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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-10-11 · Heft 23 (11.10.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 23 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 23. Mn ist ein neuer Rabbi angekommen, welcher nicht importirt worden, sondern aus freiem Antriebe herkam und welcher als ein wahres Wunder von Gelehrsamkeit und Beredtfamkeit gepriesen wird. Er ist noch ein vergleichsweise junger Mann, erst 39 Jahre alt und die Ostseite, trotzdem für den Eintritt in die Synagoge eine kleine Summe zu entrichten ist, drängt sich förmlich in das Gotteshaus, um sich an den wunderbar«! Vorträgen des Gottesmannes zu erbauen. Diese Vorträge werden regelmäßig nach dem Abendgottesdienst am Samstag und Montag gehalten, und da er keine Anstellung hat, so muß er von den Eintrittsgeldern leben. Der Mann versteht auch fein Geschäft. Deine Themata sind nicht der casuistischen Litteratur der Vergangenheit entnommen, sondern er greift in das frische Leben und spickt feine Reden mit passenden Gleichnißen aus, wodurch er feine Zuhörer packend fesselt. So sprach er dieser Tage über das Unrecht, in einem freien Laude sich ge- Heimen politischen Gesellschaften anzufchließen und sprach etwa wie folgt: Ein Bürger, welcher unter einer tyrannischen Regierung lebt und in beständiger Furcht ist, dass er in jedem Augenblick von seinen Unterdrückern beraubt werden kann, hat guten Grund im Geheimen thätig zu sein und vielleicht Manches zu thun, was mit seinem Gewissen nicht ganz vereinbar ist. Seine Entschuldigung für das Uebertreten der Landesgesetze beruht in dem Umstand, dass diese Gesetze von seinen Feinden geinacht wurden, ihn zu verhetzen und zu unterdrücken. In Rußland findet der Jude eine Entschuldigung, und zwar eine berechügte, in der Umgehung von schmachvollen Gesetzen. Aber hier in diesem fteien Lande, wo alle gleich vor dem Gesetze sind, ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse, müssen die Gesetze einem Jeden heilig sein und von einem Jeden befolgt werden. Indessen ist eine neue Vereinigung von orthodoxen Gemeinden im Werke, deren Präsident Herr Sarasohn, der Herausgeberder ״Jüdischen Gazette", sein soll, und Rabbi Maslianski, der junge Prediger, wird die Rabbinerstelle erhalten. Der wohlbekannte Rabbiner Osias Hochglück, ein geschätzter Mitarbeiter dieses Fachblattes, ist von der Congregation Tempel B'noi Israel, 79. Straße, einstimmig gewählt worden. Rabbi Hochglück ist sowohl ein geistreicher Prediger, wie auch ein vorzüglicher Cantor. Er ist im Besitze einer umfangreichen und klangvollen Tenorstimme und ist sehr musikalisch gebildet. Rabbi O. Hochglück ist noch nicht lange im Lande und war ftüher zwei Jahre in Hamburg und zehn Jahre in. St. Gallen (Schweiz) als Obercantor angestellt. Er hat sich auch in Europa durch Veröffentlichung seiner hebräischen und deutschen Compositionen für gemischt«» Chor, Männerchor und Cantor-Solo mit Orgel und Pianoforte-Begleitung einen Namen gemacht. Das jüdisch-theologische Seminar in hiesiger Stadt hat seine Arbeiten wieder ausgenommen und damit begonnen, die Schüler Ln die verschiedenen Klassen einzureihen. Zwei junge Leute wurden von der Fakultät, bestehend aus den Herren Dr. Morais, Dr. Maisner, Dr. Drachmen! und S. I. Roeder, einer eingehenden Prüfung über talmudische Fachkenntniße unterworfen, um ihnen, je nach dem Ergebniße, das Maturitätszeugnis als Rabbiner auszustellen. Die Candidaten David Wittenberg und Henry . Speaker erwiesen sich als scharfsinnig und bewandert, und somit. wird das Seminar im Stande sein, zwei Rabbinatscandidaten aus seiner Anstalt hervorgehen zu sehen. Die Gemeinde Beth-El in Jersey City hat einen guten Griff gethan. Sie hat Rev. Nosenzweig, welcher seit einer Anzahl von Jahren als Vorbeter und Cantor in dem Tempel in 86. Straße fungirte und dort sich allgemeiner Beliebtheit erstellte, zu ihrem Rabbiner und Vorsänger gewählt. Herr Rosenzweig ist mit einer schönen Stimmen begabt, ist musikalisch gebildet und besitzt gediegene Kenntniße in der jüdischen Litteratur. Er ist ein biederer Charakter und seine Anstellung wird die junge Gemeinde zweifellos heben. Die neue Gemeinde ״Israels Hope", in No. 211 Ost 24. Straße, macht gute Fortschritte und gewinnt stetig neue Mitglieder. Der gelehrte Rabbiner Dr. Adolph M. Radin hält allsabbathliche Vorträge, welche durch ihren gediegenen Inhalt die Zuhörer fesseln und den religiösen Gedanken zum vollen Ausdruck bringen. Das Reform-Judenthum hat mit dieser Gemeinde eine ersteulichc Stätte in der oberen' Stadt gewonnen, da Dr. Radin einer der treuesten und begeistertsten Vertreter dieser Richtung ist. Das Monument, welches dem Andenken des großen Menschenfreundes Jesse Seligmann, dem verewigten Präsidenten des jüdischen Waisenhauses gewidmet ist, geht seiner Vollendung entgegen und wird wohl noch diesen Herbst enthüllt werden. Das Modell befindet sich in dem Atelier des Bildhauers Ezekiel, dem genialen Künstler aus Cincinnati, in Rom. Der Unterbau wird aus Marmor in verschiedenartigen Farben bestehen und die Büste, Lorbeerkranz, Waisenkind mit Rolle, dem Adler und der Schlange in Bronze gegossen werden. Die Inschrift an demselben wird lauten: ״Wahre Freiheit vernichtet Intoleranz". Auf der Rolle, welche das Waisenkind in der Hand hält, liest man: ״Seine Mildherzigkeit kannte weder Rasse noch Glauben". Das Monument im Großen und Ganzen rief die Bewunderung Aller hervor, welche das Modell besichtigten. Gestern fand im Alliance Institut in East Broadway eine Versammlung statt, in welcher Rev. Isidor Meyers aus London einen Vortrag zu Gunsten des Vereins für die Kolonisirung Palestinas hielt. Bekanntlich wird in England unter j den russischen Eingewanderten viel agiürt für den Ankauf von Ländereien in Syrien, woselbst Ackerbau-Colonien errichtet'werden sollen. Oberst Goldsmith, ein hervorragender Offizier in der englischen Armee, ist ein starker Befürworter der Bewegung, und Rev. Isidor Meyers war sehr thätig in dieser Richtung. Die Versammlung war zahlreich besucht und der Vortrag wurde lebhaft applaudirt. _ Die musikalische Ersiehuug.') Keine Kunst trifft so unmittelbar und allgewaltig das Menschenherz als die. Musik. Daher gewann sie vor allen anderen Künsten im Leben der Völker Einfluß und Bedeutung, daher ward ihr von den ältesten Zeiten die eifrigste Pflege zu Theil. Sie ist die volksthümlichste, die allgemeinste Kunst; denn keine andere Kunst tritt in so enge und directe Beziehungen zum menschlichen Dasein von der Wiege bis zum Grabe, wie sie. Durch alle Lebensphasen begleitet sie uns. Sie lacht, weint und betet mit uns. Sie erheitert und erhebt uns. Sie lässt den Frohen in verdoppelter Lust aufjubeln. Sie spendet den Trauernden Trost. Sie. verleiht der Sehnsucht Flügel. Sie *) Indem wir obigen ebenso interessanten als lehrreichen Artikel aus der ״Neuen illustr. M uj ik z ei tu n g" (Verlag C. Grüninger Stuttgart) wiedcrgeben, wollen wir hiemit dieses trefflich redigirte umsikalische Fachblatt unseren lesern bestens empfehlen.

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