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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-09-15 · Heft 21 (15.9.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 21 (15.9.1895)
Date
1895-09-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 21. Gesterreichisch-un garische Lantoren-Ieitung. Zeiten und Ländern, woselbst die Juden im gesellschaftlichen I Verehr mit Andersgläubigen kein solches Kleid öffentlich tragen könnten, wurde ein Skapulier eingeführt (Arba Kanfos genannt), welches auf dem Hemd getragen wurde, an dessen vier nüt Lappen besetzten Enden die vorgeschriebenen Schaufäden angebracht waren. Später wurde für die Zeit des Gebetes in der Synagoge, wie auch in häuslicher Andacht, ein entsprechendes äußeres Kleidungsstück (Talis) eingeführt, woran die Schaufäden an den vier Enden angeknüpft sind, ähnlich dem Obermantel des Hohepriesters. Die Bedeutung dieses Kleides ist in den bereits benannten Gottesworten klar und deutlich ausgesprochen, es soll eine Mahnung zur Erfüllung der Gebote Gottes sein, l besonders inwiefern sie die sinnlichen Begierden beschränken. Zur priesterlichen Bekleidung der Israeliten gehören auch die ״Tefilliir‘. Gott befiehlt an derselben Stelle, welche 1. das Glaubensbekenntnis der Synagoge ,.Schema Jisroer‘ und 2. das große Sittengesetz ״w’ohaftoh“ ״du sollst den Ewigen deinen Gott lieben vom ganzen Herzen, ganzer Seele und mit deinem ganzen Vermögen", enthält, auch folgende Vorschrift: ״Diese Worte, die ich dir heute gebiete . . . sollst du binden zum Zeichen an deine Hand, und sie sollen zum Denkzeichen fein zwischen deinen Augen." (5. M. 6, 8.) Auf welche Weise dieses Gebot ausgeführt werden soll, erklärt die heilige Schrift nicht näher; die Tradition hat uns die Ausführung überliefert, wie es uns bekannt ist, bestehend in Kapseln mit gewissen Bibelstellen, die darin auf Pergamentstreifen verzeichnet, an Gebetriemen angebracht sind. Der Jude legt sich mit den TeLUin das Joch des Gesetzes auf und bindet es symbolisch mit den Gebetriemen seiner Einwilligung fest, wieder analog der hohenpriesterlichen Kleidung. Die Tefillin an der linken Hand dem Herzen gegenüber, gleich dem ״Choscheir‘, den der Hohepriester auf dem Herzen (al Liboh) trug; die Tefülin auf der Stirn des Kopfes gleich dem ״Ziz“, den Ahron daselbst trug mit der Auffchrift: ״Handesch Ladonai“, heilig dem! Ewigen geweihet. Wie jeder einzelne Israelit durch Tefillm. und Talis eine Art Weihe enthält, was auch die Bedeutung des Lar mizwoh ist, so erhält auch dessen Haus, das Familienheiligchum, seine Weihe die durch Nesusa. Dieselbe Stelle, welche den biblischen Grund für das Tragen der genannten religiösen Kleidungsstücke gebietet, erklärt auch, dass die wichtigsten göttlichen Worte geschrieben werden sollen über den Pfosten deiner Häuser und deiner Eingänge. Auch hier ist es die Tradition, welche die Form dazu angibt. Der Zweck dieses Amulets ist, wie die Stellen zeigen, die darin verzeichnet sind, Weckung der Gesetzestreue, und was der Name ״Schadai־‘, der an der Außenseite angebracht ist, andeutet, Weckung des Vertrauens auf den Schutz Gottes, der ein Wächter Israels ist. So wird jeder einzelne Jsraeüt, wie seine Wohnstätte geweiht als ein Priester seines Gottes in seinem Familienheiligthum.. - (Fortsetzung folgt.) Rom und die römischen Juden. (Fortsetzung.) Mit Paul HL waren die guten Stunden für das römische Ghetto vorüber und eine Zeit kanr, geeignet die Juden in Rom an die Zeiten der babylonischen Gefangenschaft zu gemahnen. Diese Periode begann mit Paul HI., einem Venezianer Grand-Seigneur, der keineswegs bösartig, aber von Natur ein bjschG leichtherzig und übermüthig angelegt , war, ein Freund rauscherrderSeste,. schöner Statuen und Bilder, ein Förderer des Ktznstgerperdes, Hirzgenes blühenden Lebens, das sich in den Bildern der großen venezianischen Maler wiederspiegelt. Seine größte Sorge war nicht der Türkenkrieg, nicht das italienische Gleichgewicht, nicht die Reform der Kirche, sondern—der Karneval. Nom hatte bisher die tollen Karnevals-Festlichkeiten nicht gekannt. Erst Paul HI. führte sie nach venezianischem Muster ein. Von den Fenstern seines Palastes in Venedig hatte er oft den Spielen zugesehen und Goldstücke unter die Menge geworfen oder Preise für die Wettläufe der Hunde und' Esel ausgesetzt. Hier in Rom führte er neben dem Wettlaufen von Eseln und Hunden noch etwas Neues ein; fast sträubt sich die Feder es niederzuschreiben — den Wettlauf von Juden aus dem Ghetto. Es war eine Erniedrigung der Juden sondergleichen. Eine menschliche Race, ein religiöses Gesetz, ein Volk armer Besiegter musste zum Spielzeug und Zeitvertreib für eine grausame Volksmenge, für die vornehmen Prälaten dienen. Während sie liefen, schleuderte man ihnen Honig in das Gesicht, bewarf sie mit faulen Früchten und Eiern, ja mit Steinen. Erst im siebzehnten Jahrhundert dekretirte ein Papst, dass sie nur mit Früchten beworfen werden dürfen. Ein besonders scherzhafter Marchese ließ daher damals für den Wettlauf der Juden Pinienzapfen in Wagenladungen herbeischaffen. Eine Stadt und eine Bevölkerung, welche derartige Schauspiele gewohnt war, blieb selbstverständlich fähig zu viel unbarmherzigeren Rohheiten. Die römischen Fischhändlerin der Nachbarschaft des Ghetto gehörten zu den mitleidslosen Peinigern der Juden. Sie veranstalteten einmal eine Parodie auf den Leichenzug eines Rabbi; der Erfolg der gotteslästerlichen Posse war derartig, dass man sie noch einmal wiederholte, um dem Sohne des Polenkönigs Johann Sobieski, der eben in Rom weilte, ein neues Amüsement zu bieten. Im Jahre 1711 würde eine ähnliche rohe Maskerade aufgeführt: Auf Eseln sah man eine Prozession von Juden reiten, an der Spitze einen Rabbiner, der verkehrt auf seinem Reitthier saß und in der rechten Hand! den Schwanz des Esels hielt, während der linke ein Buch mit den Gesetzen Mosis geöffnet dem Pöbel hinhielt. Am 26. Mai des Jahres 1555 erhielt Rom und die Christenheit einen neuen schrecklichen Herrn. Das war Paul IV. Caraffa, ein Neapolitaner von größter Strenge und größter Sittenreinheit. Man kannte an ihm nur eine Schwäche: jene für den Wein, der am Vesuv wächst. Besonders am Abend, nach der letzten Mahlzeit, pflegten bei ihm Zornesausbrüche vorzukommen, deren Lärm durch die weiten Gänge des Vatikans hallte; daun donnerte er gegen die Feinde der Kirche, besonders gegen die Spanier, welche damals die Herren von Italien, die tyranischen Protektoren des heiligen Stuhles waren, und die der Papst ärger hasste, als die Lutheraner und die Ungläubigen. Paul IV: hielt sich von Gott berufen zur Wiederaufrichtung des katholischen Glaubens mit Feuer und Schwert, zur Wiedereroberung Italiens für den Stuhl Petri. Kaum zwei Monate nach seiner Erhebung zum Papst schöpfte er Verdacht, dass die Rabbinen aus dem- Ghetto den römischen׳ Christen die Bibel neu auslegten, die Bibel,-die seit Luther die große Sorge für Rom geworden war. Und er erließ gegen die römischen Juden, ״das Volk, welchem Gott auferlegt hatte, solange in Knechtschaft zu lebeu, bis es seinen Jrrthum erkannt hätte", eine ״Constitution" von 15 Artikeln, durch welche alle Freiheiten, welche frühere Päpste den Juden verliehen hatten, mit einem Schlage vernichtet wurden. _ ■M ׳ Von nun an müssen die Juden wie die Aussätzigensi-dD^ Nachts im Ghetto, das mit hohen Mauerur;iMgebM■׳Mprh^

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