Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 23 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23. Seite 3. <D österreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. vor. Dass wir gewöhnlich ,.Nosobs Rabbsuu.^ sagen, geschieht nicht ihm zu Ehren, sondern wir machm uns eine Ehre daraus, ihn so zu nennen; denn wenn es zu seiner Ehre sein sollte, so müsste es heißen: ״Rabbenu Mosche“. Einigen großen Gelehrten nach Abschluss des Talmud wurde der Titel Gaon, Excellenz beigelegt, wie Ladja, Lcberira Rai Gaon u. a. 111., weil sie in allen 60 Theilen des Talmud vollkommen bewandert waren und "״גאון hat den Zahlwert 60 (S. Tischbi Let g.) Heute und wohl auch früher im später!! Mittelalter trieb man Mißbrauch mit diesem Titel, der fast jedem amtirenden Rabbiner beigelegt wurde. Es ist unbegreiflich, dass Maimon, der doch durch sein Werk ״Jad Hachsaka1‘, eine Riesenarbeit, den Talmud ganz bewältiget hat und kundig in allen dessen Schichten war, dennoch nicht unter den Gaonim gezählt wird; vielleicht war sein More Nebochim schuld daran, der. von vielen Rabbinen angefeindet war. Die Wirksamkeit der früheren Rabbinen war umfangreicher als der jetzigen, sie waren Gesetzeslehrer und zugleich Richter, Juristen, die Prozesse unter den Israeliten schlichteten, das war ihnen von der jeweiligen Regierung gestaltet. Auch war ihre Autorität bei dem Volke geschätzter als heute. In alter Zeit haben wir einen Grund dafür, die Rabbiner waren unabhängig, sie wurden von den Gemeinden nicht besoldet. Sie betrieben Oekonomie, waren meistens Handwerker. Sogar R. Jehuda, der Fromme genannt, ergriff schon in seiner Jugend das Handwerk als Bötcher (B. Batra 103), Jose ben Chalafta war ein Gärber, Rabbi Jochanan Hasandler war ein Schuhmacher, eigentlich ein Sandalenverfertiger, R. Nafcha war ein Schmied 11. d. g. nt. Da in späterer Zeit die Rabbiner von den Gemeinden besoldet angestellt wurden und als Gemeindebeamte, in kleineren Landgemeinden sogar als Gemeindediener betrachtet und behandelt werden und von den Launen der Vorsteher und einflußreicher Mitglieder abhängig sind, da ist die Autorität der Rabbiner stark gesunken, und dadurch sinkt auch das Judenthum. Zu dem Synagogenpersonal gehört auch der Cantor, eigentlich ,.חזן", der, wie aus verschiedenen Stellen des Talmud ersichtlich ist, ganz andere Funküonen in der Synagoge zu versehen hatte, als der heutige Cantor. Er wird genannt als Aufseher und Diener der Synagoge ״חזן הכנסת״ (Joma 68 und Sota 40.) In der Synagoge des Tempels zu Jerusalem reicht der Chasan dem Hohenpriester die Thora, aus welcher er vorlas. Es mag sein, da in späterer Zeit der Chasan die Vorlesungen der Thora selbst übernahm er dann auch als Vorbeter den Namen Chasan beibehalten hat; denn »׳'חזן' kann nur abstammen von ״חזה״ schauen, Aufsicht haben, also Diener der Synagoge, er beaufsichtigte auch die Schuljugend. (Sab. 1, 3.) Hingegen finden wir den ״שליח צבור״ in den frühesten Zeiten als Vorbeter fungiren. (R. Haschono 33 ff.) Auch durfte nur derjenige als Vorbeter die Gemeinde vertreten, der bereits mannbar war. (Chulin 24.) Er musste ferner hebräisches Wissen besitzen, eine untadelhafte Aufführung und eine angenehme Stimme. (Maimuni H. Tefilla 8.) Später haben die Gemeinden bei der Anstellung eines Vorbeters mehr Gewicht auf schönen Vortrag, herrliche Stimme, harmonischen Gesang gelegt, und so bildeten sich Chasonim mit Meschorerim. Cantoren mit Chor, und der Gottesdienst begann sich schöner zu gestalten. Da kam es wohl auch vor, dass unwürdige Sänger zufolge ihrer schönen Stimme beim Volke den Vorzug erhielten, wenn sie auch sonst im Hebräischen Ignoranten waren. Dagegen legten die Rabbiner Protest ein. So finden wir. im Mordecha zu Chulin P. 1 eine Anfrage: ״Ein Unwissender (Am Hoorez), der eine angenehme, klangvolle Stimme befitzt, und das Volk wünscht ihn als Borbeter, und ein Anderer, ein Gelehrter, der aber keine so hübsche Stimme besitzt, welcher von diesen beiden verdient den Vorzug? Die Antwort lautete zu Gunsten des Letzteren, der Gelehrte hat den Vorzug, denn er versteht, was er betet. Auch in Teschuwas Rosch (4, 22) hören wir die Klage: Ich gräme mich über die Chasonim des Landes, die zu ihrem Vergnügen und Nutzen mit ihrer schönen Stimme prangen, und selbst, wenn sie Gesetzesverletzer sind, das Volk achtet nicht darauf". Das war der Streit zwischen den Gemeinden und Rabbinen, besonders, wenn der Vorbeter zugleich als Schochet fungirte. Und wie besteht es heute in dieser Beziehung? Die Antwort lautet : Sapienti safc!*) (Fortsetzung folgt.) Jüdisches Grmemdeleben in Amerika. New-Iork, 10. September. Die Vereinigung jüdisch orthodoxer Gemeinden, welche seiner Zeit den Rabbiner Jacob Josef herüber kommen ließ und den guten Mann als Oberrabbiner New-Iork's in alle Welt hinausposaunte, hat sich in Frieden aufgelöst. Dem Rabbiner wird kein Gehalt mehr bezahlt und eine jede Gemeinde treibt es für sich, so gut es geht. Es handelte sich damals, eine Autorität zu berufen, einen Mann, welcher die Aufsicht über die Schächter und Metzger führen sollte, damit das Fleisch, welches den Leuten verkauft wurde, auch strikte koscher sei. Eigentlich war es eine Anzahl Metzger, die den ganzen Plan ausheckten und ausführten. Die Religion war nur der Deckmantel, die Hauptsache war der Profit, welcher dadurch herauskam, dass das Syndikat, welches den Rabbiner controlirte, auch den Fleischverkauf controlirte, da die Fleischer blos von solchen Großschlächtern kaufen konnten, welche die Llpprobation des Oberrabbiners und dessen Zeugnis hatten, dass die angestellten rituellen Schächter geprüft worden und autorisirt sind, nach traditioneller Vorschrift zu schlachten. Es war nicht lange nach Antritt seiner Function, dass Rabbi Jacob Josef ausfand, dass er das Werkzeug einer gewissen Clique war, aber es war zu spät. Nun wurden die sogenannten Plombes eingefühct, das heißt, aus Blei hergestellte Abzeichen mit der Autorisation des Oberrabbiners, welche einem jeden Ochsenviertel und jedem geschlachteten Stück Klein- und Federvieh angehängt werden mussten. Da gieng nun die Revolution los. Die nicht gut befundenen Schächter und die nicht dem Ring angehörenden Metzger stießen in das große Horn und weigerten sich, in einem freien Lande sich einer. Autorität unterzuordnen; ein neuer Verband wurde gegründet und der Tanz unter den concurrirenden Fleischern gieng von Neuem und mit größerer Heftigkeit los. Der Oberrabbiner wurde indessen krank und nun, da er von den Gemeinden abgedankt ist, haben ihn eine Anzahl von Großschlächter engagirt und zahlen ihm einen Gehalt von 2000 Doll., um die Aufsicht über die von ihnen angestellten Schächter zu führen und dem von ihnen verkauften Fleische das Sieget der wahren Koscherheit aufzudrücken. *) Trotzdem wir den geschätzten Autor dieses Artikels als aufrichtigen Freund der Cantoren kennen, muffen wir dennoch die Bemerkung machen, dass der geschichtliche Ueberblick über die Bezeichnung und Bedcutnng des Cantors etwas dürftig ausgefallen ist und Licht- und Schattenbilder nicht ganz gerecht vertheilt erscheinen. (Die Redaction.)