Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 18 (1.8.1895)
- Date
- 1895-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Nr. 18. stzmdmlang mit dem Notizbuch in der Hand, oft ohne Kopf- Ledeckmg, durch Wald und Flur streifte. Er schuf bei -Weitem nicht so leicht wie die Vvrgenannten. «Wer BeethovensSkizzen- und Noürungsblätter durchblättert", bemerkt Dr. H, Reimann zutreffend, ,,der sieht fastaus jeder Seite die Spüren eines titanischen Mngerrs-;zwischen dem Künstler und seinem Genius; der wandelt wie über ein mächtiges Schlachtfeld oder durch ein mit cyclopischen Ruinen bedecktes Gebiet — die stummen und doch so beredten Zungen der gewaltigen seelischen Erschütterungen, unter denen die Meisterwerke- Beethoven's in'S Dasein traten." Auber war in jüngeren Jahren ein eifriger Reiter, und seine besten Einfälle kamen ihm, während et seinen Spazierritt im Bois de Boulogne machte, der ihm als eingefleischtem Pariser der liebste von allen war. Eines Morgens gelangte er auf dem Mckwege in die Stadt auf euren Platz, der durch den׳ darauf abgehaltenen Wochenmarkt außerordentlich belebt war. In flottem Trabe wagte er sich mitten in dies Getümmel hinein, was natürlich einen unbeschreiblichen Tumult erregte. Gemüse- Weiber und Polizisten, Geschirrhändler und Obstverkäuferinnen, Alles schimpfte hinter dem verwegenen Störenftied her. Dieser aber ritt eilig nach Hause, wo er den lebhaften Marktchor für die ,,Stumme von Portici" niederschrieb, zu dem ihm die lange vergeblich gesuchte Inspiration in jenem Wirrware endlich gekommen war. Ms Donizetti in Paris war, befand sich in der Rne de Rivoli das Aürdewaarengeschäft der Madame Moorel. Schon mehrere Abende bemerkten die Gehilsinnen einen großen hageren Mann, der durch das Schaufenster in den Laden spähte. Sie stritten sich, welcher von ihnen diese Aufmerksamkeit gelte, und da der Beobachter nie auch nur die geringste Annäherung versuchte, so ging die Kühnste endlich hinaus und ftagte, was er dort zu schaffen habe. Der Fremde blickte sie wie traumverloren an und sagte: ,,Ich suche." — ,,Was denn?" — ״Das Finale zum dritten Acte meiner Oper, ״Der Herzog von Alba"!" — Die Modistin eilte schnell wieder in den Laden zurück, denn sie hielt den Mann für verrückt. Donizetti aber pflegte, weite Spaziergänge zu machen und die Augen so lange auf denselben Punkt zu richten, bis er durch dieses mechanische Mittel seinen Genius zwang, ihm zu Diensten zu sein. Halevy, der Componist der ״Jüdin", ließ sich am liebsten von dem surrenden Geräusche des im Theekessel kochenden Wassers inspirireu. Wenn der Kessel recht siedete und summte, flössen ihm die Gedanken am leichtesten zu. Anspruchsvoller war der ״Meister von Bayreuth". Schön geschmückte Zimmer, Blumen, herrliche Gemälde und Skulpturen mit Darstellungen aus der altdeutschen Heldensage begeisterten ihn zu feinen gewaltigen Schöpfungen. Richard Wagners Arbeitszimmer in Venedig soll ganz in Rosa geschimmert haben; er selbst war beim Componiren am liebsten in Sammt gekleidet. Materieller gesinnt war der ״Schwan von Pesaro," den ein leckeres Mahl in Gesellschaft heiterer Schönen am meisten anregte. Wenn dann die Champagnerpfropfen knallten, fühlte Rossini sich am besten aufgelegt und entwich auf.sein Arbeitszimmer, wo er nun Bogen auf Bogen mit seinen lieblichenanmuthig-sinnlichen Melodien vollschrieb. Was Rossini für die ältere..italienische Oper, das war Johann Strauß der Vater für die Tanzmusik. Von ihm und seiner Zeit berichtet sein noch berühmter Sohn Johann, der Schöpfer der ״schönen blauen Donau" und der ״Fledermaus" ״Das Componiren. war offenbar damals eine leichtere'Kunst als heutzutage. Zur Hervorbringung einer Polka durchstudirt man-jetzt die gesammte Musiklitteratur und vielleicht auch noch einige philosophische Systeme. Früher gehörte zum Componirennur Eines^M Musste Einem etwas einfallen, wie man sich populär auszudrücken pflegte. Und merkwürdigerweise ״fiel Einem auch immer etwas ein". Das Selbstvertrauen in dieser Richtung, war so groß, dass häufig ein Walzer für einen bestimmten Abend angekündigt wurde, von welchem am Morgen desselben Tages noch keine Note vorhanden war. In einem solchen Falle erschien zumeist das Orchester in der Wohnung, des Compositeurs. Sobald dieser einen Theil fertig gestellt hatte, wurde er vom Personal für das Orchester hergerichtet, copirt u. s. w. Inzwischen wiederholte sich das Wunder des ״Einfallens" beim Componisten bezüglich der übrigen Theile, nach einigen Stunden war das Musikstück fertig, würde durchprobirt und am Abend vor einem in der Regel enthusiastischen Publicum zur.Aufführung gebracht". ’ '* ־־ Wenn Johann Strauß^der..Jüngere.arbeitet, so sucht er nach dem Nachtessen ein kleines Boudoir neben seinem'im ersten Stock seines Wohnhauses gelegenen Schlafzimmer auf. Eine Flasche Wein und einige starke Cigarren nimmt der ״Walzerkönig" mit und schreibt dann von zehn bis zwölf oder selbst zwei Uhr Nachts seine alles electrisirenden Eingebungen nieder. Aber auch zu anderer Zeit kommen ihm Inspirationen, bald bei Tische, bald beim Billard- oder Tarockspiel. Seine Freunde wissen schon, was es zu bedeuten hat, wenn er plötzlich aufspringt und in sein Arbeitszimmer eilt. Er bringt dann schnell ein neues Walzer- oder Polkamotiv zu Papier, das ihm soeben eingefallen ist. Franz v. Suppe phantasierte erst stundenlang auf dem Klavier, wobei auf einem Stuhle neben ihm seine Schnupftabakdose und ein altväterisches rothes Taschentuch liegen mußten, dann setzte er sich an den Schreibtisch und brachte seine Eingebungen zu Papier. Er arbeitete früher mit erstaunlicher Leichtigkeit und schüttelte seine besten Nummern sozusagen nur aus dem Aermel. Während einer der letzten Proben zum dritten Acte seiner ״Fatinitza" meinte Director Jauner: ״Sie, Maestro, ich habe das Gesiihl, dass da am Schluffe, ehe die Operette zn Ende ist, noch irgend eine flotte Nummer am Platze wäre!" Schon am nächsten Mittage brachte Suppe den Fatinitza-Marsch mit dem Refrain ״Vorwüts mit frischem Muth!" mit, der bekanntlich in der ganzen Welt populär geworden ist. Kleine Chronik. Wien. Der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch hat die Absicht kundgegeben, sein Abgeordneten-Mandat niederzulegen. Durch die jahrelang aufgeschobene Verificirung seiner Wahl wurde Dr. Bloch die Zielscheibe immer heftigerer Angriffe seitens der Antisemiten und trotz vielfacher Urgenzen hat der Legitimations- Ausschuss einen Bericht über die bekanntlich angefochtene Wahl bisher nicht erstattet. Die Verzögerung entspringt jedoch keines- Wegs einer Rücksichtnahme auf den Abgeordneten Dr. Bloch, sondern, wie in der jüngsten Nummer der ״österr. Wochenschrift" ausgeführt wurde, der Furcht vor dem antisemitischen Terrorismus. Die Parteien wollen um jeden Preis eine entschiedene Stellungnähme gegen die Antisemiten vermeiden, die unbedingt nothwendig wäre, falls es zur Berichterstattung über die Wahl käme; da die Antisemiten die Gelegenheit sich nicht nehmen ließen, eine ״Judendebatte" herbeizuführen und Abgeordneter Dr. Bloch ihnen gewiss auch die gebührende Antwort nicht schuldig bliebe.