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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-09-02 · Heft 20 (2.9.1895) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 20 (2.9.1895)
Date
1895-09-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. srr. 20. Verständnis für den Mann ihrer Wahl bekunden. Es ist deswegen ein großer Mißgriff, ja ein Mißgeschick sürs Judenthum, dass man sich daran gewöhnt hat, dem Doctor-Rabbiner alles Mffen und jede fachmännische Fähigkeit und Würde zuzumuthen, dem Dispens-Rabbiner hingegen jedes Wissen und jede sachmännische Fähigkeit und Würde abzusprechen. Durch eine solche Anschauung werden die Gemeinden irre geführt, und zwar die eine von der anderen, indem eine blindlings den! Beispiele der anderen folgt. Und ist die Gemünde in der Lage, einen Rabbiner anständig zu honoriren, damit er standesgemäß leben ckann, dann muß es nur ein Doctor sein; diejenige aber, die mit Noch eine Person für Alles ausuchmen kann, nimmt einen ״Dispens-Rabbiner", der für seme viele und vielseiüge Arbeit buchstäblich am Hungertuche nagen muß, ob er nun ein Fachmann mit voller Standeswürde ist oder nicht. Durch einen solchen Vorgang werden der Religion wie dem Rabbinerstande große Wunden geschlagen, an denen das Jndenthum verbluten kann, wenn die Gemeinden nicht bald zur Einsicht, zur richtigen Erkenntnis der wahren Sachlage gelangen sollten. Sie müssen in chrem Rabbiner den wahren und treuen Vertreter der Religion, den Mann der jüdischen Wissenschaft suchen und finden, ihn als solchen achten und ehren und fiir seine standesgemäße Existenz sorgen, mag er nun das Doctor- Diplom besitzen oder nicht. Sie dürfen ihn aber niemals zu einem billigen Werkzeug für Alles herabwürdigen und mit ihm und durch ihn gleichzeitig auch die Religion, den Rabbinerstand und die Gemeinde selbst. Zu diesem Mißgriff, der wie ein böser Krebsschaden an dem jüdischen Gemeindewesen — ganz besonders Böhmens — nagt und zerrt, hat sich noch ein zweiter gesellt, der dem ersten nur Nahrungssäfte zuführt, um die Untergrabung des Judenthums zu beschleunigen. Ich meine jene Vereinigung von einigen materiell hochstehenden Doctor-Rabbinern, die angeblich zur Wahrung der Würde und des Standes der Rabbiner gegründet worden. Durch diese werden die Gemeinden in ihren irrigen Anschauungen und Begriffen über den Rabbiner, dem das Schicksall oder Glück nicht ein Doctor-Diplom als Angebinde ins Leben mitgegeben, nur bestärkt. Anstatt den materiell oder geistig niedriger Stehenden amts- und berufsgemäß durch Lehre oder That beides zu sich emporzuziehen, wird er noch niedergedrückt und abgestoßen. Wird z. B. von einem solchen an seinen hochstehenden Menschen- und Amtsbruder in rituellen oder sonst religiösen Angelegenheiten eine Anftage gestellt, so wird ihm ganz einfach beschieden oder zu verstehen gegeben, er besitze die Würde des Rabbiners nicht, oder er wird ganz einfach ignorirt. Ebenso unsinnig es ist, den Character eines Menschen nach seinem Rocke zu beurtheilen, ebenso ungerechtfertigt wäre es, die Würde eines Rabbiners nach seinem Doctor- Diplom zu messen, um ihr bei Abgang eines solchen das Daseinsrecht abzusprechen." Indem wir auch vom Standpunkte der Cantoren und selbst jener, welche Rabbinatsfunctionen versehen, diese Ausführungen vollkommen billigen, fügen wir noch das Eine hinzu, dass eine Besserung der Verhältniße nur dann eintreten kann, wenn die Behörde nur dort die Gründung einer Cultusgemeinde genehmigt, wo die materiellen Voraussetzungen zur würdigen Erhaltung derselben gegeben sind. r Sprechen und Singen Ost wird der Arzt von Sängern geftagt, wie man seine Stimme abhärten und die Empfänglichkeit für Erkältung herabsetzen könne. Eine der besten Präservative ist ein allmorgendliches kaltes Bad, welches selbst im Winter keine nachtheiligen Folgen befürchten lässt, sobald nur die Haut mit einer gesunden Röche auf das nachfolgende Reiben mit dem Badehandtuch reagirt. Aber ein blasses Gesicht. Zähneklappern und Gänsehaut zeigen an, dass der shok des Bades ein zu großer war. In solchen Fällen muß man sich beschränken, den Körper mit kaltem Wasser und Schwamm abzureiben mit besonderer Berücksichtigung der Halsgegend, ׳wie dies oben beschrieben. Sänger können mit Vortheil auch ihre Morgentoilette auf die oberen Partien der Luftwege ausdehnen. Der Rachen sollte mit Wasser, dem eine kleine Menge Salz oder ein Theelöffel Eucalyptus- oder Gesundheitsessig zugesetzt ist, gegurgelt werden. Die Nasengänge reinige man in derselben Weise. Wenn dies, ebenso-wie das Bürsten der Zähne, allgemein geschehen würde, so gebe es bedeutend weniger Neigungeu zu Katarrhen, auch würden die Stimmen weniger Nasal- und Rachenton haben. Das Capitel würde unvollständig sein ohne einige Andeutungeu über all die verschiedenen festen und flüssigen Substanzen, welche mit mehr oder weniger Recht in dem Rufe stehen, ״gut für die Stimme" sein zu sollen. Alle Sänger und viele Redner haben ihre Panacee, an deren Wunderwirkung für die Reinigung, Stärkung, Füllung, Erweichung rc. der Stimme sie unerschütterlichen Glauben haben. Die meisten dieser Dinge sind, mit Erlaubnis zu sagen, Schund, aber es wohnt ihnen doch oft eine Kraft inne, mit denen der erfahrene Practiker rechnen wird. Groß ist die Macht der Phantasie, und wenn jemand glaubt, dass ihm etwas gut thut, so hat er davon einen ganz zweifellosen Nutzen. Daher sind in der ärztlichen Kunst auch diejenigen die besten Berather, die die Dinge nehmen, wie sie sind, nicht wie sie sein könnten. Der wahrhaft aufgeklärte Arzt ist nicht derjenige, der auf der einsamen Höhe der reinen Wissenschaft stehend, alles für Blödsinn erklärt, was man nicht auf physikalische Grundsätze zurückführen oder mit Hebeln und Schrauben beweisen kann, sondern derjenige, welcher die Anschauungen der Herren Gevatter Schneider und Handschuhmacher sorgfältig studirt und gerade aus den Schwächen der Menschen Hilfsmittel gewinnt. Wenn jemandem ein Heilmittel, dessen benöthigt zu sein er sicher glaubt, nicht gereicht wird, so wird das aus Psychologischen Gründen häufig sehr nachtheilig sein. Ich erinnere hier die Leser an die alte Schilderung Walter Scotts von der magischen Wirkung eines Rockknopfes auf das Gedächtnis eines Schulknaben. Die Nützlichkeit mancher Dinge, welche die Sänger für das Wohlbefinden ihrer Stimme unentbehrlich halten, ist sehr oft dieselbe, wie die des Knopfes. Das sind Sachen, an die sie sich gewöhnt haben und da sich die Einbildung der Unentbehrlichkeit desselben bei ihnen festgesetzt hat. so kann eine rücksichtslose Entziehung geradezu schädlich wirken. Ich räche deshalb stets den Sängern, irgendwelche Dinge, von denen sie glauben, dass sie ihrer Stimme nützlich seien, ruhig weiter zu gebrauchen, vorausgesetzt natürlich, dass es sich nicht um Substanzen handelt, die direct oder indirect geradezu Schaden stiften können. Die Mittel, die aus einem oder dem anderen Grunde angewendet werden, um die Sprech- oder Singstimme künstlich zu verbessern, sind theils local, theils constitutionell wirkende,

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