Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 22 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Säte 6. 0e(ierrctc^ifc^־ung4Hfd?c; ״€pitor£n־@eit11ng. Nr. 22. Zächen des Zusanwrengchöngkeitsgefühlesunter den Juden sei, und fuhr dann fort: ״Der Verstorbene, den wir hier trauernd wnstchen, er hieß Jseael Meisäs. Wenn Sie mich fragen, wer war Israel Meisäs, so muß ich Ihnen .sagen: Ich weiß es nicht/ Das soll aber durchaus keine Geringschätzung für den Todten sein; im Gegeutheile. Er gehörte zujener..!großen, breiten Schichte der unbescholtenen, ehrlichen .Leute,-, welche in chrem Gottesglauben, in ihrer einfachen ׳und bescheidenen Lebensweise ihr £eBen und ihre Well ausfüllen, ohne, sich iw irgend einer Weise der Außenwelt bemerDar zu machen. Wer/ es ist nicht Gepflogenhüt, dass wir so stille Menschen, mit ׳ einem solchen Leichenbegäugniße bedenken.-. Sülle, wie sie gelebt, pflegen sie auch begraben zu werden. Aber-, diese starke Be- Heiligung gilt der Ausnahme, der Außergewöhnlichkeit dieses Todesfalles. Der arme,' alte Mann. hat ׳ am Vortage des Neujahrsfestes seine bescheidene Stube festlich geordnet, und in., der Absicht, sich für das bevorstehende Fest ein Stückchen Fleisch zu kaufen, dessen er die ganze Woche entbehrte, geht er. hinaus, aus seiner Stube, und wie er so des Weges geht, kommt ihm ein Mensch in die Quere, der ihm mit brutaler, ungeschlachter Gewalt und Rohheit einen Stoß versetzt, der ihn zur Erde niederstreckt, von der er sich nicht mehr erheben sollte. War das ein Feind von ihm? War das ein Racheact? Nein! Dieser Stoß galt nicht Einem aus der menschlichen Gesellschaft, dieser Stoß galt dein Juden Israel Meisels, er fiel als Opfer sünes Glaubens, als Mitglied der jüdischen Gesellschaft. Dieser Stoß wird empfunden von uns Allen, wir Alle verspüren ihn,- dieser Stoß ist uns versetzt worden. Wir sprechen in unseren Andachtsübungen zu Gott, dass er uns Beistand leiste um Derer willen, die als Märtyrer seines heiligen Namens in den Tod getrieben wurden. Nun denn, dieser Mann gehört von nÄn ab auch zu diesen Edlen, die für ihren Glauben den Tod gefunden. Wir haben ihn im Leben wenig beachtet, weil seine Bescheidenheit uns hiezu keine Veranlassung gegeben, aber sein Tod, die Art und Weise wie er gestorben, hat uns ihn Werth und Heuer gemacht, und seinen Werth erkennen wir heute schon, indem er das Zusammengehörigkeitsgefühl in uns Allen wachgerufen hat, und so sei und bleibe sein Andenken gesegnet. Amen!" Räch dieser Rede, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte, wurde der Sarg in das Grab gesenkt. Am offenen Grabe richtete sodann Dr. Arnold Ascher als Ehren- Mitglied des Wiener Hausirervereines an den Verstorbenen namens feiner ehemaligen Berufscollegen warme Worte des Abschiedes. Er schilderte die Leiden, Unbilden, Beschimpfungen und Rohheiten, welche die jüdischen Hansirer, diese Aermsten unter den Armen, täglich, ja stündlich zu erdulden haben. Sie habe» auch die Kunde von dem so grausam'en Tode ihres ehemaligen Berufsgenosien mit begründeter Angst und beklemmender Besorgnis vernommen. ״Der Jude", sagte Dr. Ascher, ״den/ aus Uebermuth Waaren weggenommen wurden, welche ihm! trotz süner flehentlichen Bitten nicht zurückgegeben werden, der Haüsirer, der ohne jede Veranlassung geschlagen und beleidigt wurde. Du, der Du durch Mißhandlung den Tod fandest, sie! geben ein beklagenswerthes Bild dieses Berufes. Wir aber wollen an Deinem Sarge die Hoffnung und den Wunsch aussprechen, dass aus dem Blute, das Du Unglücklicher vergossen, die Blume wahrer Menschlichkeit und Nächstenliebe ersprieße, damit wieder Eintracht und Friede unter allen Menschen einkchre." — Hierauf fielen die ersten Schollen ins offene Grab und die Trauerfeier für das unschuldige Opfer menschlicher Verwilderung war damit zu Ende. PrsA, 24. Septencher. Oberkantor Moritz Wallerstein begeht am 10. Oktober 1895 sein 25-jähriges Dienstjubiläum als Obercantor und Chormeister der Meisel-Synagoge in Prag. Am 19. April 1847 in Prag geboren, zeigte er fäihzeitig schon Talent zum Gesänge und war als Knabe bereits einer der besten Sopransolisteu im Sängerchor des Prager Tempels unter Leitung des bis heute noch unvergessenen Oberkantor Pereles. Schon in diese Zeit sälll die Ausbildung seiner musikalischen Fähigkeiten unter dem seinerzeit in Prag wohlbekannten Clavierlehrer Carl Tnllach. Während der Mutationsperiode wandte er sich zwar dem Kaustnannsstande zu, jedoch ohnedie Musik zu vernachlässigen. um ׳ nach Vollzug der Mutation sich wieder mit ganzer Kraft der Kunst zu widmen. /Mit einer schönen Bariionstimme .begabt,- machte er Gesangsstudien in der Gesangsschule des ehemaligen Prager Opernsängers Josef Emminger, trat sogar mit günstigem Erfolge auf der Privatübungsbühne des Niktastheaters im Vereine mil dem Sänger Cässio und der jetzt so berühmten Coloräturdiva, Marie Lehmann als ״Rigoletto" auf, doch nichj in der Absicht, die Theaterlaufbahn zu betreten. Zu gleiches Zeit besuchte er auch unter der Direction Skuherski die Prager Qrganistenschüle und vollendete seine weitere musikalische Aufbildung bei Prof. BlaLek. Im Jahre 1867 bis 1868 sehm wir ihn als vertretenden Chorleiter seines Lehrers Pereles om Tempel zu Prag, während welcher Zeit er auch seine cantovajen Studien bei dem damals in Prag domilizirenden Cantor Lanzer (jetzt in Esseg) machte. Im Jahre 1868 folgte er, auf Enpfehlung seines Gönners Pereles, einem. Rufe nach. London, wo er die Stelle eines ersten Chasan und Chordirigentev an der ״German-Synagoge" mit allen Ehren bekleidete. Er erriytete chä einen.gemischten Chor, wie ihn, nach ״Aussage" des dortigen - Vorstandes, keine Synagoge der Metropole besser hatte,׳ und׳ . es wurde ihm für diese Leistung beim Verlassen dieser S^llüng. nebst schriftlicher Anerkennung auch eine werthvolle goldeneKette überreicht. In den letzten Monaten seines Dortseins bekeidete er auch die Stelle des Dirigenten eines holländischen Minnergesangsvereines. Dem Wunsche seiner Eltern folgend, suHte er, in Prag Stellung zu bekommen, und fand selbe im Herbst 1870 an der Meiselssynagoge, in welcher er seither in hervorragender Weite thätig ist. Er bietet als Obercantor, wie als Chorneister stets Gediegenes. Sein Hauptverdienst aber ist, dass er wihrendder Verwaisung der'Predigerkanzel, durch den Tod Dr. pteins, unter der Leitung des Synagogenvorstandes, welcher ihn freie Hand in der Ausübung seines Berufes gelassen, aus einer Synagoge, die außer an Feiertagen stets leer war, e§e vom Publikum stark besuchte zu machen verstand. Trotz der vermiedenartigsten Anfeindungen führte er damals deutsche Schlusrgesänge ein, studirte ein abwechslungsreiches hebräisches, muskalischcs : Programm mit dem Chore, so dass seit dieser Zeit der Besuch dieser Synagoge ein immer reger blieb, und die Gesäüg^ noch jetzt ihre ungeschwächte Kraft ausüben. Er bringt eine!große Anzahl (etwa 80 Nummern) eigener Compositionen m Ab- Wechslung mit denen verschiedener Meister mit seinem wohlgemulteir Synagogenchor zur correcten Aufführung. Seiner musikMcheu Erfindung verdankt die Meiselssynagoge ihre ganze deutsche Liturgie, die fast bei jedem Gottesdienste Anwendung findet. Auch als Clavierlehrer wusste er sich einen guten N^nen zu machen und zählte viele Schüler zu den seinen; jesoch sein Streben gieng dahin, auf gesanglich-pädagogischem/Gebiete thätig zu sein, um auch der profanen Kunst öffentlich näher treten zu können und in derselben nach Möglichkeit Gutes zN leisten. Im Umgänge mit den besten Sängern Englmds und Deutschlands stand er in Meinungsaustausch und unternahm, erst nach 10 Jahren rastlosen Selbststudiums Gesangsunterricht zu ertheilen. Eine stattliche Zahl von Schülern und Schülerinnen, bestätigt seine Erfolge. Auch schriftstellerisch war er h'arch einige Aufsätze im ״jüdischen Cantor", Gesangsanalogie benannt, thätig. und legte auch, außer einigeu profanen Weisen noch Desänge für Hochzeiten, Bar-Mizwa und Beerdigungen unter dem Titel. ״Ner Tomid“ (Verlag Jacob B. Brandeis, Prag) in Drück, welche allseits einer guten Beurtheilung theilhäflig wurden.. Er ist Genosse des Künstlervereines ״Concordia"- gehört vielen. Humanitären Vereinen als Mitglied an und nimmt auch in. Kunstkreisen eine geachtete Stellung ein. Als Mensch zieren ihn. die besten und schönsten Eigenschaften; ebenso verdient er als musterhafter College aufgestellt zu werden. Sein Verhältnis gegenüber seiner Gemeinde ist für ihn sehr ehrenhaft, seine- Untergebenen schauen zu ihm wie zu einem Vater auf; mit einem Worte, er wusste sich überall Achtung zu erwerben undselbe zu bewahren. In Anbetracht seiner, zahlreichen Vorzüge als- Mensch, wie auch wegen seiner Verdienste auf cantoralem Gebiete gebührt Hm wahrlich die schönste Anerkennung seitens seiner Freunde rind Bekannten, deren Zahl nicht zu schätzen ist, sowie, seitens seiner Collegen von nah und fern.