Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 22 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453335-3453357--4365-3458819- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren- Zeitung Nr. 22. srsteu Wendstunde -zu schließen. Sind die Thore einmal geechloffen, so dürfen sie nicht wieder geöffnet werden, als um drei Uhr Morgens im Sommer und fünf Uhr Atorgens im Winter. In Sen Stunden der Nacht darf Einlass in das Ghetto nur jenen gewahrt werden, die aus einer ״gerechten und zwingenden Veranlassung" außerhalb der Thore gesäumt habeu und mit einem Certificat verschen sind, das entweder von einem ordentüchen Mchter, oder sonst von einer bekannten, ehrbaren und glaubwürdigen Person ausgestellt ist. Der Thürhüter behält dieses Certificat zurück und übergibt es dem Kardinal-Vicar. Ohne Aufschub darf der Thorhüter nur Juden, die aus der Fremde eintreffen, des Nachts in das Ghetto einlassen, doch müssen sie die Namen angeben. Bei besonderen Anlässen, Streitigkeiten, Begräbnißen, Feuersbrünsten, darf der Thorhüter Nachts die Juden aus dem Ghetto herauslassen, nachdem er sie abgezählt und ihre Namen ausgeschrieben hat; bei der Rückkehr hat er sie wieder zu zählen und dem päpstlichen Notar die Namen anzugeben. Die Juden, die heimlich aus irgend eine andere Weise als die erlaubte in das Ghetto zu kommen trachten, verfallen den strengsten Strafen, zumeist der Tortur. Wer immer, Jude oder Christ,. versuchen wollte, den Thorhüter zu bestechen, soll gegeißelt werden und muß zehn Thaler Strafe zahlen, von denen fünf der Denunciant erhält. Zwischen Vergehen und Strafe bestand das grausamste Mißverhältnis. Wenn z. B. Einer, um den Verhöhnungen auf der Straße zu entgehn, die gelbe Mütze verbarg und von den Sbirren ertappt wurde, wurde er zu fünfzig Thalern Strafe verurtheilt. Konnte er nicht zahlen, wartete ihn die Geißel. Und so daueren die Zustände fort bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Noch 1671 verbot der Kardinal-Vikar den Juden, im Wagen zu fahren, und erinnerte neuerdings an das Gesetz der gelben Mütze. Erst nach Clemens X., unter den Päpsten, die mit Voltaire correspondirten, wurde allgemach das Leben für die römischen Juden etwas menschlicher. Auch die entchrende Theilnahme an den Lustbarkeiten des Carnevals verschwand, sie wurde gegen schweres Lösegeld erlassen, nachdein die Rabbinen des Ghetto einen Fußfall gethan hatten. Mehr Mas Gott thut, das ist wohlgrthan. Parabel. Nacherzählt von Bertha Tintncr in Bunzlau, Prcußisch-Schlcsien. Einst lebte in einer kleinen Stadt einsam und zurückgezogen von dem Getriebe der Außenwelt ein armer Gelehrter. Um sein Wissen noch mehr zu bereichern, besonders der Menschen Schicksale zu studiren, beschloss er, große Reisen zu unternehmen. Als er auf seiner Wanderung wieder einmal sein Thema durchdachte, bemächtigte sich seiner der Zweifel an Gottes Gerechtigkeit, denn schon in seiner Heimat sah er ein frommes, gottergebenes Ehepaar sich mühsam durch das Leben schleppen, während ein gottloser Spötter im Ueberfluss schwelgte. Ganz ein Spiel seiner erregten Phantasie, merkte der Gelehrte Nicht den Einbruch der Nacht und achtete nicht auf den Weg, welcher sich vor seinen Füßen hinzog. Da.plötzlich tritt der Mond aus dem Gewölke hervor und beleuchtet dein erstaunten Pilger einen jähen Abgrund. Aug' und Herz himmelwärts richtend, steht er Gott um seinen Beistand an — da hört er plötzlich menschliche Schritte schallen. Erschrocken wendet er sich um, und siehe, ein herrlicher Jüngling mit wallenden Locken kommt auf den Weisen zu und reicht ihm die Hand zum Gruß dar. Gemeinsch astlich setzten sie d aun d en Weg fort und gelangten in kurzer Zeit an ein prächtiges Haus. Sie bitten um Einlass׳ und gaststeundlich werden ׳sie ׳ausgenommen.; Nach einem schmackhasten Abendbrot entspinstt sich eine lebhafte Unterhaltung. Unter und mehr gewann die Menschlichkeit Raum, und am 6. Februar 1847 empfingen die Behörden Pius' IX. zum letzten Male den Tribut der Synagoge von Rom. * * ׳ * Wie viel an Glaubens- ־ und Gewissensfreiheit hat ־ nun während dieser Jahrhunderte der Unterdrückung der Heilige Stuhl den römischen Juden eingeräumt? Im Ganzen und Großen ziemlich viel, im Vergleiche zu den blutigen Conversionen in Indien und in der neuen Welt, im Vergleiche zu den Repressalien, welche gegen die Häresien des Mittelalters geübt wurden. Bis zum 16. Jahrhundert verschmähte es die römische Kirche, die bis dahin unbestrittene Herrscherin über die Seelen des Abendlandes, sich um die römischen Juden in Bezug auf deren Seelenheil zu kümmern. Erst lange nach dem Beginne der Reformation unternahm sie den Versuch, sich der Exegese des alten Testaments durch die Rabbinen zu bedienen. Gregor XIII. gründete im Jahre 1577 eine Schule, bestimmt, Prediger heranzubilden, und lud auch die Juden ein, ihre Kinder als Neophyten hinzusenden. Diese Knaben, von Jugend auf an die Sprache des alten Testaments gewöhnt, waren geschickter als die Christen zu theologischen Discussionen. Vorzügliche Missionäre — auch für das Ghetto von Rom — wurden sie dann über die Alpen geschickt, um, ausgerüstet mit den Waffen, die ihnen die genaue Kenntnis der Schrift gab, gegen die lutherischen oder calvinischen Gelehrten zu kämpfen; dieses Institut Gregor's XIII. war reich dotirt und stand unter der besonderen Aufsicht eines Kardinals. Orientalische Sprachen, Theologie, Philosophie und Musik wurden dort gelehrt. Von dreißig Zöglingen waren nicht weniger als 20 Juden. Etwa zur Zeit der Gründung dieser Schule erschien in Rom ein gewaltiger Prediger Namens 'Tzarphati. Er war ein marokkanischer Jude, der zum Christenthum übergetreten war, ein gelehrter Mann und Fanatiker vom Scheitel bis zur Sohle. Er wollte es unternehmen, das römische Ghetto zu bekehren, aber die Juden mistrauten dem abtrünnig gewordenen Glaubensgenossen und waren nicht zu bewegen, seine Predigten freiwillig! anzuhören. Da bestimmte Tzarphati den Papst Gregor XIII., Anderem frägt auch der Wirth den Weisen, wer er sei. Er antwortete: ״Von dem Durste der Weisheit getrieben, bin ich ausgezogen, fremde Völker und Länder kennen zu lernen." Auch an den Jüngling wurde dieselbe Frage gerichtet, doch dieser gab nur die lakonische Erwiderung: ״Ich bin ein Jüngling von 18 Jahren", und dann schwieg er. Alle begaben sich nun zur Ruhe, und die beiden Wanderer erwachten neugestärkt am Morgen. Beim Ankleiden sieht der Weise zu seinem Entsetzen, wie der Jüngling einen goldenen Becher verbirgt, welchen gestern der Gastgeber als sein Kleinod bezeichnete. Empört über solche Undankbarkeit wollte er Rechenschaft forden, doch die Stimme versagte ihm, als der Jüngling dem Weisen mit einer lieblichen Stimme ״guten Morgen!" wünschte. Von den Glückwünschen der Wirthsleute begleitet, setzten sie dann ihren Weg fort. Plötzlich umwölkt sich der Himmel, der Regen fließt in Strömen herab und will den ganzen Tag kein Ende nehmen. Matt und durchnässt kommen sie endlich spät am Abend an eine Hütte. Lange müssen sie stehen und um Unterkunft bitten, bis ein hartherziger Mann die Thüre öffnet. Er weist ihnen mit unhöflichem Gruße ein sedomitisches Bett an und wirft ihnen ein verschimmeltes Stück Brot zum Abend- Imbiss vor. Von Frost und Hunger gequält, sahen sie sehnsüchtig dem kommenden Morgen entgegen. Zeitig standen sie auf, und der Gelehrte verwünschte den Alten wegen seiner Hartherzigkeit. Aber der Jüngling zieht den Becher hervor, welchen er entwendet Hatte, und lässt ihn dem Alten zurück. Verwundert siehts der ׳ Weise, aber er -schweigt. - . .