Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 18 (1.8.1895)
- Date
- 1895-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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9fc. 18. Seite 4. Destwrerchisch-ungarische Lantoren-Ieitung. sänger pulsirt. Worüber er dennoch Reue, üefe Reue muthmaßlich empfunden hätte, ist seine ״thörichte Verschwendung". Wie sein Geistesverwandter und Gesinnungsgenosse Börne hätte auch er die Frage ausgeworfen: ״Wer giebt nur die zwei Friedrichsd'or zurück, die ich meinem Laufvater für mein bischen Ehristenthum offerirt habe? Und Börne hatte wirklich begründete Ursache, diese zwecklos verausgabten zwei Friedrichsd'or als ״Lhörichte Verschwendung" zu bezeichnen. Denn die theuer erkaufte Auftrahme in das große Narrenhaus — wie er das christliche Germanenthum nennt — hatte ihm nichts genützt. ״So oft sie fürchteten, an Börne Schiffbruch zu erleiden, warfen sie Anker am Baruch aus." Er hieß nach wie vor der Taufe der Jude. Diese thörichte Verschwendung hätte unter Umständen auf unsere Nachsicht Anspruch. Weder Heine noch Börne hätte seine Eintrittskarte in die christliche Gesellschaft zu theuer erkauft, hätte ihre offen einbekannte Reue spätere Lachlustige von dem Wahne geheilt, ihre Desertion werde eine nachsichügere Beurtheilüng ihrer Abkunft zur Folge haben, bewirken, dass man ihnen verzeihe, einem Volke zu entstammen, welches nicht nur den Ariern ihren Gott ausgeboren, sondern auch sich des Besitzes einer Litteratur rühmen darf, welcher die neutestamentarische Ethik entlehnt ist. Dies ist aber nicht der Fall. Nur zu häufig gewahrt man heut- Zutage Gestalten mit goldenen Kreuzen von ostentativer, ihren Nasen Concurrenz bietender Größe auf der Brust. Was mag wohl die modernen Täuflinge in den Schoß der allein seligmachenden Kirche treiben? Ist etwa die Aera des Antisemitismus, dieser herrlichen Frucht am Baume christlicher Nächstenliebe, den Affimilaüonsgelüsten günstiger als die Zeit, Ln der das flügge gewordene Jungdeutschland die Hymne auf ״Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" zu zwitschern begonnen. Hat vielleicht, was dem Christenthume in nahezu 1900 Jahren nicht gelingen wollte, der erwachte Gleichheitsdrang die arischen Völker sittlich dahin gebracht, den Juden, die das Princip der Gleichheit Aller zuerst verkündet, nicht länger mehr das vorzuenthalten, was ihnen begehrenswerth scheint? Es hieße allerdings die ״jüdische Arroganz" zu weit treiben, wollte man der Vermuthung Raum geben, eine superiore Gemeinschaft, die. sich meineidiger Priester rühmt, werde alle Juden als. ihr ebenbürtig betrachten, deren charakteristisches Merkmal die unerschütterliche Treue ist, , mit der sie an ihrer religiöser Ueberzeugung festhalten. Aber die Deserteure, sollte man doch meinen, verdienten, ihnen gleich geachtet zu werden. Doch weit gefehlt. Die Herren Arier sind zu christlich gesinnt, als dass sie einen getauften Juden um das Vorrecht der langen Reue nach kurzem Wahne betrügen sollten. Dass dem so sei, dass selbst katholische Geistliche von Prononcirt czechischer Naüonalität sich diesbezüglich nicht von den Deutschen den Vorrang ablaufen lassen wollen, beweist nachstehendes Factum. Im Wahlkreise des verstorbenenen Reichsrathsabgeordneten Dr. Fanderlik stehen gegenwärtig zwei Mandatsbewerber gegenüber. Die Partei der Altczechen candidirt den Tischnowitzer Bürgermeister Franz Müller, und die Jungczechen nehinen für die Candidatur des Brünner Advocaten Dr. Stransky Partei. In einer Zeit, in der ein Christuspfänder als ״Bruder m Christo" in christlichem Socialismus macht, scheint es nicht überflüssig, auch über das Glaubensbekenntnis beider Mandatsbewerber zu referiren. Herr Bürgermeister Müller, ein in jeder Hinsicht ehren- Hafter Charakter, ist Katholik. Und Dr. Stransky? Hätte er nicht schon die Altersgrenze überschritten, dürfte er ohne weiteres um Aufnahme in eine Cadettenschule competiren und sicher sein, der Herr Kriegsminister wird ihn nicht aus — administrativen Gründen zurückweisen. Aber was nützt ihm der Taufschein, wenn sein Gesichtsvorsprung dem des Prinzen von und zu Liechtenstein zum Verwechseln ähnlich ist? O, die krummen Nasen! Dass unsere nach Gleichheit dürstenden Convertiten ihre Nasen nicht in eine orthopädische Anstalt schicken? Dort werden wenigstens ihre Nasen sicher das erlangen, was die arische Gesellschaft ihnen versagt! Vorläufig theilt Dr. Stransky das Los Heiners und Börne's. Auch er hat begründete Gin Jude. Lhalsachen nacherzahlt von Hcndrick Desenburg. Vor wenigen Wochen erst kehrte ich nach Europa zurück. Fast dreißig Jahre waren vergangen, seit ich als verkrachter Lieutenant nichts weiter hinüber nahm in die neue Welt, als das Bewusstsein, wenigstens reinlich abgeschwommen — Niemanden etwas schuldig geblieben zu sein. So weit war damals mein Vater gegangen, aber weiter auch nicht. ״Nun hilf Dir selbst, sieh, wie Du durchkommst, drüben giebt es keine so gefälligen Leute, die auf Wechsel pumpen und Existenzen ruiniren, auf Namen und Ehre bauend. Ich denke, ich täusche mich nicht in Dir und sehe Dich als ganzen Mann wiederkommen!" Das waren seine Abschiedsworte — damals in Bremerhaven am Dampfer. Und er hatte sich nicht in mir getäuscht, wenn er es auch nicht mehr erlebte, dass ich als ganzer Mann zurückkam und sogar als gemachter Mann. Die Parole ״hilf Dir selber" hat auch mir drüben die Wege geöffnet. Seit Kurzen: also war ich — zum ersten Male wieder-— in Europa. Mein Weg führte mich auf der Reise von Paris nach Berlin, durch Westfalen. In M. machte ich eine Fahr- Unterbrechung. Ich wussie, dass dort einer meiner Cadettenkameraden Kommandeur der 36. Kavallerie-Brigade war. Sollst einmal sehen, was er für ein Gesicht macht, wenn Du kommst und sagst: ich bin der leichtsinnige Desenburg, jetzt in Firma Desenburg & Co«, New-Iork!" So mochte ich etwa gedacht haben. Der Gedanke wurde zur That, und eine halbe Stunde später wurde ich von meinem ehemaligen Kameraden, dem General von Landegge auf das Allerherzlichste empfangen — eigentlich so, als ob wir uns erst vor ebensovielen Tagen gesehen, wie Jahre zwischen heute und dem letzten Begegnen lagen Wir hatten wohl eine halbe Stunde geplaudert, als sich die Thür öffnete und eine Dame von hoher Gestalt und vornehmer Erscheinung hereintrat. ״Liebe Frau, hier habe ich einen Jugendfreund, den Chef der berühmten New-Iorker Seidenfirma, Herrn Baron —״ ״Pardon, schlichtweg Desenburg!" unterbrach ich. ■ ״Mein Mann hat mir schon einmal von Ihnen gesprochen, Herr Desenburg," meinte sie lächelnd. ״Freilich —" ״Bitte, mein Kind, keine Freilichs!" schnitt ihr der Mann das Wort ab. ״Du siehst an Desenburg und mir, was aus ein Paar lusügen Lieutenants werden kann!" ״Ein General oder ein Großhändler — je nach dem ״Freilich"! Das war's ja gerade, was ich sagen wollte! Uebrigens — Sie bleiben doch zu Tische, Herr von Desenburg? Wir erwarten einen Freund meines Mannes, den —" sie brach plötzlich ab und sah fragend zum General hinüber. Dieser zog die Uhr — sah länger auf die Zeiger, wie das nöthig gewesen wäre. ״Ja, ja, es ist in zehn Minuten Drei," — sagte er dann mit einer gewissen Verlegenheit, ״er kann jeden Augenblick kommen! — Sag' einmal, alter Freund," — und klang Plötzlich wie aus einer anderen Tonart — ״sag' einmal, Deseilburg, — bist Du Antisemit?"