Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 21 (15.9.1895)
- Date
- 1895-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Desterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. — ־ ' L Nr. 21, Es ist fürwahr im dringendsten Jnteresseder jüdischen CrlltusZWlÄnden gelegen, solchen Zweifeln mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzutreten, sonst könnten bei der heutigen Strömung die Uebergriffe gegen jüdische G emeind eil mrd jüdische Beamte — wir verwegen hiebei auf die an "anderer Stelle gemeldete Rechtsverkürzung des Rabbiners Stein in Sobieslau — sehr leicht in bedenklicher Weise überhand nehmen. Die Schuld daran trügen dann nur die Cultusgemeinden selbst, die dadurch, dass sie ihrem Funktionär nicht die ihm gebührende Achtung und Schätzung entgegenbrachten — und hiezu gehört m erster Linie die standesgemäße materielle Versorgung — dessen Ansehen nach Anßen hin untergruben und damit dem Judenchume selbst einen herben Schlag versetzten. Mgen die berufenen Factoren endlich einmal einsehen, dass es schon die höchste Zeit ist, diese brennende Frage einer gedeihlichen Lösung entgegenzufiihren, und mögen die Cultusbeamten aller Kategorien beherzigen, dass nur eininüthiges und solidarisches Vorgehen ihre billigen und gerechten Wünsche zur Erfüllung bringen kann. ViWer aus dem Leben der jüdischen Lullusbrsmten. Seit der Publikation des neuen Cultusgesetzes wurden bereits zu wiederholtenmalen in diesem Blatte die derouten Verhältniße und die höchst missliche Stellung unserer Sandes- und Leideusgenossen sowohl von mir als auch von anderen Herren Collegen in ausgiebiger, sachgemäßer Weise besprochen. Es wurde bereits oft darauf hingewiesen, wie die Gemeinden mit wohlerwogener Berechnung unsere Subsistenzverlegenheiten sich zu Nutzen zu machen wissen und unsere Kräfte und Fähigkeilen für ein verhältnismäßig sehr geringes Honorar — man könnte sagen für einen Hungerlohn — ausnützen und auszubeuten verstehen. Was nützen aber alle unsere Klagen, wenn die Gemeinden nicht selbst zur Einsicht gelangen wollen oder zur Einsicht gezwungen werden, dass es ihre Pflicht ist, für die Verbesserung unserer Stellung etwas zu thun. Dasselbe spärliche Honorar, das sie früher dem Cantor zahlten, zahlen sie heute dem Rabbiner und Cantor. Der Mann hat durch seine doppelte oder dreifache Amtswirksamkeit viel mehr Mühe und Arbeit, ist ein wahrer Sklave Ln seinem Berufe und muß bei alledem mit Existenzsorgen kämpfen! Man bedenke nur, was das heißt: Rabbiner, Cantor, Kore, Religionslehrer und zuweilen auch noch Schoch et zu fein und für das alles ein Fixum von 500 fl. bis 600 fl. zu beziehen.*) Zu solch' vielseitiger Geistesanstrengung und zu zu diesem ewigen Ringen ums knappe Auskommen kommt noch die stete Besorgnis, von Jahr zu Jahr den Wanderstab ergreifen zu müssen. Das ist traurig aber wahr! Da nützen jedoch keine Lamentationen, wir dürfen nicht mchr wie der ״Bauer am Flusse" fitzen und unsere schönste, kostbarste Zeit verrinnen sehen, bis die Gemeinden uns sagen werden, dass wir ihnen zu alt sind, und wir unsere Kinder eMenzlos gemacht haben. Collegen! So kann's, so darfts nicht weiter fortgehen! Worte nützen nicht viel, Thateu, ernste Entschlossenheit ist für uns am Platze! Seid nicht, wie die kleinen Kinder, welche durch *) Dabei raüffcn noch Viele als Wanderlehrer fungiren und in den Nebengemeinden den Religionsunterricht ertheilen, wohin sie mit dem Stocke in der Hand oft Lei teeren Taschen und hungrigem Magen wandern müffen. leere Hoffnungen und Jllüsiönensich besänftigen und beruhigen lassen! Von den GtätstterM^Lein "Heil für uns zu erwarten?, wird es durch sie für un^MiHt uoE schlimmer,^ Besserung" ist. keine in Aussicht.*) Ich m^e ׳darum den Vorschlag, wir sollen von׳ dem Petitionsrechte Gebrauch machen, u. z.; je eher, desto besser. Wir wollen den Stand und wahren Sachverhalt der Dinge der hohen Behörde vorlegen und um schleunigste Abhilfe bitten. ״ Jm en ani li, mi 1i?" Sind wir nicht selbst um uns und unsere Zukunft, bedacht, wer soll׳ es denn sein? Hoffentlich wirb diese Anregung genügen-und werden zur weiteren Durchführung unseres Vorhabens die löbl. Redaktion der ״Cantoren-Zeitung" sowie der löbl. Vorstand des ״Cautoren- Vereines" gerne die. Hand bieten. Ein College aus B ö h m e n. ' * * * Während die vorstehenden Betrachtungen die Lage der Cantoren und Rabbiner-Cantoren naturgetreu zeichneten, möge der folgende, in der letzten ״Wochenschrift" unter dem Titel ״Concurse" veröffentlichte Artikel als Stimmungsbild aus den Kreisen der Rabbiner gelten. Er bietet auch einen trefflichen Beleg für unsere Ausführungen an leitender Stelle: So mißlich und unzeitgemäß es auch erscheinen mag. während wir unsere Kräfte mit dem äußeren Feinde messen, innere Schäden aufzudecken und coram publico auf sie hinzuweisen, für ebenso nothwendig und unabweisbar erachten wir diese Aufgabe, wenn diese Gebrechen einerseits tief eingerissen sind, wodurch das Leiden ein acutes geworden, und sie ande-! rerseits auch unsere Stellung nach außen beeinträchtigen und schwächen. Dem Schreiber dieser Zeilen wurde jüngst von einem hervorragenden Führer der Abwehrbewegung in Deutschland zum Vorwurf gemacht, dass der moderne Rabbiner in Oesterreich trotz der großen Dosis Bildung, womit ihn die Seminarien, und trotz des amtlichen Charakters, womit ihn die Regierung ausstattet, sich nicht als Führer und Berather des Volkes im Kampfe um seine politische und sociale Stellung genügend bewähre. Von einem nicht minder angesehenen jüdischen Gelehrten wurde die spärliche litterarische Production beklagt, welche die jüdische Wissenschaft in unserem Vaterlande zeitigt. Wir glaubten als Erklärung dieser beiden unerfreulichen f Erscheinungen zunächst die eigenthümliche schwierige Amtsstellnng angeben zu dürfen, in der sich fast jeder Rabbiner, ungeachtet der neuen Gesetze von 1890, besindet. Wie Bleigewichte legen sich an die Flügel eines so strebsamen Geistes Thatsachen und Verhältniße des Gemeindelebens, die ob ihrer Jmponderabilüät nur Ironie, ob ihrer unerbittlichen Consequenz aber Trauer und herbe Resignation Hervorrufen müssen. Die selbstverständliche Autorität und Macht, die früher jedem Rabbiner a priori eingeräumt wurde, sie ist durch die eingetretene Erschütterung des religiösen Bewusstseins, nicht minder aber durch die bisnun oft jahrelang andauernden Vacanzen und-die hiedurch hervorgerufene Omnipotenz anderer Machtfactoren auf den Nullpunct gesunken, so dass die nach Erfüllung der Berusspflichten noch erübrigten Kräfte des Rabbiners von der Sorge absorbirt werden, rechtzeitig einen Sturm im Glase Wasser zu besänftigen, zwischen zwei um Nichtigkeiten kämpfenden Parteien glücklich zu laviren oder der LaUne localer Größen die Spitze abzubrechen. *) Von den vorliegenden, behördlich genehmigten Statuten anderer Provinzgemeinden collidiren die meisten fast vollständig mit dem Gesetze.