Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 20 (2.9.1895)
- Date
- 1895-09-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Gesterreichisch-ungaxische- Lantoren-Aeitung Seite L Wohlhabend und׳ gewissermaßen die ersten - jüdischen Bankiere in Rom geworden waren,. wie z^ B. die Pierleonifeste Häuser in jenemdamals öden..Theile in der Nähe der heutigen Bocea della Verita erworben. Eine Synagoge wurde erbaut- und der Friedhof gegründet nnter den Nesseln- und dem Gestrüpp im Circus Maximus am. Fuße des Aventin. Alljährlich einmal warf, über diese schon bessere.Wohnstätte der Tiber, aus seinen Ufern austretend, Massen von Koch und bedeckte alles mit Schlamm; auch in diesen Quartieren feierte die Pest.Triumphe. Erst im Jahre 1551 ließ Papst Paul IV. das Ghetto ummauern, nur zwei Thore führten in dieses elende Viertel,.. das eine blutige Chronik besaß. . Die Juden, die in Rom zur Zeit des großen Pompejus erschienen waren, hatte man Anfangs nicht hart behandelt. Das war ein Schlag von Leuten, die wenig genirten und keineswegs Unordnung und Unruhe liebten. Julius Cäsar hatte sie in die -Classe der Libertinen eingereiht, sie lebten dann geräuschlos von allerhand niederer gewerblicher Arbeit, vom Handel mit geringen Dingen und haben ihren Wohlthäter Cäsar sehr beklagt. Tiberius schon, der sie magischer Künste verdächtigte, wollte sie nach Sardinien verbannen; Claudius, der sie mit den Christen in einen Topf warf, verfolgte und hetzte sie; Nero ließ sie beim Brande Roms massenhaft morden; Nerva begünstigte sie; unter Antonius Pius und Mark Aurel litten sie nur geringen Drück; Diocletian verfolgte sie wie die Christen und Constantin desgleichen als die Stammesgenossen Judas' des Verräthers; .Julianus Apostata überhäufte sie mit Gunst, um die Christen zu reizen. Auch die Karolingischen Kaiser standen ihnen wohlwollend gegenüber;' Karl der Große ließ sich stets von seinem Leibarzt Jsaac begleiten. Sowohl das weltliche Haupt der Christenheit, der Kaiser, als auch das geistliche, der Papst, hielten viel auf zweierlei Kenntniße der Juden: auf ihre medicinische Kunst und auf ihre Exegese der Bibel. Von Rom, von Ach habe ihm als dankbarer Mann etwas mit in den Sarg zu legen, damit er ruhig schlafen kann!" ״Da nahm er die Schuldscheine, riss sie durch und legte sie unter das Kopfkissen des Entschlafenen. Noch einen Augenblick stand er betend ׳ am Sarge und verschwand dann ebenso geräuschlos, wie er gekommen. Die Männer kamen, schlossen den Sarg, und die feierliche Beisetzung erfolgte. ״Noch hatte ich mir Ursachen und Consequenzen des Erlebten nicht klar gemacht und saß im nun verlassenen Kreis- Hausen als mir ein Brief überbracht wurde. Ich kannte die starken, charakteristischen Züge — er war von Benjamin. ״ ״Herr Lieutnant!" schrieb er, ״Ihr verewigter Vater, Gott habe ihn selig, den Ehrenmann, sagte mir noch am Tage vor seinem Tode, was für ein Glück sie zu erwerben hoffen. Ihren Vater wird's noch im Grabe freuen, wenn Sie ein tüchtiger, solider Ehemann werden und seinen Stamm in Ehren halten, wie er und seine Vorfahren thaten. Mit freiem Herzen sollen Sie ihre Werbung machen — nehmen Sie die Einlage zurück — für bessere Zeiten und verschmähen Sie nicht die Segenswünsche Ihres treuergebenen Benjamin." ״Was soll ich noch hinzufügen?" fuhr der General nach einer Pause fort. ״Dass ich mein Glück suchte und fand, das siehst Du, und der, der-es mich finden half, den hast Du heute kennen gelernt. Ich habe später natürlich die Capitalien zurückgezahlt — er fand das auch ganz in der Ordnung! — Aber er machte die jetzt segensreich arbeitende sogenannte Landrathsstiftung daraus, welche Waisenkinder aller Confessionen des Kreisstädchens unterstützt. ״Nun begreifst du wohl meine Freundschaft zum - alten Benjamin!", schloß der General, und Frau von Landegge fügte bedeutungsvoll hinzu: ״Und, er ist ein Jude!" Cordowa und von.Toledo-wurden -jüdische Aerzte, Chirurgen und Alchymisten zu den Höfen der Großen und der Päpste berufen. Als der alte Innozenz VNl. im Sterben lag, versuchte fein jüdischer Leibarzt ein kühnes. Heilverfahren: er führte in die Venen des Sterbenden das Blut dreier Jünglinge ein —, wohl die erste Bluttransfusion, die beglaubigt ist. ״Die Jünglinge starben," erzählt Jnfessura, ״der Papst gab seinen Geist auf und der Jude entfloh." , . Ueber die Schicksale der Juden zu Rom, über. ihre wechselndenden Beziehungen zu den päpstlichern Gebietern der ewigen Stadt und über ihre Leiden ist׳ vor Kurzem ein verdienstvolles französisches Werk erschienen: 116״ Samt Siege et 16 Juifs“ von Em. Rodocanachr. Ein Buch voll tiefer und gründlicher Arbeit und lobenswerther Objecttvität. Im Folgenden sei Einiges aus dem Inhalte in knapper Zusammenfassung wiedergegeben. Bis zum letzten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts gab es für die Juden in Rom verhältnismäßig mehr gute Jahre als in den späteren Zeiten. Sie lebten meist in erträglichen Verhältnißen, zerstreut und unbeachtet von der christlichen Bevölkerung, officiell anerkannt von Kaiser und Papst, nur gehalten zu gewissen feststehenden Ehrenbezeugungen, welche selbst durch ihre Existenz die Legalität des bürgerlichen Lebens der Juden in Rom bezeugten. Bei der Krönung des Papstes hatte auch die Synagoge ihre Glückwünsche darzubringen, gleichwie sie den Kaiser, wenn er nach Rom kam. begrüßen musste. Entweder überreichten sic dann als Ehrengeschenk ein neues Exemplar des Pentateuch, oder ein Pfund Pfeffer und zwei Pfund Wachs, lauter Dinge, welche die Judenschaft nicht an den Bettelstab brachten. Außerdem übergaben sie dem Eamerlengo noch zwanzig Solidi, eine sehr erträgliche Summe. In ihrem loyalen Eifer versäumten die Juden niemals, in Zeilen einer zwiespalügen Wahl Papst und Gegenpapst zu begrüßen, und deckten sich so gewissermassen zugleich ä pique et a carreaü. Im Jahre 1130 zum Beispiel begrüßten sie gleichmäßig Innozenz H. und den Gegenpapst Anacler; der Letztere war ein Nachkomme des oben genannten, reichen jüdischen Banquiers Pierkeoni, dessen Familie aus Gründen der Klugheit unter Leo IX. und Gregor VN. zum Christenthum übergetteten war. Ein Papst jüdischer Abstammung im zwölften Jahrhundert! Schien es nicht wie ein Glücksfall für das Ghetto, schien es nicht wie eine ironische Rückkehrzu den Uranfängen des Christenthums? Das zwölfte und dreizehnte Jahrhundert brachte im Allgemeinen glückliche Zeilen fiir die römischen Juden. Bedeutende Päpste wie Alexander NI. und Innozenz IN. ließen ihnen die Freiheit des Gewissens, hoben nur mäßige Abgaben ein und nahmen sogar oft ihren Rath und ihre Erfahrung in juristischen Dingen oder Finanzgeschäften in Anspruch. Die Synagogenschule von Rom war damals ein Sitz hoher Intelligenz in Italien; aus den großen Rabbinerfamilien giengen bedeutende Gelehrte, Philologen, Juristen und Aerzte hervor. Bis zu Inno-- zenz IV. dauerte diese glückliche Periode. Erst dann, in der Zeit, in welcher die Päpste die Kirche durch die sich an verschiedenen Orten erhebenden Häresien gefährdet glaubten, tauchte der Verdacht auf, dass die Juden aus der Verwirrung in der Christenheit Nutzen ziehen und Proselyten für ihren Glauben machen wollten. Das Ghetto wurde plötzlich verdächtig als ein Herd von Irrlehren und teuflischen Wissenschaften, und es begannen sich die Ungerechtigkeiten und Quälereien zu häufen. Man entzog ihnen das Recht zu den Handwerken und industriellen