Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 19 (15.8.1895)
- Date
- 1895-08-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Gesterreichisch-ungarisKe Lantoren-Zeitung. Seite 3. bemerken ist, dass die Bestimmungen des Wehrgesetzes eine solche ministerielle Verordnung zu Gunsten der Cantoren nicht ausschließen, sondern ohne Zweifel zulassen. ־ Auch bezüglich der Motivirung der Eingabe stimmen wir nicht vollkommen mit dem Herrn Collegen Stößler. überein. Es wäre sehr schwach um unsere Aussichten bestellt, wenn wir uns nur auf reine Aeußerlichkeiten, wie die ״kirchlichen Gewänder" berufen - könnten, bezüglich derer unsere Religionssatzungen weder für Nabbinen, noch für Cantoren irgend eine bindende Bestimmung enthalten. Viel wichtiger und ausschlaggebender ist der Hinweis auf. die Thatsache, dass das Gesetz den Bestand einer Cultusgemeinde von der Abhaltung eines regelmäßigen Gottesdienstes abhängig macht, und dass der Cantor, dessen Beruf die Celebrirung dieses Gottesdienstes ist, darum als ein unentbehrlicher Factor jedes geregelten jüdischen Gemeindewesens gilt. Mag. man den Cantor in den geistlichen Stand einreihen oder nicht, :zweifellos versieht er religiöse Functionen, die bei den übrigen, staatlich anerkannten Religionsgenossenschaften nur dem Geistlichen zukommen. Wir haben schon in voriger Nummer darauf hingewiesen, dass es . eigentlich Sache der jüdischen Cultusgemeinden wäre, in dieser Angelegenheit die Initiative zu ergreifen, und wollen heute diese Behauptung eingehender begründen. Eine Störung des Gottesdienstes durch die Einberufung des Cantors hat sich bis heute weniger fühlbar gemacht, weil die Mehrzahl der cantoraten Aemter.noch mit älteren Kräften besetzt ist, die entweder von den Bestimmungen des gegenwärtig geltenden Wehrgesetzes gar nicht getroffen wurden oder ihrer Wehrpflicht bereits Genüge geleistet Haben., Wie. wird es aber in einigen Jahren ׳ in den Gemeinden aussehen, wenn die meisten Stellen mit jungen. Kräften besetzt sein werden? Bekanntlich finden die meisten Einberufungen zu den Herbst- und Frühjahrsmanövern statt, und da kann es sich einmal ereignen, dass die Mehrzahl der Cultusgemeinden zur Zeit der hohen Feiertage oder des Pessachfestes Plötzlich ohne Cantoren dasteht. Wie soll da der Gottesdienst der Weihe des Festes entsprechend celebrirt werden? ,Das sind Verhältniße, die früher oder später eintreten müssen und darum, nicht so sehr im Interesse der Cantoren, sondern vielmehr noch im Interesse der ordentlichen Pflege des jüdischen Cultus, einer gesetzlichen Remedur dringend bedürfen. y. Der Unterricht in der um Von M. Tintn er, Lehrer und Cantor in Bunzlau. (Preußen.) Die Wichtigkeit und Nothwendigkeit des biblischen Unterrichtes bedarf keines Beweises. Die Bibel ist der Grund und die Quelle unseres Glaubens, die Richtschnur unseres Lebens. Dieses Buch darf keinem jüdischen Kinde fremd sein, denn es enthält den gesammten jüdischen Lehrbegriff, es ist die geheiligte Urkunde für ewige Zeiten. Heilige Schrift und Gotteswort bilden also das Gebäude des Judenthums; daher ist die möglichst vollkommene Erkenntnis ihres Inhalts jedes Israeliten Pflicht und Beruf. Die biblische Geschichte ist und bleibt die Erziehungsgeschichte der Menschen durch Gott zu Gott. Der Unterricht darf aber keinesfalls sich nur auf Namen und Zahlen beschränken, die Hauptsache bleibt die Moral und An- Wendung fiir das Leben selbst. Der Zögling muß erfahren, dass nach Gottes Rathschluß Sünde und Abfall friiher oder später aber doch unaufhaltsam in den Abgrund des Unglücks führen, wie.auch ihm der trostreiche Glaube ins Herz dringen, dass der feste gottesfürchtige Wille zu allen Zeiten endlich zum Siege führt. Wird dieses Ziel nicht erreicht, dann war die mühevolle Arbeit nur Gedüchtniswerk ohne Frucht für die Charakterbildung und für das religiöse Leben, und es würde bald wieder vergessen werden. Ein Jude. Thatsachen nacherzählt von Hendrick Desenburg. (Fortsetzung.) ״Zum Kennenlernen gehört aber hier eine Vorgeschichte," vervollständigte der Hausherr, ״und ich glaube bei Dir auf Verständnis zu begegnen, wenn ich Dir erzähle, bei welcher Gelegenheit ich den alten Herrn einst kennen lernte. Du weißt, dass mein Vater —" Noch ehe der General den Satz vollenden konnte, öffnete der Diener die Flügelthür des Salons und ein alter Herr trat ein, dessen Aeußeres nun doch meine ganze Aufmerksamkeit anzog. In der kleinen, etwas corpülenten Gestalt, in den scharf geschnittenen Zügen, in der Art, mit welcher er durch die goldene Brille hindurch mit einem kurzen Rundblick die Umgebung gleichsam zusammenfasste — kurz in Allem trat ganz unverkennbar der Jude hervor — nicht der moderne, elegante, geschniegelte und im Bewusstsein seiner Reichthümer sich überhebende oder freundlich herablassende Kommerzienrath der Großstadt — nein, der alte Jude, wie man ihm in kleinen Städten begegnet — beim Pferdehandel, im Bandladen oder in der kleinen Wechselstube. Ich leugne nicht, der erste Eindruck brachte mir eine Enttäuschung. Es musste mir die große Herzlichkeit auffallen, mit welcher nicht nur der General, sondern auch dessen Gemahlin diesem äußerlich so wenig anziehenden Menschen entgegen giengen. ״Willkommen, herzlich willkommen, mein lieber Herr Benjamin! Wir freuen uns, Sie auch einmal hier unter unserem Dache zu sehen! Wie schön, dass Sie uns von Ihrer Durchreise benachrichtigten! Wie geht es Ihrer Frau, Ihrem Sohne?״ Das war ein Willkommengruß voll Wahrheit und Herzlichkeit. Das mochte auch der alte Mann empfinden, denn seine Augen Augen nahmen einen so freudigen und glücklichen Ausdruck an, dass es überraschte, als er jetzt im Tone höchster Bescheidenheit sagte: ״Wenn ich die ehrende Einladung annahm, Herr General, gnädige Frau, so geschaht in treuer Erinnerung an den seligen Herrn Landrath, der mir stets gewesen ist ein treuer Mann! — Sie sehen aber dem verstorbenen Herrn Vater ähnlich, Herr General — auffallend ähnlich!" fügte er mit fast innigem Ausdrucke hinzu. Irrte ich mich? Wurden seine dunklen Augen feucht hinter der Brille? Die Meldung des Dieners, dass servirt sei, schien ihm gelegen zu kommen, ihm über eine Erinnerung hinweg zu helfen. Bei Tische saß Herr Benjamin mir gegenüber, neben dem Haus- Herrn. Während die Conversation sich um dessen Heimatsstädtchen drehte — des Generals Vater war dort einst Landrath gewesen — hatte ich Gelegenheit, des alten Mannes Züge zu beobachten, und mehr und mehr verschwanden die wenig anziehenden Formen vor dem durchgeistigten Ausdrucke. Durch den scharfen, klugen Blick der alten, schwarzgrauen Augen strahlte ein mildes Wohlwollen und eine wahre Freude schien ihn zu durchglühen, als die Generalin sich eingehend von Kindern und Kmdeskindern erzählen ließ. Er hatte eben von den geistigen Fähigkeiten feines ältesten Großsohnes gesprochen. ״Und was soll aus ihm werden, Herr Benjamin?" fragte der General. Fast traurig klang die Antwort: ״Was soll werden aus dem jüdischen Manne? Was gewesen