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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-09-02 · Heft 20 (2.9.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 20 (2.9.1895)
Date
1895-09-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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.©die'4. (^steriM^ifch-ungarische Lantoren-Aeitung.Nr. M. zu schär,'wie ein BW jenes'melancholischen Israel, von welchem geschrieben ficht: ״An.Len'Wassern Babylons saßen wir und weinten." ' . v Das'Ghetto am linken Ufer des Flusses war indessen nicht der erste Wohnsitz der Juden in Rom, sein Alter reicht kaum bis zum elften Jahrhundert zurück. Das erste ältere Ghetto lag am rechten User zwischen dem Janiculus und der Porta Portese, im späteren Trastevere, von dem heute kein Stein mchr auf dem anderen steht. Dort in der Vorstadt, welche von! der nornehmen römischen Welt kaum gekannt wurde,׳ verbarg sich in merkwürdigem Gemisch eine Menge armer, manchmal lichtscheuer niederer Bevölkerung. Unter dieser hatten die ersten Juden, die aus dem fernen Palästina in diese Stadt der Wunder gekommen waren, ihren Unterschlupf gefunden. Sie waren meist sehr arm und kamen mit geringer Habe; dadurch wurde es ihnen leicht, ihre Behausungen zu wechseln, was sich ab und zu als vortheilhaft erwies. Sie wohnten weit zerstreut, oft in den! ödesten Gegenden, ja sogar in der Campagna, und lebten von gewerblichen Arbeiten niederer Sorte meistens in großer Armuth. Sie hatten indessen bald ihre Schule und unweit von Santa Eäcilia in Trastevere eine kleine Synagoge. Erst zu Theodorich's Zeiten zerstörte ein Volksaufftand diesen bescheidenen Tempel, der die Gläubigen zur Andacht versammelte. Sie hatten sogar ihren eigenen Friedhof in einem unterirdischen Gewölbe in der Nähe der Porta Portese. Furchtsam und bescheiden wohnten sie dort und träumten den alten Traum von der Wiedererstehung ihrer heiligen Stadt. Eines Tages mögen sie dann in den dumpfigen Sttäßlein von Trastevere Leuten ihres Stammes begegnet sein, die eben erst in Rom angelangt waren und sagten, fie seien Fischer aus Galiläa; aber diese Stammesgenossen hielten sich zu einem anderen Glauben, zu anderen Gesetzen, von denen nichts im alten Testament zu lesen stand, und machten, Gm Jude. Thatsachen nacherzahlt von Hcndrick Descnburg. (Schluss.) ״Dass ich mich anständig benahm, weißt du, dass ich aber neben dem pour 16 merite auch das beste Herz gewonnen hatte drüben in Holstein, das sage ich dir hiermit!" Eine freundliche Kopfneigung nach der Seite seiner Frau erläuterte seine Worte. - ״Noch war das entscheidende Wort nicht gefallen, als der Krieg dem Frieden Platz machte, wenn ich auch die Ueberzeugung mitnahm, nicht abgewiesen zu werden, sobald meines Vaters Antwort einweffen würde, die ich sehnlichst erwartete. Aber statt der Antwort kam ein Telegramm mit der Mittheilung, dass dessen chronisches Leiden sich verschlimmert habe und mein beschleunigtes Kommen erforderlich sei. ״Ich reiste sofort mit Urlaub ab und — fand meinen Vater bereits als Leiche. ״Es waren trübe Tage, diese letzten, die ich im Vater- Hause verlebte. Nicht nur den tteuen Helfer und Berather hatte ich verloren, ich erkannte nur zu schnell, , dass ich mit ihm meine schönen Hoffnungen begraben müsse. Mein Vater hinterließ kein Vermögen. Dagegen machte mir seine sorgsame Buchführung ganz unantastbar klar, dass eine beträchtliche Schuldensumme vor- Händen, dass eine Reihe von Darlehen auf Handscheine entnommen. dass fast alle diese Schulden gemacht worden waren י— mit mir aus der Klemme zu helfen, und dass Benjamin Mein der Darleiher gewesen. Ich hatte -wohl gehört, dass der Jude reicher sein solle, als man nach seinem bescheidenen Auf- 'treten voraussetzen dürfte, ich kannte aber seine Sttenge als Gläubiger ünd — schließlich hatte er ja rechte Und ich — ich hatte .keine Ahnung davon gehabt, wie die Zahlen rapide zunehmen^ wenn man auf der Debetseite rechnet, hatte nimmer Wenn sie sich zum'Gebete versammeltenein neues .mysteriöses Zeichen über Stirn, Lippen׳ und!Brust. Die altansässigen׳Juden mögen Wohl anfangs mit Freuden die Abkömmlinge begrüßt haben, die . aus dem heiligen Jordan gewunken hatten, sie mögen den Fremden; die Wunder Roms gezeigt haben und die Synagoge wag fie mütterlich aufgenommmen haben. Aber bald zeigten sich die Unterschiede zwischen den Alten und den Neuen, sie hatten nicht mehr ihren gemeinsamen Gott,, nicht ׳.mehr gemeinsame Riten und Hoffnungen. Während die alten, in Trastevere ׳Ansäßiaen klug und vorsichtig jedes Aufsehen vermieden und den Cäsar ängstlich fürchteten, waten die Abkömmlinge, Schwärmer und. Enthusiasten, mit ihrer neuen Lehre offen und kühn unter die Menge, und in ihren Versammlungen hörte man eine. Lehre häufig commentiren, die den Alten unverständlich war, und welche von-dem Satze ausgieng: ״Beati pauperes." . . In. diesem ersten, ältesten Ghetto sah dann die römische Judenschaft den langsam reifenden geistigen und politischest Triumph der Lehre jener Fischer aus Galiläa, des Christenthums, mit an; sie sah alle Schrecken mit an, welche die Stürme des Mittelalters, die Barbaren des Alarich, des Geuserich, des Odoaker, die Byzantiner und die Longobarden über die ewige Stadt brachten. Sie sah die deutschen Kaiser einziehen,, sah die Normannen in Rom wüthen, erlebte all die Ausbrüche der Pest, die furchtbaren Feuersbrünste, die Perioden von Hungersnoch, die Fehden der feudalen Geschlechter. Als Rom von Robert Guiseard und seinen Normannen neuerdings niedergebrannt und vernichtet, wieder daran gieng, sich neu aus jener Wüste zu erheben, zu der die normannische Wuth die Stadt gemacht hatte, verließen anch die Juden ihre düsteren Behausungen in Travestere, sie übersiedelten auf das linke Ufer des Tiber und richteten sich zuerst unter dem Schatten des Theaters des Marcellus ein. Früher wohl schon hatten einige. Reichere, die über meine Einnahmen und Ausgaben eine Bilanz gezogen. ״In den einsamen Stunden am Sarge des Vaters wurde mir klar, dass ich mir einen anderen Beruf suchen, meine Absichten auf Erna aufgeben müsse. Auf dem Schreibtische hatte ich noch einen Brief gefunden, voll der besten Grundsätze, voll schöner Hoffnungen. Erna war nicht unvermögend, aber wie sollte ich an den Vater heranweten, ich der Bettler, ich in der Hand.eines Juden, der jeden Augenblick Beschlag auft mein letztes Hemd legen konnte. Und ob er es nickt thun würde? Wer stand mir dafür? Er galt für unnachsichtig schlechten Zahlern gegenüber und kannte mich — ich sage es offen — als leichtsinnig. . ״Auch am ftühen Morgen des Begräbnistages weilte ich im großen Sitzungssaale des Landrathsamtes, wo die Leiche meines Vaters aufgebahrt war. Ich wollte Abschied von ihm nehmen, ehe man den Sarg schloß. In tiefe, trübe Gedanken versunken, hatte ich nicht gehört, dass sich die Thüre . leise öffnete. Dann wurde ich durch ein Räuspern aufgeschreckt und sah neben mir den Juden Benjamin. ״Verzeihen Sie, wenn ich störe," sagte er leise, ״aber — ich habe noch vor dem Begräbnis eine Sache abzumachen, die —״ ״Herr Benjamin, hat das nicht wenigstens Zeit, bis der Todte begraben wurde?" sagte ich leise und innerlich empört, denn ich hatte in seiner Hand die Schuldscheine meines Vaters erkannt. Eine tiefe Gluth stieg in des Mannes Gesicht, seine Züge aber nahmen einen traurigen Ausdruck au, dass ich fast bewegt wurde, als seine dunklen Augeu sich vorwurfsvoll auf mich richteten. . ' ״Herr Lieutenant —" sagteer leise und reichte mir die Hand, die ich zögernd nahm, ״ich wollte den Ehrenmann noch einmal sehen, der mir stets Glauben und Vertrauen schenkte!

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