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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-06-28 · Heft 16 (28.6.1895) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 16 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-uisch engar Lantoren-Zeitung. Nr. 16. Segen Ihrem humanen, echt christlichen Wirken. Der Vorsitzende, Baron Suttner,' hob in seinem Thatigkeitsberichte hervor, dass alle seitens des Präsidiums im verganLenen Jahre eingeleiteten Schritte, eine Unterstützung der vom Vereine hochgehaltenen Bestrebungen seitens der. Regiermig zu erwirken, erfolglos gewesen seien, die Petitionen blieben ohne Resultat, und die Vereinsleitung sei aus dem Standpunkte angelangt, dass die Hoffnung, dass von Oben her gegen die Äuschreitungen des Antisemitismus vorgegangen werde, eitel sei. Dem Worte Antisemitismus sei mrur ans der Regierungsbank mit größter Vorsicht aus dem Wege gegangen, und wenn schon ein roher Exceß verurtheilt wurde, dann konnten die gespannt auf die ministeriellen Erklärungen harrenden Staatsbürger aus den Worten des Ministers nicht klug werden und wussten nicht, sind mit dem Tadel die bösen Socialisten oder die Antisemiten gemeint. Der Verein sei unter solchen Umständen ganz auf sich augewiesen, und so arbeite er emsig und füll fort, hauptsächlich darauf bedacht, die Massen für sich zu gewinnen. Die Mitgliederzahl süeg auf 4520; wenn jedes derselben die Intentionen der Vereinsleitung nach besten Kräften unterstütze, dann werden die Früchte der Thätigkeit nicht ausbleiben. Die Versammlung nahm den Bericht mit lebhafter Zustimmung auf. Mehrere Redner bezeichneten es als wünschenswerth, dass die Mitglieder sich an der Propaganda lebhafter als bisher betheiligen, denn die Situation sei bereits eine ernste. Die Antisemiten in Wien gehen, wie Vorfälle der letzten Zeit darthun, zur That über, und wenn dem Vereine auch in seinem Wirken, namentlich gegenüber Vorgängen der rohesten Brutalität, die ein Einschreiten der Regierungsgewalt herausfordern, enge Grenzen gezogen sind, so sei doch zu hoffen, dass eine richtige Aufklärung der Menge, dass ferner eiue rege Betheiliaung aller Mitglieder an der Agitation Abhilfe schaffe. Lebhaften Anklang fand die Anregung des Präsidiums, eine Abtheilung für Rechtsschutz zu gründen, die in Fällen antisemitischer Ausschreitungen und Bedrohungen zu interveniren hätte. Zum Schluffe wurde die Vereinsleitung einstimmig wiedergewählt. Wien. (Eine Million für wohlthätige Zwecke.) Wir haben bereits vor einiger Zeit mitgetheilt, dass Hermann Freiherr von Königswarter im Namen seines Sohnes Johann Alexander zum Vollzüge einer Clausel im Testamente seines Vaters, des am 14. November 1893 verstorbenen Moriz Freiherrn von Königswarter, die Summe von einer Million Gulden für eine Reihe humanitärer Institute und wohlthätiger Zwecke, die in dem väterlichen Testamente ausdrücklich namhaft gemacht sind, zur Verfügung gestellt hat. Die Vorstände dieser Institute sind nun durch den Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Heinrich Sieger als Bevollmächtigten des Baron Hermann Königswarter verständigt worden, dass derselbe seine Centralcasse in Wien beauftragt hat, den auf jeden Verein entfallenden Betrag am 29. Juli d. I. zur Auszahlung zu bringen. Durch den Vollzug dieser letztwilligeu Bestimmung werden 19 Instituten Beträge von 100.000 fl. bis 5000 fl. — im Ganzen 600.000 fl. — zugewendet. Die wohlthätigste und unter den gegenwärtigen Verhältnißen dankenswertheste Verwendung erfährt der Nest von 400.000 fl., indem diese Summe der Gemeinde Wien zur Errichtung eines Kinderspitals für arme Kinder der arbeitenden Elaste ohne Unterschied der Confession und Gemeinde-Angehörigkeit übergeben wird. Die Bestimmungen des Testaments'für die Vertheilung der Million sind folgende: Es sind zu entrichten je 100.000 st. der Armenanstalt der Wiener israelitischen Eultusgemeinde, dem israelitischen Blinden-Jnstitute auf der Hohen Warte und dem Wiener Wärmestuben- und Wohlthätigkeitsvereine; 50.000 st. der im Jahre 1764 vom Urgroßvater des Erblassers, David Wert heim, gegründeten frommen Bruderschaff der Wiener israelitischen Eultus gemeinde; je 25 000 st. dem im Jahre 1816 von der Urgroßmutter des Erblassers, Eleonore Wertheim, gegründeten israelitischen Frauenverein in Wien und dem Allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstummen-Jnstitute in Wien; je 50.000 fl. dem im Vereine zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten in Wien und dem Vereine zur Versorgung mittelloser Waisen der israeliüschen Cultusgemeinde; je 10.000 fl. dem Stammfonds der Aushilfscasse für ausftetende Reconvalescenten de's Israelitischen Krankenhauses in Wien, dem Stammfonds der Stephanie- Stiftung in Biedermannsdorf für blödsinnige Kinder und dem Stammfonds'des Israelitischen Studenten-Unterstützungsvereiües in Wien, den er mit dem-׳-verblichenen Freunde Dr. Gi W o l f im Jahre 1861 gegründet hat; 20.000 fl. der Stiftung für unheilbare Kranke (Haus der Barmherzigkeit) in Währing; je 10.000 fl. dem Ersten Wiener Ferien-Colonien-Verein, dem Vereine für scrophulöse und rhachitische Kinder mit'dem Sitze in Roringen, dem Vereine zur Beköstigung armer Schulkinder in Wien und dem Wöchnerinnen-Asyl in Gersthof; je 5000 st. dem Vereine für israelitische Volksküchen in Wien. und. der Prediger-Mannheimer-Stiftung in Wien; 400.000 fl. der Commune Wien mit der Verpflichtung, aus diesem Beträge ein Kinder-Hospital zu erbauen und dauernd zu fundiren. Das Haus soll nicht größer sein, als genügt, um mit dem Betrage die Deckung für Bau, innere Einrichtung und Erhaltung zu finden, da keine Beisteuer hiezu von anderer Seite erfolgen soll, außer wenn die Commune alljährlich einen Sustentations-Beitrag leistet. Das Hospital soll-in einem Bezirke gebaut Werdens der in den angrenzenden Bezirken keines hat, hauptsächlich zu Gunsten der arbeitenden Bevölkerung, welche am schwersten für kranke Kinder sorgen kann. Bei der Aufnahme hat nur die Erkrankung des Kindes und die Dürftigkeit der Eltern, nicht aber Confession und Gemeindezugehörigkeit zu entscheiden. Das Hospital soll nach der Mutter des Erblassers ״Josephsne von'Königsw arter'sch es Kind erspital" heißen und einem Curatorium unterstehen, dem angehören der-jeweilige Bürgermeister von Wien, der Magistrats-Dirertor, -der Armen-Referent, zwei Gemeind eräthe, zwei Mitglieder des. Vorstand es der. israelitischen Cultusgemeinde, ein Mitglied des evangelischen Oberkirchenrathes.. Pvoffnitz, 28. Juni. In dem neuen deutschen Vereins- Hause hielt heute der an Stelle des verstorbenen Reichsrathsabgeordneten Dr. Weber vom Central-Wahlcomits cändidirte Bürgermeister von Proßnitz, Herr Joseph v. Engel, seine Candidatenrede, welche von den zahlreichen Wählern enthusiastisch ausgenommen wurde. Die israelitischen Wähler gaben hiebei durch Herrn Joseph Singer folgende Erklärung ab: ״Die israelitischen Wähler von Proßnitz geben hiemit der tiefen Besorgnis Ausdruck, dass die vereinigte Linke, welcher Partei ihr Candidat im Abgeordnetenhause, wie sie erwarten, sich anschließen wird, nicht mehr in jeder Beziehung auf der Höhe ihrer Aufgabe zu stehen scheint. Als Aufgabe dieser Partei betrachten es die israelitischen Wähler von Proßnitz, bei Wahrung der nationalen Stellung des Deutschthums im Kaiserstäate, die fteiheitlichen Errungenschaften der Sechziger- und Siebziger-Jahre nicht verkümmern zu lassen und insbesondere dem ersten Grund-' satz jedes liberalen Programmes uneingeschränkte Geltung zu verschaffen, dem Grundsätze nähmlich: ״Vor dem Gesetz Ist jeder Staatsbürger gleich!" In der Verfechtung dieses Grund-: satzes hat aber die Vereinigte Linke in den. letzten Jahren eine auffallende Lauheit bewiesen. Denn obgleich die Fälle, in denen dieser Grundsatz zu Ungunsten der Staatsbürger mosaischen Bekenntnißes seitens der letzten beiden Regierungen durchbrochen wurde, sich häuften, obwohl die Grundrechte der jüdischen Staatsbürger verletzt und die brutalsten Instinkte der Massen, gegen sie aufgestachelt wurden, haben diese fortdauernden Kran-׳ kungen seitens der Regierung keine Abhilfe, haben diese perfiden- Angriffe seitens der liberalen Partei nicht die entsprechende Zurückweisung gefunden. Nun zählen aber die jüdischen Wähler, zumal in Mähren, zu-den treuesten Verfechtern der deutschliberalen Partei, und insbesondere die jüdischen Wühler in Proßnitz haben ihre Gesinnungstreue und Parteid isciplin seit Decennien in rühmlichst bekannt gewordenen Wahlkämpfen, unter Einsetzung ihrer materiellen Interessen, mitunter selbst ihrer׳ Existenzen bekundet und bewährt. Diese ׳ jüdischen Wähler dermährischen Städtefinden es mit dem Programm der liberalen- Partei, der sie angehören, unvereinbar, dass diese Partei es' ängstlich vermeidet, sich für die verletzten Rechte ihrer jüdischen' Genossen ernstlich zn exponicen. Die Verstimmung hierüber/-ist eine tiefgehende, und schon mehrfach wurde in diesen Kreisen die Frage aufgeworfen, ob es nicht nöthig sein werde, das

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