Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 22 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 7. Nr. 22 Troppau, 14. Sept. Heute Morgens fand die feierliche Beeidigung des Bürgermeisters von Troppau Dr. Rochowansky statt. Landespräsident Graf Coudenhove legte demselben in seiner Ansprache nahe, den Parteikampf vom geschäftlichen und gcselligen Leben fern zu halten, das Amt ohne Rücksicht auf die Nationalität, den Glauben und die politische -Gesinnung zu führen und die patriotisch-dynastischen Gesiihle in der Bevölkerung und namentlich in der Jugend zu pflegen. Bürgermeister Dr. Rochowansky dankte für die Allerhöchste Wiederbestätigung, versprach, die Verwaltung unter genauer Beobachtung der Gesetze zu führen, Alles aufzubieten, um den Aufschwung der Landes- Hauptstadt zu fördern, und brachte schließlich ein dreifaches ״Hoch!" auf Seine Majestät den Kaiser aus. Klausenburg, 22. September. Unter den anderen Deputationen empfieng S e. M a j e st ä t der Kaiser u n d König heute auch die Deputation der' Siebenbürger Israeliten unter Führung des Oberrabbiners Moses Glasner. Auf die Ansprache des Rabbiners erwiderte der Kaiser: ״Mit Dank empfange Ich Ihre Huldigung und die Versicherung Ihrer Treue. Es dient Mir zur Befriedigung, dass Ihre Glaubensgenossen auch in den Siebenbürger Th eilen Ungarns ungestört die durch das Gesetz und durch Meinen Schutz gesicherten Rechte genießen, und zweifle Ich nicht, dass Sie sich auch fernerhin durch Bezeugung gemeinnütziger Thätigkeit sowie selbstloser patriotischer Gefühle der Achtung Ihrer Mitbürger und Meiner wohlwollenden königlichen Gnade, auf welche alle Meine Unterthanen ohne G l a u b e n s u n t er s ch i e d rechnen können, würdig zeigen werden." Temrsvär, 16. September. Die hiesige Josefstädter orthodox-israelitische Gemeinde hat gestern einen Ehrentag von besonderer Denkwürdigkeit gefeiert. Als Triumph ihrer Glaubenstreue, ihres festen Zusammenhaltens und ihrer Energie, war es ihr gegönnt, die Einweihung ihres neuen Gotteshauses festlich zu begehen, in welchem die numerisch vielleicht nicht imposante, aber vermöge der sozialen Stellung und Intelligenz aus den besten Elementen unserer Bürgerschaft sich rekrutirende Gemeinde fortab ihre religiösen Uebungen in würdigem Rahmen wird absolviren können. In der Raschheit und Exaktheit, mit welcher dieser Bau trotz unzulänglicher Mittel und trotz geringer Zahl der Gemeindemitglieder in verhältnismäßig kurzer Zeit zustande kam, liegt rühmlicher Schwung und Tüchtigkeit; die gestrige Festivität bot aber auch durch die Theilnahme der Stadtbehörde, welche der Bürgermeister persönlich vertrat, sowie zahlreicher andersgläubiger Repräsentanten ein Bild confessioneller Harmonie, welches den Traditionen der allezeit freisinnigen Stadt Temesvär entspricht, gleichwohl aber nicht oft genug gerühmt werden kann. Die Gesammtbürgerschaft der Vorstadt Josefstadt würdigte das lokale Ereignis der Tempel - Einweihung in loyalster Weise. Lange vor der festgesetzten Zeit war der Platz vor dem in der Laufergasse 3, an Stelle des früheren bescheidenen Bethauses erbauten :lenen Gotteshause, einem gefälligen, in maurischem Styl gehaltenen Kuppelbau, — ein nach vielen Hunderten zählendes Publikum versammelt, in dessen Reihen neben den isr. Glaubensgenossen auch das schöne Geschlecht zahlreich vertreten waren. An der Tempelpforte empfingen die Herren der Gemeindevorstehung, mit Herrn Consul Josef Schwimmer an der Spitze, die anlangenden Festgäste, Deputationen und Persönlichkeiten. Punkt halb 11 Uhr ertönten stürmische Eljenrufe. Bürgermeister Dr. Karl T e l b i ß war mit Senator Dr. B6la v. M e s k o vorgefahren und wurde von den Herrn Josef Schwimmer und Sparkassa-Direktor Schultheiß begrüßt. Außerdem waren erschienen: Stadthauptmann W e ch s e l b e r g e r, Grundrichter K a p p u ß, die Repräsentanten Csasnek, Löffler, Thierry, Schuster, Steigüber, der Erbauer des Tempels, Architekt Karl Hart, die Ausschüsse der innnerstädtischen und Fabriker Gemeinden corporativ; Ersterer unter Führung des Distrikts- und Gemeinde-Repräsentanten Salamon S t e r n t h a l, Letzterer geführt voll Dr. Ludwig Schwarz; Oberrabbiner Dr. Moriz Lowy, Oberrabbiner Dr. Berthöld Kohlbach, der/Präses der sephardischen Betgenoffenschaft Herr Israel D e r e r a, Senator i. P. Ladislaus N a g y, die Direktoren der Lloydgesellschaft David H erzl und Alexander Kohn, Direktor Moriz Hermann, Schuldirektor Karl Schaffer, Architekt Professor Klein u. v. A. : Kurz nach Eintreffen des Bürgermeisters nahm die Zeremonie unter dem vor dem Portal errichteten Baldachin ihren Anfang. Gemeindepräses Consul Josef Schwimmer, der drei hohe türkische Ordens-Dekorationen trug, richtete an den Bürgermeister eine ungarische Ansprache, in welcher er zunächst den Freudengefühlen der Gemeinde Ausdruck gab, dass sie ihr vor wenigen Jahren als schier unerreichbar betrachtetes Ziel nun dennoch,verwirklicht sieht, indem der Bau eines neuen Gottes- Hauses durch die Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder und der übrigen Bürgerschaft sowie durch das warme Interesse des Bürgermeisters und die Hochherzigkeit des Stadtmunizipiums ermöglicht wurde. Mit innigen Dankesäußerungen schließend, überreichte Redner dem Bürgermeister auf einer mit nationalfärbigen Bändern geschmückten Silbertasse ven Schlüssel des Tempels, denselben bittend, das Gotteshaus öffnen zu wollen. Bürgermeister kön. Rath Dr. Karl T elbi ß äußerte feine dankbare Freude darüber, dass es ihm gegönnt ist an dem Freudenfeste der Josefstädter orthod.-israel. Gemeinde theilnehmen und die Erschließung ihres neuen, würdigen Gotteshaiffes vornehmen zu können. Er erblickt in diesem Gotteshaufe ein neues Wahrzeichen jener brüderlichen Eintracht und Harmonie, welche alle Bürger dieser Stadt zu einer so schönen Gemeinschaft vereinigt. (Eljenrufe) Beweis dessen wie alle mit Freuden gekommen sind, um an diesem Feste theilzunehmen. Mit den besten Wünschen für die Gemeinde und ihr neues Heim schloss der Bürgermeister feine von stürmischem Beifall begleitete Rede, nach welcher er die feierliche Erschließung des Gotteshauses vornahm. Im Nu füllten sich die Bänke des schönen neuen Gottes- Hauses mit den Festgästen und dem Publikum, (die Damen occupirten die geräumigen Gallerien) während dessen Obercantor L i P s ch i tz, ein glänzend geschulter Tenorist mit selten schöner Stimme von hinreißendem Timbre, in der Vorhalle ein Festgebet zum Vortrag brachte. Die Tempelkuratoren Dr. Fisch ho ff, Eman. Deutsch und Kub its e k öffneten nun die Thüren der Bundeslade, vor welcher der zur Vornahme der Einweihung erbetene Rima Szombater Oberrabbiner Dr. Leo Singer den Altar betrat und zunächst diesen, sodann nach erfolgtem Rundgange mit den geheiligten Thora-Rollen auch die Bundeslade selbst einweihte. Nachher erfolgte unter weiteren Gebeten und Gesängen das feierliche Anzünden des ״ewigen Lichtes" vor der Bundeslade (der eigentliche Altar ist dem orthodox-isr. Ritus entsprechend in der Mitte des Tempels errichtet) und nachdem auch dies war, betrat Oberrabbiner Dr. Singer die Estrade, um die Festpredigt zu halten. Der eloquente Rabbi, eine sympathische jugendlich-kräftige Erscheinuug, predigte ungarisch und machte seine oratorifche Leistung einen sehr günstigen Eindruck. Zunächst flehte er Gottes Segen herab auf dieses Haus und dankte nach Gott all Jenen, die das Vorhaben, dem Allmächtigen eine- Stätte zu erbauen, gefördert und verwirklicht haben; eine Stätte für Gott und alle Völker, denn in diesem Gotteshause soll immerdar der Eultus aller großen Ideen der Menschheit, die Humanität, Baterkandsliebe und Toleranz gepflegt und gehegt werden; Gebete sollen ge» Himmel steigen für das Heil des theuereu Vaterlandes, für das Emporblühen der ungarischen Nation, für Alles, was groß und erhaben, wie dies dem Geiste des reinen Judenthums entspricht. Redner ermahnt die Gläubigen, dass sie nur dann gute Juden sein können, wenn sie auch gute Patrioten sind, die Sprache des Landes pflegen, dessen Gesetze und Einrichtungen achten. Die ungarische Staatsidee müsse der Leitstern aller confessioneller Bestrebungen sein. (Stürmische Eljenrufe.) ״So weihe ich denn dies Gotteshaus — sagte Redner am Schluffe — im Namen des einzigen, ewigen und heiligsten Gottes, im Namen der Religion und der Vaterlandsliebe. Möge dies das symbolische Eden sein, aus?welchem den Herzen und Seelen der Gläubigen der Quell des Heils ersprießt — für und für.! Amen!" Hieraus folgte noch vor der Bundeslade ein solennes Gebet für den König und das Herrscherhaus, und am Schluffe Kölcsey's ״Hymnus", von einemKnaben-Chor unter Leitung des Obercantors trefflich vorgetragen. Damit erreichte die Feier ihren Abschluß.