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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-06-15 · Heft 15 (15.6.1895) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 15 (15.6.1895)
Date
1895-06-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 3. in das Gotteshaus. Als der Monarch am Eingang erschien und der Rabbiner Dr. Mühsam mit den Thoraträgern ihm entgegengieugen, intonirte Obercantor Horn das ״Halleluja", welches vom Chor unter Orgelbegleitung dreimal wiederholt wurde. Der Rabbiner sprach die übliche ״Dsrovbob", wobei das Amen vom Cantoc intonirt und vom Chor zweimal wiederholt wurde. Der Kaiser wurde hierauf zum Thronsessel geleitet, während die Suite auf der gegenüberliegenden Seite-ihre Aufstellung nahm. In der Nähe des Monarchen stand Statthalter Baron Kübeck. Der Synagogenchor stimmte nün unter Orgelbegleitung den Psalm ״Adonaj beos’eho“ an, in welchem Obercantor Horn die Solostellen ״adonaj beos’cbo“ und ״goäor keTvodo“ mit prächtiger Stimme wiedergab. Nach Absinguug des ״Königsspalmes" hielt Rabbiner Dr. Mühsam folgende Ansprache an den Monarchen: ״Erhabene Majestät! Dank, tiefempfundenen, allerunterthänigsten Dank für die hohe Gnade, in welcher Ew. Majestät geruht haben, die Israeliten überhaupt und in erster Reihe die der Cultusgemeinde Graz, deren Sprengel jetzt die Kronländer Steiermark, Kärnten und Krain umfasst, auszuzeichnen und zu beglücken! Erhabene Majestät! Durch 400 Jahre waren die Pforten dieser 3 Kronländer den Israeliten verschlossen und ein israelitisches Gotteshaus gab es in ihnen nicht. Erst unter der glorreichen Regierung Ew. Majestät, welche alle Unterthanen mit der gleichen Liebe und Gnade beglückt^ haben die Israeliten sich auch hier wiederum neue Heimstätten gründen dürfen, und dieses Gotteshaus, dessen Erbaunng nur durch einen-hohen Gnadenact Eurer Majestät ermöglicht worden, bildet einen Markstein in der Geschichte der Israeliten Oesterreich». Dank, tiefempfundenen, allerunterthänigsten Dank, dass Eure Majestät gewürdigt haben, diese dem Dienste Gottes geweihte Stätte durch den allerhöchsten Besnch zu verherrlichen. Geruhen Eure Majestät auch von Seite des ersten und alleinigen Rabbiners in den drei Kronländern allergnädigst entgegenzunehmen, dass ich es als mein höchstes Lebensglück schätze, nach Jahrhunderten wieder als der erste israelitische Seelsorger den Dank der ersten israelitischen Cnltusgemeinde in der Steiermark Eurer Majestät zu Füßen legen zu dürfen, und dass ich die hehre Aufgabe preise, die mir zugefallen, die Treue, Ergebenheit un Dankbarkeit der Israeliten für Eure Majestät durch das lebendige Wort an heiliger Stätte immer von Neuem zu stärken und lebhaft zu erhalten. Geruhen Eure Majestät, allergnädigst hinzunehmen, dass ich in dieser uns alle beglückenden Stunde unseren unverbrüchlichen Gefühlen für Eure Majestät im Aufblicke zu Gott dem Herrn Ausdruck verleihe mit dem biblischen Priestersegen: Es segne Dich der Herr und behüte Dich, der Herr lasse sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig, der Herr wende sein Antlitz Dir zu und gebe dir Frieden wie heut so immerdar. Amen!" Nachdem der Rabbiner den Priestersegen gesprochen hatte, wurde vom Synagogenchore die Volkshymne gesungen und der Vorstand, Herr P o l l a k, trat zum Kaiser und bat ihn, seinen Namenszug in das aufliegende Gedenkblatt zu setzen, welches aus weißem Papier besteht und mit der Kaiserkrone geschmückt ist. Freundlich nickend, willfahrte der Monarch der Bitte des Vorstandes und bemerkte, dass ihn die schöne Anspräche sehr gefreut habe. Unter endlosen Jubelrufen der nach Tausenden zählenden Menge verließ der Kaiser das Gotteshaus. Am Abend fand in der kaiserlichen Burg eine Hoftafel statt, zu welcher auch Herr Rabbiner Dr. Mühsam geladen war. Sprechen und Singen. Wie schon früher bemerkt, sind Sänger nicht nur Künstler, sondern auch Athleten, und es wird von ihnen ebensoviel Selbst- Überwindung verlangt, um sich für ihre haksbrechendeu Exerzitien stets in Stand zu halten, wie von den Ruderern und Wettläufern. Ein Sänger muß immer und ewig an das Wohlbefinden seiner Sttmme denken, und sein Leben gleicht in dieser Beziehung dem Asketen in der Wüste, der sich den schwersten Entbehrungen unterwirft, um die Sicherheit des ewigen Seelenheiles in keiner Weise zu gefährden. Wir haben schon früher beschrieben, wie man es anfangen muß, um die Stimme zu möglichster Vollendung auszubilden. Es bleibt uns nur noch übrig mitzutheilen, was der Sänger thun soll, mehr noch aber was er lassen soll, wenn er seine Stimme bis in ein hohes Lebensalter in' brauchbarein Zustande erhalten will. Es ist bereits hervorgehoben worden, dass zwischen dem Wohlbefinden des Gesammtkörpers und der Gesundheit des einzelnen Organs eine dirette Beziehung besteht. Alles, was daher überhaupt der Gesundheit zuträglich ist, wird in noch höherem Grade der Sttmme wohlthätig sein. Einer unserer Freunde, der sich wegen seines prachtvollen Organs in London einer großen Berühmtheit erfteut, erzählte uns, dass er die Reinheit und Weichheit der Stimme erlangt habe, während er sich der anstrengenden Trainierung für das llniversitätswettrudern unterzogen hatte. Mäßigkeit in jeder Beziehung ist für den Sänger wichtiger, als für irgend einen anderen Beruf. Der Alkohol, wenn nicht in sehr mäßiger Menge genossen, wirkt nicht nur auf das Allgemeinbefinden, sondern ganz besonders auf die Sttmme nachtheilig. Zweifellos übt derselbe einen Reiz, welcher einen Künstler ein einzelnes Mal bei der Bewältigung einer schwierigen Ansgäbe wesentlich unterstützen kann, aber die unvermeidliche Reaktion folgt mit Sicherheit und fordert zu ihrer Bekämpfung eine weitere Dosis desselben Giftes. Das Endresultat ist leicht vorauszusehen. Ich meine hier nicht die sinnlose Trunkenheit, sondern > die kumulative Wirkung häufig wiederholter, kleinerer Mengen auf das Nervensystem, die langsame und sichere Untergrabung der Leistungsfähigkeit durch die ewige Wiederholung von Ebbe und Flut in der Lebenskraft. Dann folgt auch, so sicher wie die Nacht dem Tage, die Unsicherheit der Sttmme, d. h. die Unmöglichkeit der sichern Einstellung der einzelnen Kehlkopfmuskeln. Langsam, aber sicher kommt sie heran. Jeder kennt das heisere Organ des alten Kneipbruders. Das kommt von der chronischen Entzündung der Stimmbänder, deren ursprünglich glatte, glänzende Fläche durch den Reiz des scharfen Getränkes rauh und verdickt ist. Die Bänder haben die Herrschaft über ihre Bewegung verloren und die Stimme wird heiser und krächzend durch die Unebenheit der früher glatten Ränder. Die lokale Wirkung des übermäßigen Alkoholgenusses auf die Wege, welche er zu passieren hat, und auf deren Nachbarschaft ist ein durchaus nachtheiliger. Selbst in verhältnismäßig kleinen Mengen schon erhält er die Theile in einem Zustand dauernder Kongestton und setzt ihre Widerstandsfähigkeit gegen Erkältungen und andere Schädlichkeiten wesentlich herab. Wenn der Sänger merkt, dass er ein Stärkungsmitel bedarf, so nehme er eine kleine Menge gutem Rothwein oder Burgunder oder einen Cognac mit Selterwasser oder Ztpollinaris reichlich verdünnt. Scharfe Gewürze oder stark reizende Substanzen jeder Art sollten absolut vermieden werden, als da sind Cayennepfeffer, Senf, scharfe

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