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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-06-28 · Heft 16 (28.6.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 16 (28.6.1895)
Date
1895-06-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite:4. Gesterreichisch-ungarische ^Lantoren-Zeitung. Nr. 16. Form zu geben. Die den Mund- und Nasenöffnungen entsprechenden Partieen sind mit Kieselwatte ausgefüllt, welche die eingeathmete Luft erwärmt und trocknet und zugleich schädliche Bestanbtheile desselben festhält. Abgesehen von den gerühmten Vorzügen gewährt der Respirator einen Schutz gegen Krankheitskeime, welche bekanntlich hauptsächlich durch die Athemwege in den Körper eindringen. Leider habe ich die traurige Erfahrung gemacht, dass viele Sänger und Sängerinnen, namentlich letztere, sich lieber allen Gefahren der Kälte und des Nebels aussetzen, che sie sich entschließen, einen solchen Apparat anzulegen; und der andere Schutz, den Mund sorgfältig geschlossen zu halten, ist für viele derselben erst recht nicht durchführbar. Die Bekleidung des Halses soll wie die des Körpers überhaupt nicht zu enganliegend sein, um weder die Athmung noch die Bewegungen des Kehlkopfes zu erschweren. Steife Kragen nach Art der Vatermörder sollten von Sängern nie getragen werden. Damit zu fingen, ist gerade so, als ob man in Fesseln tanzen wollte. Noch schädlicher find Kleidungsstücke, welche die Brust oder die Oberbauchgegend beengen. Beides beraubt die Stimme ihrer Kraft und Resonanz, weil die Lungen keinen genügenden starken Luststrom Herausblasen können, und der Brustkasten keinen Raum zum Vibrieren hat. Das feste Schnüren, bei dem der Druck stark genug ist, um die Knochen zu verbiegen und die Eingeweide von chrem Ort zu verdrängen, und die Korsetts, welche Aehnlichkeit mit orthopädischen Eisenstangen haben, welche verbogene Knochen einrichten sollen, find der haarsträubendste Blödsinn unter all den vielen Thorheiten der civilisirten Welt. Ich sah eine junge, fast in der Mitte durchgeschnürte Dame eine auf ihren verkrüppelten Fiißen wackelnde Chinesin mitleidig belächeln. Das war die beste Illustration zu dem bekannten Sprichwort von dem Splitter und dem Balken. Eine wohlgebaute Dame bedarf keiner Schnürbrust, und wo eine solche unumgänglich nöthig ist, sollte das Korsett von elastischem Material gearbeitet sein, welches sich genau den Körperformen anschließt und nur geradezu so viel Fischbein besitzt, um ihm Festigkeit zu geben. Die Stahlkorsetts sind eine Scheußlichkeit, welche man den thörichten Frauenzimmern überlassen sollte, welche bei ihrer Vergötterung der Mode mit dem freiwilligen Martyrium des indischen Fakirs wetteifern wollen. Den Stahlpanzer der eisernen Jungfrau des 19. Jahrhunderts sollte man in den Museen neben den Daumschrauben, dem spanischen Stiefel, dem gespickten Hasen und den übrigen liebenswürdigen Folterwerkzeugen zur Erbauung der Nachwelt ausstellen. Zu den äußeren Schädlichkeiten, vor denen sich der Sänger zu hüten hat, gehören vor allen Dingen schädliche Dämpfe und Gase. Auf die Gefährlichkeit des Nebels habe ich bereits hingewiesen. Aber Dunst, Kaminrauch, ein beizender Tabak, Schwefeldämpfe und ähnliches sind ebenso nachtheilig. Man bedenke, dass die Kehle die Achillesferse des Sängers ist. Bis spät in die Nacht hinein in der dumpfigen, heißen Kneipstube zu sitzen, wo die Friedenspfeife die Luft blau macht, ist um so nachtheiliger, als Reiz und Hitze den Hals zu Erkältungen ׳ beim Hinaustreten noch besonders disponieren. Es ist nicht überflüssig zu bemerken, dass fleißiges Spazierengehen den Säugern sehr zu empfehlen ist. Sie'haben sämmtlich große Neigung, dieses sehr zu vernachlässigen, theils wohl, weil sie fürchten, sich im Freien zu erkälten, theils aus einer gewissen physischen Trägheit, welche zum Temperament des Sängers zu gehören scheint. Zu lang ausgedehnte oder besonders anstrengende Touren sind jedoch bei Leuten, von denen kräftige Muskelleistungen in anderer Beziehung erwartet werden, nicht angebracht. Ueberhitzte Wohnzimmer sind dem Sänger wegen der Gefahr der Erkältung nachtheilig. Bei feuchtem oder nebeligem Wetter, ebenso bei scharfem Nordostwind sollte der Sänger, wenn er es vermeiden kann, am liebsten gar nicht ausgehen. Spazierengehen, Reiten, Rudern, Lawn tennis sind zu empfehlen, weil sie die Lungen und die Muskeln kräftigen. Jagen ist zu angreifend, abgesehen von dem oft dabei vorkommenden lauten Schreien. Im großen und ganzen ist jede Beschäftigung, welche rapide Bewegung in freier Luft erfordert, zu Widerrathen, weil das dadurch bedingte Eindringen kalter Luftund ' Hier lag er hilflos mit zerrissenem Herzen. Seine von schauderhaften Gedanken erfüllte Seele quälten die unheimlichsten Bilder und Vorstellungen. Er wusste, dass er das Krankenlager nicht mchr verlassen werde; aber von bitteren Gewissensbissen gefoltert, fand er keine Ruhe. Erst jetzt erkannte er die Größe seiner Vergehen, die er seiner Familie und dem Chasen gegenüber auf dein Gewissen hatte, er erinnerte sich der Stunde, in der Feigenbaum vor seinen Füßen lag und ihn um Barmherzigkeit angefleht hatte; und centnerschwer lag es ihm auf seiner Brust. ׳ Von solchen Betrachtungen gequält, lechzte seine Seele nach dem beruhigendem Balsam des Trostes, der ihm feine Herzenspein lindern sollte. Und er, der schon längst mit feinem Gotte zerfallen war, bat den Krankenwärter um ein Gebet- Luch, worin er beständig las. Als er. sein Ende herannahen ftihlte, erklärte er dem bei ihm weilenden Chewreschames, nicht sterben zu können, ohne Feigenbaum gesprochen zu haben. Es war eine äußerst rührende Szene, die sich den Anwesenden im Spitale darbot. Feigenbaum schluchzte laut auf, das Herz drohte ihm zu brechen, als ec den einst so stattlichen und einflußreichen Manu, der jetzt kaum fein eigener Schatten war, daniederliegen sah. Es fehlten ihm die Worte für die gewaltigen Empfindungen seines übervollen Herzens, und die Laute erstarben auf seinen Lippen. Bernat rang nach Fassung, raffte sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft auf, und Feigenbaum die zitternde Hand entgegenstreckend, sprach er mit rührender Stimme: «Kannst Du einem reumüthig Sterbenden vergeben?" Tief erschiittert drückte ihm Feigenbaum die Hand und versicherte ihn, dass er ihm schon längst verziehen habe. Hierauf sprachen sie noch von ihren Kindern, und freudig verklärten sich die Züge des Kranken, über die sich bereits die Schatten des Todes ausbreiteteu, als er vernahm, dass sein Sohn sich in Amerika eine angenehme Existenz gegründet und in zwei Monaten herüber kommen werde, um Jittele als seine Frau heimzuführen. ״Es scheint", bemerkte darauf bewegt der Kranke, ״dass der liebe Gott meine Schuld an unseren Kindern in Freuden derwandeln will. Dieser versöhnende Augenblick", fuhr er mit sichtlicher Anstrengung fort, ״ist der erste, der uns nach langen Jahren wieder zusammengeführt, er wird der letzte sein! Hinter ihm liegt keiner mehr, der uns einst zusammenführen kann, als im Schoße der Ewigkeit! Lebe wohl! Der Himmel segne Dich und unsere Kinder!״ Beide reichten sich nochmals die Hände und sahen sich schweigend in die Augen, bis diese ein Thränenschleier umflorte; dann verließ der Chasen tief bewegt das Spital. Bernat sank erschöpft auf sein Lager zurück. Tröstliche Beruhigung und fromme Zuversicht kamen über ihn. Er fühlte sich innerlich so beruhigt, wie seit langer Zeit nicht mehr; und ein beftiedigendes Lächeln umspielte leine Lippen, als er bald in einen erquickenden Schlaf verfiel, der lange seinen Augen floh. Als ihn Feigenbaum am anderen Tage besuchen wollte, traf er nur mehr eine Leiche. Bernat war noch in derselben Nacht verschieden. Der Chasen trug dafür Sorge, dass ihm ein anständiges Begräbnis zu Theil werde.

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