Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 22 (1.10.1895)
- Date
- 1895-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453335-3453357--4363-3458817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantdren-Zeitung. Nr. 22. auch jetzt in dm ״Hellen" Tagen der Neuzeit den Anprall der Feinde anszuhalten, die nimmer müde werden, den Boden, auf dem wir fußen, zu untergraben. Wenn wir der Menschheit dienen, indem wir unser Volksthum festigm, so tragen wir zur Kräftigung des Judenthums bei, indem wir für die Interessen unseres Standes unerschütterlich und energisch eintreten. Doch niemals dürfen wir vergessen, dass jeder Stand — und hiebei haben wir zunächst die verfchiedenen Kategorien des jüdischen Cultusbeamtenthums im Auge — nur ein einzelnes Glied einer großen Kette ist, und dass das Ganze nur gedeihen kann, wenn die einzelnen Theile fest und eng zusammenschließen. Diese Betrachtungen mögen in erster Linie von den Rabbinen und Cantoren beherzigt werden. Ihre Interessen sind eng mit einander verknüpft, und Derjenige ist der größte Feind seines eigenen Standes, der die naturgemäße Harmonie zwischen diesm beiden wichtigen Factoren des jüdischen Gottesdienstes zu störm sucht, und nicht alle Hinderniße hinwegräumt, die ein einträchtiges Zusammenwirken bisher unmöglich gemacht haben. Unstreitig gebührt dem Rabbiner die Achtung und Autorität, deren er sich in der Gemeinde erfreut, denn er repräsentirt dasjenige, was der Jude als Heiligthum verehrt, die Thora; allein auch der Cautor hat eine heilige Mission, er ist der ״Schaliach Zibbur“ der Gemeinde und darum muß auch er dieser Würde gemäß geachtet werden und darf in seinem Ansehen als ״Diener Gottes" nicht von demjenigen geschmälert werden, der als Seelsorger der Gemeinde das Wort Gottes predigt und als leuchtendes Beispiel der Frömmigkeit und Gerechtigkeit allen Anderen vorangehen soll. Wenn diese Erkenntnis sich allgemein Bahn bricht, wenn Rabbiner und Cantoren der Gegenseitigkeit ihrer Verpflichtungen sich bewusst werden und das Bewusstsein zur That werden lassen, nur dann wird Ruhe und Frieden in die jüdischen Gemeinden einkehren und der jüdische Cultus jene Entwicklung nehmen, die zur Ehre Gottes und zum Heile des Judenchums führt. Der Tag der Einkehr ist nahe. Wer seinen Psüchten nicht nachgekommen ist, halte Einkehr! Jeder denke daran, dass wir nicht blos dazu existiren, um unsere eigenen Interessen zu befriedigen, wir sind auch verflichtet, über dieselben die Interessen unserer Nebenmenschen nicht zu vergessen, und umso größer ist diese Pflicht, je höher uns das Schicksal gestellt hat. Wer diese seine Pflicht nicht erfüllt hat, der mag noch so sromin und noch so tugendhaft sein, ein ganzer Mensch, der vor den Thron des Allerhöchsten mit dem Bewusstsein treuerfüllter Pflicht hintreten kann, ist er nicht! Gemeinde- oder Kunstgesang in der Synagoge. Von M. Tintner in Bunzlau, Schlesien. Wenn zwischen zwei Richtungen menschlichen Strebens und Schaffens ein Wettkampf entsteht, wird so lange dariiber gestritten, welche die bessere sei, bis eine von beiden einen durchschlagenden Erfolg erringt. So geht' es jetzt in den Bestrebungen zwischen dem Gemeinde- und Kunstgesang in der Synagoge. Wer sich aber mit Recht auf seine Erfahrung und auf .sein Urtheil verlässt, wird gewiss mit Rüchsicht auf die gegenwärtigen Zeitansorderungen dem' Gemeindegesange huldigen. Wenn Plato sagte, dass die Aufgabe' der Musik darin bestehe, ^,den Seelen der Menschen edle Grundsätze einzuflößen", so wird '׳ er weder an gefühlsarme noch an gefühlsüberströmende Musik gedacht haben, sondern att einfache, für das Vylksgemüth Passende Weisen. Wir besitzen leider in unseren Kreisen schon zu viel Disharmonien, die sich in unsere Tempelgesänge eingeschlichen haben und die lieblichen Harmonien verdrängen, welche wir wieder zu erringen trachten müssen. Es wäre mir lieb zu hören, in welcher Weise meine Ansicht das Richtige trifft, aber auch, wo und in wie ferne sich Verbesserungen und Neuerungen empfehlen. Ich möchte daraus gerne lernen, wie sich dieselben practisch ausführen lassen. Trotz meiner 30 jährigen Thätigkeit im heiligen Amte, nehme ich gerne Belehrung und Anderer Erfahrung an, wenn ich auch, oder gerade weil ich mit Interesse und Hingebung in derselben Sache arbeite. Zu den Festtagen hält jeder strebsame College in seiner Bibliothek Umschau, um vielleicht irgend eine neue Composition zu erspähen. Auch mir ergieng es ähnlich, und der Zufall spielte mir das letzte Heftchen der ״Schire Hechal“ von Herrn Musikdirector David Rubin in Prag in die Hände. Wir wissen und erkennen es an, dass Herr Rubin einen bedeutenden musikalischen Fond besitzt und Arbeiten veröffentlichte, die von entschieden gediegenen! Inhalte sind. Umsomehr bewundert jeder Chasan die Zumuthung, die Herr Rubin an denselben in seinem veelamando und Recitativo stellt. Entweder will sich der Componist nicht in die Fnnctionen des Cantors hineinleben, oder er hat die Absicht, ihn langsam hinauszudrängen. Der jüdische Cantor soll mehr declamiren, aber nicht in einer endlosen Anzahl von Tacten ein und denselben Ton singen und langathmige Noten halten. Das ist doch etwas übertrieben. Wer eine Andacht von 3—4 Stunden zu halten hat und erbaulich auf seine Gemeinde einwirken soll, dem geht ohnedies schon der Athem aus. Die Chorgesänge des Herrn Rubin lassen als solche, bezüglich des harmonischen Satzes nichts zu wünschen übrig, doch fehlt ihnen, wie den Recitativen der synagogale Charakter, das jüdische Gepräge. Concertstücke und Kirchenmusik gehören nicht in die Synagoge. Wir müssen immer und immer wieder mit den Chorverhältnißen der mittleren und kleinen Gemeinden rechnen und ihnen Compositionen bieten, die zur Erweiterung des Gemeindcgesanges beitragen, um wieder Leben und rege Betheiligung in den Gottesdienst zu bringen, damit die Gemeinde nicht mundtodt sei, sondern durch das Ohr auch den Mund öffne. Unser Gesang sei und bleibe unserem Gemüthe entsprechend. Noch wirken auf unsere Gemeinde die Zionsklänge mächtig ein, noch gelten dieselben, besonders in der traurigen Gegenwart, als ein erziehendes Princip für das Haus Israel: darum wollen wir jüdischen Sang und jüdische Klänge in unseren Gotteshäusern vernehmen. Gin Beitrag;ur talmudischen Pädagogik. Von den im Talmud und Midrasch vorkommeuden Spielen und Spielzeugen der Kinder, nebst einer wichtigen Lehre für die jetzigen Ellern. Von Israel Singer, Religionsprosessor am Ober-Gymnasium in S a. Ujhely. .Nachdruck nur mit Erlaubnis des Verfassers gestattet. Dass der Talmud sehr viele, mit der modernen Pädagogik . übereinstimmende Pädagogische Lehren'enthälti dies haben wir : mehrmals in' diesen' geschätzten Blattern', ' besonders' in unseren veröffentlichten Schriften: 1. ״Erziehungslehre für Israeliten",