Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 20 (2.9.1895)
- Date
- 1895-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitunz. Seite F. Nr. 20> einige nützen in beiden Beziehungen etwas. Schluckweise, kurz vor dem Singen genommen, leisten einige Medicamente denjenigen Sängern vorzügliche Dienste, deren Arbeitsfähigkeit durch allgemeine oder locale Unpässlichkeit etwas herabgesetzt ist. Ob ein Stärkungsmittel, ein Reizmittel oder ein Beruhigungsmittel genommen werden soll, muß dem Ermessen des Arztes überlassen bleiben. Ein geeignetes Medicament, eine oder eine halbe Stunde vor dem Auftreten genommen, kann zuweilen einem Sänger zu einem glänzenden Triumph verhelfen, während er sonst vor lauter nervöser Angst sich ein vollkommenes Fiasco zugezogen hätte. Nicht nur die Anfänger haben an dieser lähmenden Schwäche zu leiden. Das Temperament des Künstlers ist ein so hoch gespanntes, dass oft eine leichte Gemüthsbewegung im Stande ist, die Vollkommenheit ihrer künstlerischen Production in Frage zu stellen. Schon Cicero gesteht ein, dass er niemals die Rostra ohne Lampenfieber bestieg und manche andere große Redner׳ und Sänger haben ähnliche Erfahrungen gemacht. . Eine amüsante Liste aller derjenigen Dinger, welche berühmte Sänger, um ihre Stimmen zu verbessern, verwenden, finden wir bei Mandl. Champagner, Rothwein, (rein oder vermischt) und Bier figurieren, wie mau sich denken kann, in erster Linie. Indessen wollen wir den Müßigkeitsvereinlern die freudige Mittheilung nicht vorenthalten, dass auch Kaffee, Thee, Milch, Selters und Limonade ihre Verehrer haben. Andere erklären Aepfel, Birnen, Pflaumen oder Erdbeeren als wahre Panacee für die Stimme. Möglicherweise haben diese Dinge wirklich eine gute Wirkung, jedenfalls können Sie mäßig ohne Schaden genommen werden. Dagegen muß es dem freien Fluge der Phantasie des Genius zu Gute gehalten werden, wenn Künstler behaupten, dass kaltes Beefsteak, Sardinen, Salzgurken oder kochendes Wasser die Stimmen verschönern. Rohe Eier, au naturel oder mit Sherry gerührt, erfreuen sich in weitesten Kreisen der größten Beliebtheit. Da zweifellos manche dieser Dinge einen wirklichen Werth besitzen, so darf man wohl überlegen,-worin das Rationelle ihrer Anwendung besteht Das lässt sich in zwei Worten ausdrücken, Glättung und St^ung der Stimme, zwei Eigenschaften, die sich bei einzelnen der Heilmittel vereint finden. Die erstere Wirkung wird hervorgebracht durch die sogenannten ״Emollieiifcia“ als Glycerin,".Träganth, Honig, verschiedene Gelees, Bonbons, Eiweiß rc. Diese Substanzen sind für die Stimme gewissermaßen, man möge den etwas unästhetischen aber zutreffenden Vergleich verzeihen, das, was die Wagenschmiere für die Räder ist. Sie glätten die Oberflächen der Schleimhäute, eine sehr wichtige Leistung, die man begreifen wird, wenn man sich daran erinnert, dass manche der Tonerzeugung dienenden Theile einander berühren und nur mit Schwierigkeit daher arbeiten können, wenn sie trocken sind. Zuweilen hat man in der Kehle, besonders im oberen Theile derselben, aber auch in den Hinteren Gaumenpartieen ein juckendes oder stechendes Gefühl, sobald man versucht, einen Ton hervorzubringen. In soschen Fällen gewährt Cocain in in Form von Pastillen oder Brausezeltchen große Erleichterung. Als ״Stimulantien" bezeichnen wir solche Mittel, welche die erschlafften Theile zu neuer Thätigkeit anstacheln. Es giebt zwei Arten derselben, allgemein und local wirkende. Von elfteren habe ich bereits gesprochen und 'möchte nur hinzüfügen, dass sie indirect die Muskeln durch die dieselben beherrschenden Nerven beeinflußen. Die letzteren wirken direct auf die Gewebe der Kehle, führen den wichtigen Partien derselben neues Blut zu, vermehren die Thätigkeit der Drüsen und reizen dieselben zu reichlicher Absonderung. Nützlich in dieser Beziehung sind Pastillen von Benzoesäure und doppelkohlensaures Natron. Man kann dielben so klein anfertigen, dass sie während des Singens unter der Zunge gehalten werden können, ohne die künstlerische Wirkung zu beeinträchtigen. Gewarnt sei dagegen vor dem Gebrauch der scharfen Reizmittel, wie Capsicum (Cayenne- Pfeffer), welches oft sogar auf ärztliche Verordnung gebraucht wird, noch schlimmer wirkt das rothe Gummi (Eucalyptus), das zeitweilig empfohlen wird. Diese Dinge haben zweifellos einen Platz unter den Heilmitteln, welche bei einigen Zuständen von Halsleiden angewendet zu werden verdienen, aber die Verwendung derselben als Hausmittel ist gerade so, als ab man an einer empfindlichen Maschine die Gelenke statt mit Oel mit einer scharfen Säure schmieren wollte. Eine ähnliche Verurtheilung verdient eine Erfindung, welche von verschiedenen Seiten mit großer Ausführlichkeit angepriesen und empfohlen wurde. Einer dieser Schwärmer bedauert es allerdings schon jetzt schmerzlich, auf den Blödsinn hineingefallen zu sein. Das Ammoniaphon, wie es hochtrabend genannt wird, wurde Plötzlich der überraschten Mitwelt vorgestellt als ein Talisman, allein vergleichbar den magischen Ringen und Lampen aus ״Tausend und eine Nacht". Durch einfache Einathmung verdampften, nicht unangenehm aber schwach riechenden Salzes, sollten nicht allein Heiserkeit, Rauhigkeit und andere Stimmstörungen beseitigt werden, sondern die Beschaffenheit der Stimme sollte vollständig verändert werden, so dass die rauhen, holprigen, nordischen Organe nur noch die melodischen Klänge des sangesfreudigen Italiens hervorbrächten. Die Stimme sollte mit einem Worte italienisirt werden, voila tont. Nebrigens war das eine ganz einfache Sache für jemanden, der entdeckt hatte, dass die Stimmüberlegenheit der Italiener von der chemischen Zusammensetzung der Luft, die dieselben einathmen, bedingt ist. Diese Isolation des wirksamen Prinzips besagter Luft und seine Verwendung für die Stimme war die die geistige Verirrung eines Professors der Agrikulturchemie, der zweifellos mit der Wirkung des Düngers auf dem Ackerboden ganz außerodentlich vertraut war. Rom und die römischen Juden. Das Ghetto von Rom ist heute nichts anderes mehr, als eine historische Reminiscenz. Der merkwürdige Schauplatz so vieler trauriger Vorgänge, welche die Antheilnahme nicht blos empfindsamer Gemüther zu erwecken befähigt sind, ist von der römischen Erde verschwunden, wie denn überhaupt die alten historischen Städte ihre Originalität mehr und mehr in dieser eisernen Zeit einbüßen. Es gibt noch Juden in Rom, aber es gibt keine Judenschaft mehr. In .jener Gegend der ewigen Stadt, in welcher so viele Jahrhunderte hindurch die Enkel Abrahams ein leidvolles Dasein geführt haben, erhebt sich heute ein neues bürgerliches Stadtviertel, gesund zum Bewohnen und gewöhnlich für den Anblick. Selbst der Tiber, der einst so oft fiir das Ghetto schrecklich war, ist dort kaum wiederzuerkennen: er fließt sanft dahin, eingezwängt zwischen hohe granitene Mauern. Wenn heute jene alten, blassen Juden, die einst im römischen Ghetto den Fluch des Exils zu tragen hatten, wieder dieses Viertel beträten, sie würden sich nicht mehr zurechtfinden. Sie könnten nicht mehr in den Sand, den die gelben Wellen des Tiber bespülen, herabsteigen, um dort träumend und traurig