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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-08-15 · Heft 19 (15.8.1895) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 19 (15.8.1895)
Date
1895-08-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr.719. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitmlg^ Seite 5-. - Der Lehrer klage nicht über das menschliche Verderben und Elend; solch Seufzen und -Jammern ist kein Unterricht, es widersteht-dem kindlichen Gemüthe, dass dem sinnlichen Leben und der Freude in seinem .Aufblühen sich züwendet. Die Schüler gewöhnen sich bald daran und lassen den grämlichen Mann ״reden, der nur das Gemüth unempfindlich macht und nur ab- ' -leitet,-wo er begeistern sollte. Jeder Unterricht, wenn er ersolgreich sein soll, rvWksngt Entschiedenheit und Bestimmtheit. Fürchtet man, gegen die Vermufft --nnznstoßeu, so stößt man eben überallan und geräth ins Stolpern. Gottes Wort Ist der einzige Grund, worauf gebaut werden muß. Wer zweifelt, ist wie die Meereswoge, worin man nicht säen noch ernten kann. Kleine Chronik Wien. Da in einem speciellen Falle Zweifel enstanden find,, wie bei Judenehen dem Erforderniße der Verkündigung der Ehe zu entsprechen ist, wenn die Verkündigung einer der beiden Personen, welche die Ehe in Oesterreich abschließen wollen, im Auslande stattfinden muß, hat das Ministerium des Innern im Einvernehmen mit dem Cultus- und dem Justizministerium eröffnet, dass dem gesetzlichen Erforderniße der Verkündigung in einem solchen Falle genügt ist, wenn bei der Verkündigung die Formvorschriften jenes Staates beobachtet worden sind, in welchem die Verkündigung stattzufinden hatte. Es sei darum, keineswegs nothwendig und sachlich nicht einmal gerechtfertigt, Zu verlangen, dass die Verkündigung im Auslande unter allen Umständen durch den Rabbiner und unter Beobachtung der sonstigen im allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuche enthaltenen. Formvorschriften erfolge. Wien. Vor uns liegt der zweite Jahresbericht des Unterstützungsvereines ״TomecliEvgoiiim“ für arme jüdische Zugereiste, der es sich zur löblichen Aufgabe macht, unbemittelte Fremde, namentlich aus dem Spitale entlassene Reconvalescenten, mit Speisemarken und Ruhebeiträgen zu unterstützen. Besonders die Verköstigung am Sabbat und während der Festtage verursachten Diele Auslagen und während des Pessachfestes verausgabte der Verein für Speisekarten und Wein bloK an beiden Sedern mehr als 108 fl. Die Einnahmen belaufen sich auf 790 st. 64 kr., welche bis auf den Saldo von 168 st. 88 kr. entftrechende Verwendung fanden. Obmann des Vereines ist Herr Ignaz Schiff, Obmann-Stellverteter und Revisor der in weiten Kreisen rühmlichst bekannte Professor S. Hoffinann, der für Zufluß von Spenden bei seinen Bekannten thunlichst Propaganda macht und durch fein gemeinnütziges Wirken allgemeine Anerkennung verdient. Da noch immer das Wort der h. Schrift: KL lo jechdal e^vjon sich bewährt, wünschen wir dem Vereine viele Mitglieder. Vivat sequens! Wien» 7. August. Der freundlichen Einladung Folge leistend, hatte Schreiber dieses am vorigen Sabbat Nachmittag wieder einmal Gelegenheit, einem feierlichen Gottesdienste nach altjüdischem Ritus mit Pijuüm und Meschorerim beizuwohnen, u. z. in der Synagoge der Fugbachgasse, deren Cantor Herr Z. Weinberger sich redlich Blühe gab, sein gemischtes Auditorium thunlichst zu befriedigen und anerkennend vorerst hervorgehoben werden soll. Der eigentliche Zweck des zahlreichen Bethausbesuches galt aber der gelungenen und gediegenen Rede des Herrn Rabbiner Austerlitz, der früher bei der orthodoxen Gemeinde in der Stumpergasse sungirte und nun seine Proberede hielt, zu der wir ihm vom Herzen gratuliren. Kurz und gut war das Motto des Sprechenden, der das interessante Thema behandelte ״Bedarf Israel noch heute des Trostes und wo findet es denselben?" Der Vortrag war mit Midraschstellen reich gewürzt und verdient die fließende Diction und der oratorische Schwung besonderes Lob. Herr Austerlitz ist I Jünger der Preßburger Jeschiwah..— als solcher Autodidact — gleichwohl ist die Begabung für die Predigt unverkennbar und die Wahl dieses jungen Sprechers der Gemeinde zu entpfehlen. — n. Wien» 81. Juli. Heute Vormittag fand die Beerdigung der Frau Katharina L öwrt, Witwe nach dem sel. Direktor der Talmud-Thora Herrn Wilh. L ö w i t, statt. JmTrauerhausefanden sich in Vertretung der türkisch-israeMschen Gemeinde der 2. Präses Herr Lico Adutt, Herr Abr. M: Elias, Rabbiner Papo und Obercantor Bauer, ferner Rabbiner Grün, Secretär .Dr. Thal er, Secretär Fuchs u. A. ein. Die Function vollzog in wahrhaft ergreifender Weise Herr Obercantor Goldstern, begleitet vom Synagogenchore. Die Arme, die zehn Jahre ihren unwiderstehlich im Schmucke der goldenen Kettenschnüre, aber das üble Ende kam nachgeschleppt. ״Mein Vater hatte mir im Laufe der ersten paar Jahre schon mehrfach Pferdeverluste ersetzt, Neuequipierungen beschafft, fast über seine Kräfte mich unterstützt. Dennoch hatte ich Schulden — ich sage es offen — Spielschulden. Am Tage vor Antritt des Urlaubs hatte ich ganz unverantwortlich leichtsinnig pointtrt und nun kam ich verzweiflungsvoll im Elternhause an. Vater, — ja, aus dessen Klagen erkannte ich bald, dass er selbst in der übelsten Klemme war. Bezahlen musste ich aber — oder die Pistole nehmen. In solcher. Stimmung gieng ich zu Benjamin, dem damals noch mit geringen Mitteln arbeitenden Producten- Händler rc. und Bankier des Ortes. Ich wusste, dass mein Vater durch seinen Einfluß ihm einst eine Lieferung verschafft hatte, von der man den Juden hatte ausschließen wollen, obgleich er als zuverlässiger und ehrlicher Mann bekannt war. Diese Lieferung hatte den ersten Grund zu seinem Vermögen gelegt. ״Meine Erwartung wurde nicht getäuscht. ״Herr Lieutenant", fügte Benjamin, ״ich leihe kein Geld aus gegen hohe Zinsen mnd ohne Sicherheit. Für mich ist's eine hohe'Summe^ die Sie Derlangen! Aber ich werde Ihnen gern Geld geben" — es handelte sich beiläug um 3000 Thaler — ״weil ich Ihrem Vater zu Danke verpflichtet bin für mein ganzes Leben. Ich stelle die Bedingung, dass Sie mir versprechen, die Zinsen regelmäßig zu zahlen — 4 Percent — um sich an Ordnung und Sparsamkeit zu gewöhnen." Ich wollte ausfahren über den unverlangten Rath, aber ״es ist um Ihres Vaters wegen" fügte er hinzu und in seiner Stimme lag ein solcher Ernst, dass der Eindruck für den Augenblick nicht versagte. Ich sage für den Augenblick, denn bald: kehrte ich zurück in die alten Bahnen, d. h. lebte über meine Verhältniße. Ich folgte eben der thörichten und unlogischen Anschauung, die so manchen jungen Officier hineinbrachte in's Verderben, und die sich etwa in die Worte zusammenfassen lässt: ״Es muß sein — diese oder jene Ausgabe ist unvermeidlich — schon meiner Stellung und des Regimentes wegen!" Mein Vater war schwach genug, meinen Darlegungen in der Richtung immer zu glauben — ich selbst glaubte sie ja. Immer wieder half er aus. Anders wars bei Benjamin. Vergebens erbat ich weitere Darlehen. Mit eiserner Consequenz verlangte er die Zinsenzahlung, und schon am Tage der Fälligkeit kam unfehlbar der Mahnbrief — immer von einem ernsten Wort begleitet, wie: ״Wenn Sie nicht umkehren, nimmt es ein trauriges Ende!" oder: ״Um Ihres ehrenwehrten Vaters willen werden Sie ein ordentlicher Mann!" Wenn ich damals die Schuld hätte loswerden können! Aber daran war nicht zu denken. Im Gegentheil waren meine Schulden meist Rechnungen, wiederum zu einer beträchtlichen Höhe angelaufen, als der Krieg im Jahre 1864 ausbrach und auch mein Regiment zu den dorthin rückenden Truppen gehörte. Man bestürmte mich um Zahlung — es war schon nicht mehr schön. Ich wusste mir keinen Rath und reiste zu meinem Vater. Das war ein trüber Abschiedsbesuch — aber, er übernahm auch diesmal die Rechnungen. Von Benjamin bekam ich zu meiner Ueberraschung unmittelbar vor dem Ausmarsche die kurze Nottz: ״Während Sie kämpfen für das Vaterland und außer Landes sind, werde ich die Zinsen schon mit Ihrem Herrn Vater verrechnen. Gott schütze Sie, Herr Lieutenant, und machen Sie Ihrem Vater Ehre!" (Schluss folgt.)

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