Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 23 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. (Desterreichisch-ungarische Cantoren־geit1mg Seite 5. entflammt den Mut. Sie trägt die Begeisterung bis zu den höchsten Regionen empor. lieber die wunderbare Macht der Tonkunst auf das menschliche Gemüth waren von jeher alle Gelehrten einig. Was dagegen ihren moralischen Werth bei der Erziehung des Menschengeschlechtes betrifft, darüber herrschten stets getheilte Ansichten und widersprechende Meinungen. Die griechischen Philosophen des Alterthums maßen der Wirkung der Musik ebenso einen sittenveredelnden als sittengefährlichen Einfluß bei. Während Plato, der geniale Begründer der Wissenschaft vom ideal Schönen, einen großen Theil der Musik verwirft, weil sie die Leidenschaften aufregt, erblickt Aristoteles, der Vertreter des ästhetischen Realismus, gerade in der Musik das wirksamste Mittel, die Leidenschaften zu reinigen. Plato, der schon die bedeutsame innere Verwandtschaft der Musik mit den Zuständen. und Bewegungen der Menschenseele erkannte und sie 1m wahren Sinn des Wortes den Ausdruck, die identische Nachahmung derselben nannte, schrieb gleichwie Aristoteles der musikalischen Disciplin einen weittragenden Bildungs- und Erziehungswerth zu und will, dass jeder Bürger in der Musik unterwiesen werde. Darin stimmt er mit Luther überein, welcher der Meinung ist, Musikam müsse man von nothwegen in den Schulen behalten, dieweil sie eine halbe Disciplin und Zuchtmeisterin sei, so die Leute gelinder und sanftmüthiger, sittsamer und vernünftiger mache. — Der berühmte englische Philosoph des 17. Jahr- Hunderts, John Locke, der alles Wissen, was nicht auf Ersahrung und Thatsachenlogik beruht, verwarf und als der Begründer einer besseren empirischen Seelenkunde galt, spricht sich in seinen Erziehungsansichten ausdrücklich gegen die Bedeutung der Musik beim Unterricht der Jugend aus. Er weist ihr unter allen Geschicklichkeiten unbedingt die letzte Stelle an, und meint, in diesem kurzen Leben habe man wichtigere und nützlichere Dinge zu thun. Noch weiter geht der Franzose Victor de Laprade in seiner Streitschrift ״Contre la nrasique“. Er hält nichts von der hochgepriesenen moralischen Macht der Tonkunst und sucht dies damit zu beweisen, dass große und kleine Despoten die Musik protegirt hätten. Sie sei die Lieblingskunst unterdrückter Völker. Gleichwohl fand, gerade in den griechischen Freistaaten zur Blüthezeit der Bildung, die Musik liebevolle Pflege und eingehendere Beachtung bei den Gesetzgebern des Volkes, als jemals unter den Tyrannen und Despoten des sittenverdorbenen Rom. Seltsam sind Laprades weitere Argumente coiitre la musique: ״Die Franzosen hätten zu allen Zeiten ihrer historischen Größe falsch gesungen. Das schadete nichts, da sie richtig zu denken uub tapfer zu handeln wussten. Jetzt sei auch Frankreich fortgerissen von dem musikalischen Fortschrit und sein ״neuer Geist" sei eng verbunden mit der aus Deutschland und Italien importirten Kunst." Es ist zu verwundern, dass der französische Academiker die importirte deutsche Musik nicht verantwortlich macht für das 1870—71er Kriegsunglück seiner Nation und für den Verlust Elsaß-Lothringens. Dann hätte er sich freilich selbst widerlegt, denn das deutsche Schwert hat dabei schlagend bewiesen, dass die Leyer seiner Tapferkeit noch keinen Abbruch gethan. Erwägen wir die Ansichten.für und wider die Musik, so treten die Fragen an uns heran: Inwiefern ist die Musik ein sittlicher Factor? Und wie wird unsere Zeit der musikalischen Erziehung vom ethischen Standpunet gerecht? Das Streben, allem Handel und Wandel des Erdeulebens eine angenehmere, schönere Gestalt, eine reinere, höhere Bedeutung zu geben, liegt tief in der menschlichen Natur begründet. Es ist die Grundlage der Cnltur, der Anfang und Ausgang, das Ziel und der Endzweck der Kunst. Unter diesem Gesichtspunct betrachtet, ist jede Kunst in ihrer Art ein sittlicher Factor. Es kommt auf den mehr oder minder würdigen Gegenstand ihrer Darstellung und die derselben zu Grunde liegende Idee, auf ihre ästhetische Form und ihren ästhetischen Inhalt an. Während alle anderen Künste mehr oder weniger zum Verstände sprechen, der sich der empfangenen Eindrücke mit logischer Klarheit bewusst wird, wirkt die Musik logisch unbegrenzt auf unser Gemüth. Sie ist, wie Kant sagt, ״Gegenstand des allgemeinen nothwendigen Wohlgefallens ohne Begriff". In ihrer unbeschränkten Eigenschaft als Instrumentalmusik vermag sie weder ein bestimmtes Bild noch ein bestimmtes Gefühl darzustellen. Alle Tonmalereien ohne programmatische Erklärung sind verschiedener Deutung fähig. Wer Schumanns ״Knecht Ruprecht" hört, ohne zu wissen, was es vorstellen soll, wie sollte er es errathen können, so charakteristisch das kleine Clavierstück an und für sich ist. Kommt der programmatische Titel seiner Phantasie zu Hilfe, dann erwachen vielleicht jugendselige, vorweihnachtliche Stimmungen, Bilder aus der fernen schönen Kinderzeit ziehen an seinem Geist vorüber. Da poltert Sankt Klas auf den gewichtig aufwärtssteigenden Tonschritten die Treppe herauf. Jetzt öffnet er die Thür, und in langem Pelzrock und weißem struppigem Haupt- und Barthaarschmuck, mit dem geheimnisvollen Gabensack unterm Arme und der gefürchteten Ruthe in der Hand, steht er in der Kinderstube. Aus dem Mittelsatz des kleinen Tonstücks klingt das Bitten der der ängstlichen Kleinen und die freundlich ernsten Ermahnungen des Nüsse und Aepfel spendenden schelmischen Alten hervor, der polternd, wie er gekommen, auf den wuchtig abwärtssteigenden Passagen des Schlußsatzes verschwindet. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik Wien. Se. Majestät der Kaiser hat dem Großgrundbesitzer Dr. Armin Freiherrn v. Popper in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete der öffentlichen Wohlthätigkeit das Comthurkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. Baron Popper, obgleich erst im 35. Lebensjahre stehend, erfreut sich, wie der ״Pester Lloyd" schreibt, in Oberungarn großer Popularität, speciell in den ungarischen. Kreisen, da er mit seinem ganzen Einfluß und bei jeder Gelegenheit für die nationale Idee eingetreten ist. Ein entschiedener Anhänger der Liberalen Partei, trachtete Baron Popper stets, das beste Einvernehmen unter den verschiedenen Confessionen ausrechtzuerhalten, und namentlich die katholische Geistlichkeit weiß nicht genug die seigneuriale Art zu rühmen, in welcher Baron Popper die Pflichten des Patronats- Herrn — er besitzt das Patronat über 24 Pfarren — erfüllt: auch sonst ist der Wohlthätigkeitssinn Baron Poppers im ganzen Trencsiner Comitat bekannt und daher ist auch die Freude über die allerhöchste Auszeichnung eine allgemeine. Wren. Samstag den 5. Oktober fand in! kleinen Betsaale des Leopoldstädter Tempels eine erhebende Festfeier statt. Der Obmann, Herr Jacob Theumann, und das Vorstandmitglied Herr Philipp Weiner des allgemeinen Kranken-Unterstützungs- Vereines ״Nächstenliebe" spendeten dem Vereine ein Lscksr Thora. Dasselbe wurde beim Mincha-Gottesdienste eingeweiht. Die cantorale Funktion versah Herr Obercantor Goldstein mit dem Tempelchore sehr weihevoll, und Herr Rabbiner Dr. Schmiedel hielt die Festpredigt, in welcher er die Symbole, mit denen die Thora geschmückt wird, die Krone, das Mäntelchen