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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-08-01 · Heft 18 (1.8.1895) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 18 (1.8.1895)
Date
1895-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. Seite 3 Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. dass jenen Personen, welchen die Besorgung des Cultus obliegt" die Ausführung ihres Amtes nicht unmöglich gemacht wird. Und hier müssen wir anknüpfen, wenn wir auch fiir die Cantoren die den Rabbinen zuerkannten Begünstigungen in Ansp'ruch nehmen wollen. Es ist nämlich eine heute gewiss unbestrittene Thatsache, dass die Cantoren geradeso wie die Rabbinen als Träger des Gottesdienstes und somit als geistliche Funcüonäre zu betrachten sind, ein Umstand, der durch ihre Anerkennung als Religionsdiener gesetzlichen Ausdruck findet. Mit dem Momente, wo diese Anerkennung eintritt, ist es nur natürlich, dass im Interesse der ungestörten Besorgung des Gottesdienstes den Cantoren die im Wehrgesetze den Personen des geistlichen Standes vorbehaltenen Begünstigungen zu Theil werden. Es wäre eigentlich Sache der jüdischen Cultusgemeinden, die ja in erster Linie für die ordentliche und ungestörte Ab- Haltung des Gottesdienstes verantwortlich sind, für ihre Funcüonäre diese Begünsügungen anzusuchen, aber leider begegnet man seit jeher bei den jüdischen Cultusgemeinden in Fragen, wo es sich um die Cantoren handelt — und selbst wenn ihr Interesse mit dem allgemeinen Interesse identisch ist, einer solchen Lauheit und Theilnahmslosigkeit, dass von dieser Seite wenig.M erwarten ist. Darum wird es die Aufgabe des österr.-ung. Cantoren-Vereines-sein, in Vertretung sämnülicher Berufsgenossen eine wohlmotivirte ׳Eingabe---an. das hohe Ministerium für Landesvertheidigung zu richten und jene Verhältniße darzulegen, welche im Sinne des Wehrgesetzes fiir eine Berücksichtigung der Cantoren bei Ablegung des Waffendienstes sprechen. Es ist unsere feste Ueberzeugung, dass dieser Schritt von Erfolg begleitet sein und das hohe Ministerium im Verordnungswege die nöthige Nemedur schaffen wird. y. Eine thörichte Verschwendung. Als Heine, krank und siech, fühlte, dass seine Lebensuhr dem Ablaufen nahe sei, entrangen sich seiner liederreichen Brust die elegischen Worte: ״Keine Messe wird man nach mir lesen, keinen Kaddisch nach mir sagen." Diese knappe Elegie reflectirt die ganze Gemüthsverfassung eines Converüten. Wer denkfühig ist, kann sich eine richtige Vorstellung von dem machen, was Heine empfunden, als er mit nüchternem Verstände seinen Austritt aus dem Judeuthume überdacht hatte. Im Angesichte des nahenden Todes, wo jeder Schein zu verrinnen, die Beschwichtigungen des mahnenden Gewissens sich als das zu erweisen beginnen, was sie in Wirklichkeit waren — Selbsttäuschung und Selbstbetrug — legte er sich Rechenschaft ab sowohl über das, was er mit der Taufe aufgegeben, als auch über das, was er dafür eingetauscht. Und das Facit dieser Selbstprüfung war Reue,— lange Reue nach kurzem Wahne. Das Band, das ihn vordem mit dem Judenthume verknüpfte, hat er — darüber mar er mit sich im Klaren — leichtfertig durchschnitten. Hat ihn aber die empfangene Taufe zum Christen gemacht? Hat fortan der Trinitätsglaube seinem monotheistischen Denken und Fühlen eine neue Richtung gegeben, es vermocht, seine ursprüngliche Darstellung von Gottes Unendlichkeit, die in der Untheilbarkeit des göttlichen Wesens gipfelt, aus seinem Herzen ganz zu verbannen? Er selber formulirt die Antwort auf diese Frage in dem classischen Herzensergüsse: ״Keinen Kaddisch wird man nach mir sagen". Die elegische Reue, die in diesen Worten sich manifesürt, ist so gar geeignet, unser Mitleid zu erregen. Dem Psychologen gewährt diese Elegie einen Liefen Einblick in den Seelenzustand aller Converüten. 'ÄS" ist die laute Aeußerung der Sehnsucht nach Rückkehr ins Vaterhaus. Sie zeigt, wie tief der Glaube der Väter im menschlichen Herzen wurzelt, dass die Religion von ihrer Macht über unser Gemüth selbst dann nichts eingebüßt, wenn man sie wie ein unmodern gewordenes Gewand wechselt. Mit einem Worte: Die lange Reue nach kurzem Wahne bleibt niemals aus. Und wenn Heine die Klage vorangeschickt: ״Keine Messe wird man lesen", so liegt darin das Geständnis, dass er sich vollkommen bewusst war, wie wenig es ihm gelungen sei, die Welt über seine religiösen Gesinnungen zu täuschen, dass er von der Ueberzeugung durchdrungen war, dass ihn Niemand für das hält, wofiir er durch die Taufe hat scheinen wollen. Bevor er vor Gottes Richterstuhl gestellt wurde, fühlte er das Bedürfnis, sein Gewissen durch das Bekenntnis zn entlasten, dass ihm die Täuschung Anderer ebensowenig gelungen, so wenig er es vermocht, die geläuterten Wahrheiten des Monotheismus, wie er sie in seiner Jngend mit dem jüdischen Religionsunterricht in sich ausgenommen, aus seinem Herzen zu bannen. In welchem poetischen Gewände aber hätte sich seine lange Reue nach kurzem Wahne uns vorgestellt, wenn bei ihrer Geburt die Vorahnung zu Pathe gestanden, dass das Sacrament der Taufe ihm ebensowenig das deutsche Jndigenat sichern würde, so wenig es vermocht, ihm die Pforten des christlichen Himmels zu erschließen? Man überdenke nur sine ira et stndio Heiners Einfluss auf den Entwicklungsgang deutschen Geistes, um einen sicheren Gradmesser für die Perfidie Derer zu haben, welche die Treue für ihre Naüonaltugend ausgeben. Seine ganze poeüsche Veranlagung hat Heine in den Dienst des Deutschthums gestellt, mit all seinem Können die Litteratur eines Volkes bereichert, dem noch zu Karls des Großen Zeiten Schreiben ein völlig imbekannter Wortbegriff gewesen. Und dieses Volk mag ihn nicht als einen der Seinigen betrachten! Seinen Liederschatz hat es sich wohl zugeeignet, singt bei allen Anlässen mit Vorliebe seine poetischen Schöpfungen. Und dennoch ist auf dem Boden der Vaterstadt des Juden Heine kein Raum zu einem Denkmal fiir den Dichter Heine! Kein deutscher Schriftsteller vor wie nach ihm hat soviel wie er zur Veredlung der deutschen Prosa beigetragen. Seiner völligen Verschmelzung mit dem Deutschthume läge demnach, sollte man meinen, außer seinem jüdischen Bekenntniße kein weiteres Hindernis im Wege. Um auch dieses zu beseiügen, honorirte er einen christlichen Priester, der seine Zugehörigkeit zur christlich-germanischen Gemeinschaft taufbücherlich beurkunde. Und trotzdem fand sich kein Municipium im großen deutschen Reiche, welches die Aufstellung einer Büste des herrlichsten Dichters auf seinem Territorium gestattete! Hätte Heine, wenn er das vorher wusste, seine Verrechnung in einer ergreifenden Elegie schmerzlich beweint oder in einer beißenden Satyre den Parvenn deutschen Geistes nach Verdienst belacht? Von Heiners Naturell lässt sich nahezu mit Sicherheit voraussetzen, dass er vor seinem Geiste seine Ahnen hätte Revue passiren und den Deutschen Gerechügkeit widerfahren lassen. Sicherlich hätte er germanische Bescheidenheit besungen, die sich in der Selbsterkenntnis manifestirt, dass es den Stammverwandten der Vandalen schlecht anstehe, ihr Vaterland mit dem Bildniße eines Dichters zn schmücken, in dessen Adern das Blut eines Gabirol, Jbn Esra, Rabbi Jehuda Halewi und der Psalmen-

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