Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 22 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. (Üesterreichrsch-ungarische Ccmtoreu-gcitmig Seite 5. tie Juden zum Besuch der Predigten zwangsweise zu verhalten. Bon nun all musste an jedem Samstag ein Drittel der Judenschaft, die Kinder mit inbegriffen, nach dem Gottesdienst in der Synagoge die Predigten der Mönche', hören. Aber die Juden verstopften sich die Ohren mit Wolle-oder-sie stellten sich schlafend-. Ein Pedell mit Ruthe in der Hand war bestellt, sie aus ihren ^Träumen zu wecken. Al: der Kirchenthür wurden die Namen ^zener ausgeschrieben, welche gefehlt hatten und die Fehlenden mit hohen. Geldstrafen belegt. Trotzdem scheinen die Erfolge licht groß gewesen zu sein. Berichte aus dem siebzehnten Jahrhundert erzählen, dass man einst den Rabbi Josua Assarelli fsn Weib und seine vier Kinder in ein Kloster gesperrt hatte, nn sie zu bekehren. Durch 23 Tage wurde ihnen mit Predigten, Ueberredung und Drohungen zugesetzt. Endlich entließ man die Extern wieder in das Ghetto, die vier Kinder wurden getauft. Bab nachher entließ inan drei von ihnen und sie schwuren fofcrt wieder den neuen Glauben ab. Einst wurde ein jüdischer Scuve aus Tunis der Taufe würdig befunden. Schon war Alls zur Ceremonie bereit, da im letzten Moment entsprang der Mufling und ward nicht mehr erwischt. Am 24. November 176| führte man zwei römische Juden, die zum Tode verurtheilt worden waren, zum Schaffst. Die Priester wollten sie überreden, zum Christenthum überzutreten, um ihr Leben zu retten, aber^sie verweigerten den Uebertritt und wurden gerichtet. Der Pöbel zersteischte ihre Leichname und warf sie in den Tiber. Vornehmlich aber waren die Frauen standhaft im Glauben ihrer Väte^, sie widerstanden bis zum Aenßersten allen Versuchen, sie zur Taufe zu bewegen.;Was die jüdischen Katechumenen betrifft, die man in das Hausier Neophyteu brachte, so war ihr Los nicht beneidenswenh.l Hundert Goldgulden-war die Strafe für jeden Fluchrversuch Fünf Jahre auf der Galeere für die Männer, der Staupbesen für die Frauen und die Einziehung der ganzen Habe kam hinzu. Erst nach und nach, im Laufe der Jahrhunderte traten auch hier Erleichterungen ein. *** Sie brechen nun wieder auf und kommen um Mittag an ein Haus, wo sie wieder gastliche Aufnahme fanden. Nach einem einfachen Mahle fragte der Jüngling den Gastgeber, ob er glücklich sei. Dieser antwortete: ״Nicht ganz, denn ich habe mein Vermögen bei einer Spekulation verloren, außerdem ist mein Haus schon baufällig, und was mir den größten Schmerz verursacht, ist, dass ich keine Kinder habe. Aber ich vertraue auf Gott, er wird alles zum Besten wenden." ״Er wird es!" sprach der Jüngling und erhob sich mit dem Weisen zur Weiterreise. Als sie eine Strecke Weges gegangen waren, ließ der Jüngling plötzlich hinter sich eine Feuersäule entstehen, und bald ward das Wohnhaus ein Raub der Flammen. Der Weise war wieder nicht im Stande, Worte der Mahnung zu finden, weil der Jüngling ihm mit durchdringendem Blicke Stillschweigen gebot, und so wanderten sie weiter. Nach Sonnenniedergang erblicken sie wieder ein Haus, und schon kommt ihnen ein kleiner Knabe entgegen welcher sie auffordert, hinauf zur Mutter zu kommen. Der Weise, entzückt über das muntere Kind, überschüttet ihn mit Liebkosungen, doch der Jüngling blickt ihn wehmüthig an und kann eine Thräne nicht unterdrücken. Sie gehen nun hinauf, und die Mutter des - Kindes bereitet ihnen ein schlichtes Abendbrot. Am nächsten Morgen, als sie weiter wanden; wollen, gibt ihnen die Frau zur Begleitung den kleinen Joseph mit, damit sie den rechten Pfad nicht verlieren. Da kommen sie an einen Waldbach, über ' welchen ein Steg führt, und als sie in der Mitte - desselben sind, stößt der Jüngling den Knaben in die Fluch. — ״Ungeheuer, Kieme Chronik Wien» 23. Septbr. Gestern fand das- Leichenbegängnis des Hausirers Israel Meisels statt, welcher, wie bekannt, am 18. d. in der Teichgaffe in Hernals von einem Tischlergehilfeu, Josef Lutzak, mit derartiger Wucht in die Magengegend gestoßen wurde, dass der alte, siebenundsiebzigjährige Mann ohnmächtig zusammenstürzte und, ohne das Bewusstsein erlangt zu haben, im Laufe weniger Minuten verschied. Das Begräbnis, dessen Kosten die Wiener Cultusgemeinde im Vereine mit der israelitischen Beerdigungsbrüderschast von Ottakring- Hernals bestritt, gestaltete sich zu einer Trauerkundgebung für das unglückliche Opfer roher Brutalität. Vor 9 Uhr Vormittags hatten sich im Trauerhause, Hernals, Gschwandnergaffe 8, vor welchem vier Sicherheitswachleute Posto gefasst hatten, der, Rabbiner der Cultusgemeinde Ottakring. Dr. Deutsch, I. Cantor Schlesinger mit dem ganzen Chor, der Eultus- Vorsteher von Ottakring, Rosner, der Präses der OttaKnnger Beerdigungsbrüderschaft, Trnka, sammt dem ganzen Ausschüsse, der Secretär der israelitischen Cultusgemeinde, Dr. Lieben, Dr. Kohn als Vertreter des Brauereibesitzers Moriz v. Kuffner und nebstdem ein nach Hunderten zählendes Publikum eingefunden. Ebenso war auch der ganze Beamtenkörper des Jnformationsbureau ״Creditschutz", woselbst einer der Söhne des Verstorbenen bedienstet ist, wie auch die Beamten und Arbeiter des Fabrikshauses Ludwig u. Sohn Nachfolger, in welchem Hause der zweite Sohn des Verstorbenen thätig ist, erschienen. Nach den üblichen rituellen Gebeten wurde der einfache weiße, mit einem schwarzen Bahrtuche bedeckte Holzsarg in den Leichenwagen gehoben und auf den Centralfriedhof gebracht, wohin in einer langen Wagenreihe die zahlreichen Trauergäfte folgten, während Hunderte von Menschen der Leiche eine Strecke weit das Geleite gaben. Auf dem Wege, den der Leichenzug in Hernals passirte, stand ein dichtgedrängtes Menschenspalier und auch die Fenster der umliegenden Häuser waren von Neugierigen besetzt. Als der Leichenzug am Centralfriedhof, wo sich inzwischen auch der ehemalige Gemeinderath Simon als Präses der Wiener Cultusgemeinde eingefunden hatte, angekommen war, wurde der Sarg in die Vorhalle des Friedhofes gebracht. Nach einem vom Cantor Schlesinger und dem Chore vorgetragenen Choralgesange, hielt Rabbiner Dr. Deutsch dem Todten einen tiefempfundenen Nachruf. Er führte aus, dass die so imposante Betheiligung an dem Leichenbegängniße des armen, alten Meisels ein erfteuliches Mörder!" ruft nun der Weise, ״was hast du gethan, glaubst du, ich werde noch länger deine Frevelthaten mit ansehen?" und umfasst den Jüngling, um ihm denselben Untergang zu bereiten. Doch o Wunder! Der Jüngling verschwindet und auf der Wasserfläche erscheint ein Engel in Menschengestalt, welcher folgende Worte spricht: ״Kurzsichtiger Mensch, du willst tadeln und richten die Wege deines Gottes? Wisse, ich bin ein Bote des Himmels und soll dir das Treiben des Jünglings, welcher ich bin, das Walten der Gottheit klarlegen. Unserem Wohlthäter nahm ich den Becher, da er nach wenigen Jahren Gift ansetzt und dem den Tos bringt, der daraus trinkt. Jenem Hartherzigen gab ich ihn, dass die Freude für das wenige Gute, das er uns erwiesen, ihn lohne, aber der bittere Tod ihn strafe für alles Böse, das er begangen. Dem Ehepaar brannte ich das Haus nieder, damit sie den Schutt Hinwegräumen und den Schatz finden, der auf dem Grunde vergraben liegt. Den Eltern tötete ich den Knaben; würde er leben, er wäre der Mörder seines Vaters geworden, da in seinem Herzen schon der Keim des Verbrechens schlummerte." Lange blickte der Weise den Engel an, doch dieser fuhr fort: ״Siehst du die Sonne dort hinter das Gewölk treten? Ihr Glanz ist dir entzogen, strahlt sie aber nicht im Lichte, weil du das Licht nicht siehst? So oft siehst du das gerechte Walte;; der Vorsehung, und weil zuweilen deinem umwölkten Auge das Licht fehlt, willst du Gott ganz verläugnen?" Nimmer, erwiderte der Weise, denn: ״Was Gott thut, das ist wohlgethan." - - ׳