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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-09-15 · Heft 21 (15.9.1895) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 21 (15.9.1895)
Date
1895-09-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Seite 3. Woher nur jene Geistesfrische׳ nehmen, um über den durch unsagbare Kleinigkeiten eingeengten Gesichtskreis hinaus zur Gesammtheit des Judenthums den Blick streben zu lassen?Woher jenes Selbstbewusstsein endlich, das doch die Voraussetzung eines jeden thatkräftigen Eingreifens bildet, wenn der Boden, ans dem man steht, Flugsand, die Stellung, die man einnimmt, eine labiale, und die Macht im ureigensten Wirkungskreise eine problematische ist? Als die zweite, um nichts geringere Ursache dürfte wohl die ungünstige materielle Lage angesehen werden, in der sich ein beträchtlicher Theil der österreichischen Rabbiner notorisch befindet und die den alten Satz bewahrheitet: Im en Kemach, en Thora. Es ist eine lies traurige, durch nichts wegzuleugnende Thatsache, dass, mit einigen rühmlichen Ausnahmen, die meisten oft sehr wohlhabenden Gemeinden bei der Dotirung /der Rabbinatsposten dem Grundsätze huldigen: 111 vivere videatur, und ihren Seelsorger mit der Ehre, ihnen quasi vorstehen zu dürfen, im wörtlichen Siane a b s p e i s e n wollen, so dass z. B. ein nicht geringer Theil der Rabbiner, namentlich derjenigen in Mähren, zu einem unfreiwilligen, vieljührigen Cölibat ververdammt ist. Werken mühsamen Studiengang des heutigen Rabbiners nur einigermaßen kennt, wie dieser die freien Stunden seiner Jugend statt sie, wie die anderen Gymnasialcollegen, * dem Spiel und der Unterhaltung, nur dem Talmud und der Bibel widmen muß; wer von den mannigfachen Opfern weiß, die sich der Rabbinatscandidat während seiner akademischen Studienzeit freiwillig auferlegt, vermag die Undankbarkeit zu ermessen, deren sich die Gemeinden ihren Seelsorgern gegenüber zu Schulden kommen lassen. Wer endlich scharf beobachten wollte, welch' hohe Ansprüche das nichtjüdische Publikum an das Exterieur und die Noblesse des Rabbiners, zumal in den Provinzstädten stellt und wie ein durch materielle Unzulänglichkeit eintretender Defect nachtheilig auf die Beurtheilung des vom Rabbiner repräsentirten Gemeinwesens rückwirkt, würde erkennen, wie unangebracht, ja wie verderblich diese hausbackene Spariamkeit ist. Was uns gerade jetzt die Feder in die Hand gedrückt? Einige Concurse behufs Bestellung von Rabbinern, Lehrern und Cantoren sind es, die in jüngster Zeit erschienen sind und die ein zu grelles Licht auf die Zustände in unserem Gemeindeleben werfen, als dass sie nicht einer näheren Betrachtung sofort unterzogen werden sollten. Da wird' in irgend einer kroatischen Gemeinde ein Rabbiner gesucht, der außer den Fachstudien zum mindesten die Kenntnis eines slavischen Idioms aufweisen muß Der Gehalt beträgt — sage und schreibe 800 Gulden. Zu gleicher Zeit wird in einer kleinen mährischen Gemeinde ein jüdischer Lehrer verlangt, dem 650 Gulden und außerdem weitere Einkünfte durch Privatstuuden zugesichert werden. Wollten wir das in eine mathematische Formel umsetzen, so würde sie lauten: Rabbiner — 800; Lehrer 650 plus x. In einer nicht unbedeutenden mährischen Gemeinde bezieht der Seelsorger einen Gehalt von 1000 Gulden, in die schon die vom Staate ausgeworfenen 300 Gulden für Relligionsunterricht am Gymnasium inbegriffen sind. In ebenderselben Gemeinde wird nun ein Cantor gewünscht, der allenfalls an der Volksschule Religionsunterricht zu ertheilen hätte. Der ihm zügesicherte Gehalt beträgt 1200 Gulden. Also mathematisch aüsgedrückt: Cantor Rabbiner plus 200. Ein weitergehendes, vergleichendes Studium der Concurse würde vielleicht noch interessantere Resultate zu Tage fördern, vermöchte aber kaum den Hohn zu steigern, der in dem hier Gebotenen bereits enthalten ist. Klingt das nicht beinahe wie eine Verlockung an stimmbegabte Rabbiner, Maturitäts-, Doctorats- und Rabbinatszeugniße in den Ofen zu wersen, um sich als wohlbestallte Cantoren. eventuell Lehrer engagiren zu lassen? Jedenfalls würden sie den Friktionen, die die Rabbinatsstellung mir sich bringt, entgehen und die vielen Kämpfe mit Windmühlen sich ersparen. Und die Moral von der Geschichte? — würde so mancher ftagen. Zunächst eine Mahnung an alle.diejenigen im Gemeindeleben maßgebenden Factoren, denen der Sinn für die jüdischen Interessen noch nicht abhanden gekommen, dem berufenen Vertreter derselben, dem Rabbbiner, durch Wegschaffung der kleinlichen Hinderniße freie Bahn zu schaffen! Dann eine Aufforderung an die jüdischen Seelsorger, durch einmütiges Vorgehen sowie durch öffentliche Festnagelung der Uebergriffe und Hintansetzungen, sei es auf religiösem, sei es auf materiellem Gebiete, die Ehre des Standes und hiedurch auch die Ehre der von ihnen bertretenen heiligen Lehre zn wahren und zu heben! Kultuellrs, Rituelles, Liturgische». Nach Quellen aus biblischen und nachbiblischen Schriften bearbeitet nnd erläutert von Rabbiner L. Wollner. XVIl. Priesterlicher Charakter der Gemeinde Israel. In einem gewissen Sinne ist jeder Israelit eine gottgeheiligte Person. Gottesdiener. Israel verhält sich zu den anderen Nationen wie die Familienglieder des Hohepriesters Ahron zu den übrigen Stämmen des Gottesvolkes. So lautet das Wort Gottes: ״Und nun, wenn ihr gehorchen werdet meiner Stimme und meinen Bund beobachten werdet, so werdet ihr mir sein ein besonderes Eigenthum (Segulo) von allen Völkern, denn mein ist die ganze Erde. Ihr werdet mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." (2. M. 19.) So sprach Gott zum ganzen Volke am Sinai, als die Offenbarung stattgefunden. Entsprechend diesem Charakter des allgemeinen Priesterthums waren dessen Insignien. Es waren Erinnerungen an Gottes Gebote und den darauffolgenden Segen, Erinnerungen an den Bund Gottes mit dem Menschen. Nur in diesem Sinne ist der priesterliche Charakter Israels aufzufassen, den Bund Gottes zu wahren und die Offenbarunqslehre zu beachten, zu halten und zu bewahren. Ahron und seine Nachkommen waren Priester im Heiligthume, sie versähen den Opferdieust. die heilige Stätte des Volkes hingegen ist der Wohnsitz der Familie, ist das Familienhaus, eingeweihet durch ein Zeichen der Erinnerung an Gottes Schutz und Macht (Schadai) für die, welche ihm gehorchen. Es ist das die ״Mesusa“ an den Eingangspforten der jüdischen Wohnungen, die in keinem Hause Israels fehlen darf. Hat Israel aber einen Priesterlichen Charakter, so muß es auch durch eine besondere priesterliche Kleidung gekennzeichnet sein, nnd diese hat es auch erhalten. rZizis״, Schaufäden, an den Ecken der Gewänder. (4. M. 14, 38.) ״Diese," sprach Gott, ״sollt ihr anschauen und euch erinnern an die Gebote Gottes, damit ihr sie vollziehet und nicht nachhünget den Gelüsten eueres Herzens und euerer Augen." Der Inhalt dieses Gebotes fordert ein beständiges Tragen dieses Kleides, ähnlich dem ״Efodu des Priesters Ahron. In

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