeit, Einseitigkeit und Oberflächlichkeit, womit die musikalische Disciplin zuweilen gehandhabt wird. (Fortsetzung folgt.) Der Besuch des Königs nn israelitischen Cullus-Ternpel %1x Agram. Agram, 15. October. Punkt halb zehn Uhr traf Se. Majestät beim Tempel ein. Im Gefolge befanden sich Se. Excellenz der B a n n s, Flügeladjütaut FML. Paar, mehrere hohe Officiere, Sectionschef Dr. K r 8 n j a,v i und Bürgermeister Mo 8 insky. Vor dem Portale des Tempels, wo weißgekleidete Mädchen Spalier bildeten, wurde Se. Majestät vom Gesammt-Vorstande und den zahlreich erschienen Festgästen mit stürmischen 2iviorufen empfangen. Hierauf begrüßte Vorsteher Josef Sieben schein Se. Majestät mit folgender Ansprache: Ew. k. u. k. apostolische Majestät! Allergnädigster König! Ich schätze mich überglücklich, dass mir als Präsidenten der Agramer israelitischen Gemeinde die Ehre zuthcil ward, an der Schwelle dieses Gottes- Hauses Ew. Majestät begrüßen zu können. Die durch mich vertretene Gemeindc dankt Ew. Majestät aus dem Grunde des Herzens für diese königliche Gnade, welche ein neuerlicher Beweis ist, dass an der väterlichen Gewogenheit Ew. Majestät alle Uuterthanen unseres geliebten Königs ohne Unterschied der Confcssion in gleichem Maße thcilnehmen. Willkommen in diesem Gotteshause! Aviv unser König Franz Josef I.! Se. Mäjestät schritt in den Tempel, begleitet von der Suite und dem Vorstande. Beim Hauptportale erwartete Oberrabbiner Dr. I acobi mit der Gesetzesrolle in der Hand Se. Majestät, sprach den Segen und geleitete den König auf das Emporium, auf welchem rechts der Thronsessel unter einem prachtvollen Baldachin stand. Beim Einzuge intonirte der Chor die Jubelhymne Hallelujah, worauf Obercantor Josef Neu di, Sr. Majestät auf der Estrade gegenüberstehend, den ״Königspsalm" mit seiner klangvollen und äußerst syinpathischen Stimme in weihevollster Weise zu Gehör brachte. Hierauf hielt Oberrabbiner Dr. Jacobi folgende Ansprache au Se. Majestät: Ew. k. u. k. apostolische Majestät! Allergnädigster König und Herr! Mit dem Segen Gottes im Herzen und auf den Lippen begrüße ich in tiefster Ehrfurcht Ew. Majestät im Hause Gottes: Der Allwissende, der alle Empfindungen kennt, weiß, dass wir Israeliten eins uns fühlen mit den übrigen Söhnen des kroatischen Volkes; eins in der unerschüttcrlichen Treue und Hingebung zu Ew. Majestät und dem allerhöchsten königlichen Hause; eins in der unveränderlichen Dankbarkeit für die zahllosen Gnadenbeweise, mit welchen Ew. Majestät alle Unterthanen ohne Unterschied des Standes und der Religion beglückt; eins in der unmesslichen Freude, dass Ew. Majestät die Hauptstadt Kroaticn-Slavonicns mit dem allerhöchsten Besuche ausgezeichnet haben. Unaussprechlich ist aber unser Jubel in dieser Wcihcstunde, da Ew. Majestät allergnädigst gewürdigt, diesen Tempel durch die allerhöchste Anwesenheit zu verherrlichen. So lange diese Mauern werden bestehen, so lange sich hier Israeliten versammeln, wird dieser Tempel uns und unseren Nachkommen die heiligen Empfindungen lebendig erhalten, welche wir in unserem Herzen wahren: die heiligen Empfindungen der unerschütterlichen Unterthanentreuc und unwandelbaren Dankbarkeit gegen den allerhöchsten Thron! Geruhen Ew. Majestät zu gestatten, dass ich dieses feierliche Gelöbnis in meinem und im Namen aller Israeliten unseres theuren Vaterlandcs in aller Ehrfurcht Ew. Majestät zu Füßen lege, mit dem Gebete zum Ewigen, dem Vater aller Menschen, dass er Ew. Majestät, unseren allergnädigsten König und Herrn, noch viele und viele Jahre erhalte zum Segen aller Völker, zum Segen aller Unterthanen Ew. Majestät. Gott segne und beschütze Ew. Majestät! Gottes Huld und Gnade geleite auch fürder Ew. Majestät auf der Ruhmesbahn. Gott blicke freundlich auf Ew. Majestät und sei Ew. Majestät zu Hilfe, zu erhalten den Alle beglückenden Frieden! Amen, Amen! Diese Rede, welche Dr. Jacobi in kroatischer Sprache mit großem Schwünge vortrug, war von großer Wirkung und mächtigeiu Eindrücke auf alle Anwesenden. Abermals intonirte Chor und Orgel unter der gediegenen Leitung des Cantors Wcintraub die Volkshymnc, worauf Se. Majestät gegen den heiligen Schrank sich verneigend, den Tempel verließ. Zu Oberrabbiner Dr. Jacobi, der Sr. Majestät bis zur Equipage das Geleite gab, äußerte sich Allerhöchstsclbcr in sehr auszeichnender Weise über den schönen Tempel nnd den herrlichen Gesang. Erwähncnswerth ist noch, dass sämmtlichc Gäste, sowohl Männer als Frauen,-in Fcsttoilette erschienen waren. Auch die Repräsentanz der Cultusgcmeinde hat durch den Beschluß, zur Erinnerung an diesen allerhöchsten Besuch eine Gedenktafel im Tempel anzubringen, von ihrer bewährten Loyalität den schönsten Beweis geliefert. Kleine Chronik Ein 25-jähriges Amks-Inbiläum. Die Jubiläumsfeier der 25-jährigen Amtsmirksamkeit unseres hochgeschätzten College», des Herrn Obercantor Moritz Wallerstein tu Prag, von der wir in vorletzter Nummer unsere College» in Kenntnis setzten, hat am 9. d. M. beim Abendgottesdienste unter reger