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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-06-15 · Heft 15 (15.6.1895) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 15 (15.6.1895)
Date
1895-06-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. v Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. , Nr. 15. Sagen wir res nur ^ftei und offen: häs Verhältnis der jüdischen Cultusgemeinden zu ihren Beamten, die Art und Weise wie sie ihren Verpflichtungen den Letzteren gegenüber Nachkommen, entsprächt weder den alten jüdischen TraditionenMoch den Anforderungen des modernen gesellschaftlichen Lebens. Während jedes andere Gemeinwesen, jedes größere Institut die Zukunft der Beamten sicherstellt, während jeder Unternehmer auf dem Gebiete der Production und des Handels, ja sogar der kleinste Gewerüs- und Kaufmann, gesetzmäßig verpflichtet ist, zur Selbst- Versorgung seiner Arbeiter einen gewissen Beitrag zu leisten, haben die jüdischen Cultusgemeinden, mit Ausnahme einiger weniger Großgemeinden, sich dieser allgemein anerkannten Pflichten bisher entschlagen. Man komme uns nicht mit dem Einwande, dass der Mehrzahl der kleinen Gemeinden die uöthigen Mittel fehlen. Zur Creirung eines Pensionsfondes im eigenen Wirkungskreise sind wohl die meisten zu schwach, aber einen ihren Verhältnißen entsprechenden Beitrag zu einem von den Cultusbeamten selbst gegründeten Pensionsfonde muß jede Gemeinde leisten können, sofern ihr nur der Wille hiezu nicht abgeht, und diejenige Gemeinde, die auch dieser geringen Leistung nicht gewachsen ist, hat keinerlei Existenzberechtigung und verliert den Anspruch auf den Titel einer Gemeinde, am wenigsten einer jüdischen Cultusgemeinde. Damit aber die jüdischen Cultusgemeinden zu dieser Einsicht geführt werden, ist es in erster Linie nothwendig, dass die Cultusbeamten mit ernstem Willen und fester Entschlossenheit den Weg der Selbsthilfe betreten und sich nicht durch unzeitgemäß genährten Optimismus von ihren! Streben ableiten lassen. Wer an lange Knechtschaft gewöhnt ist, hält leicht schon den geringsten Lichtschein für den Anbeginn der goldenen Freiheit, eine nachfolgende Enttäuschung lähmt aber dann die ganze Schaffenskraft. Aus diesem Grunde möchten wir namentlich unsere College!! in Mähren und Böhmen davor warnen, die Hände in den Schoß zu legen und übertriebene Hoffnungen auf die geplante Action des mährisch-Landesmassafondes und der Landesjudenschaft in Böhmen zu setzen. Ohne die Ehrlichkeit der Bestrebungen dieser beiden Körperschaften in Zweifel zu ziehen, glauben wir nicht an eine baldige Realisirung dieser Pläne und wir können uns besonders nicht von der Ueberzeugung abbringen lassen, dass ein Pensiousfond zum wahren Heile der jüd. Cultusbeamten nur dann zu Stande kommen wird, wenn sie selbst Hand anlegen und fremder Hilfe nicht allzusehr vertrauen. Ein, wenn auch noch so geringer, aber aus eigener Kraft geschöpfter Erftilg wird ihnen zunächst die Achtung und im weiteren Verlaufe die Unterstützung der jüdischen Cultusgemeinden, sowie der anderen Hiezu berufenen Factoren bringen. Drr Kaiser in Gra;. Die glanzvollen Tage, welche unser allergnädigster Kaiser in der Hauptstadt der grünen Steiermark zubrachte, sind nun vorüber, aber die Erinnerung an dieselben wird noch lange Zeit fortbestehen. Die Anwesenheit des geliebten Mouarcheu versetzte Alles in eine gehobene festliche Stimmung, besonders beglückt fühlen sich jedoch unsere Glaubensgenossen in Graz, denen durch den an! 5. Juni erfolgten Besuch des Kaisers in der neuen jüdischen Synagoge ein außerordentlicher Beweis der kaiserlichen Huld und Gnade zu Theil wurdx.. Viele Tausende von Menschen waren schon länger als eine Stunde vor der Ankunft des Kaisers vor der Synagoge versammelt. Ä!n Grieskai stockte der Wagenverkehr fast gänzlich. Eine-von der israelitischen 'Cultusgemeinde 'errichtete Flaggenallee führte zum Vorhofe des Tempels. Mer Häüpteingäng in denselben war durch eine mächtige Triumphpforte 'mit Reisig, Wappen und Flaggen geschmückt, welche die Aufschrift ״Jewo־ rechecho״ — ״Es segne Dich der Herr" enthielt. An der Pforte harrte die ganze Repräsentanz der-israelitischen Cultusgemeinde, sowie Architekt Kätscher aus Wien und Baumeister Höller der Ankunft des Kaisers. Vor dem Amts-und Schulgebäude halten sich die Damen im Festkeide versammelt. In der ganzen Länge des Hofes bis über den Haupteingang in den Tempel bildeten Knaben und Mädchen, letztere im weißen Kleide, mit Blumenkörbchen geschmückt, durch schwarz-gelbe und grün-weiße Schleifen, Spalier. Den Abschluß des Festplatzes bildete die zweite, ebenfalls mit Tannenreisig, Fahnen und׳ dem steirischen Wappen geschmückte Ehrenpforte, welche die Inschrift trug: ״Hoch unseren! allgeliebten Kaiser.״ Das innere des Tempels war festlich beleuchtet und mit Blumen reich geschmückt. Rechts vom Altäre, welchen im Hintergründe ein Purpurvorhang mit reichen Gold- Verzierungen schmückte, erhob sich ein prächtiger Thronsessel aus purpurnem Peluche für den Kaiser. Auf der Galerie hatten die Damen in Festtoilette platzgenommen, während in! P(!rterrera11n! des Tempels 10 Herren mit den Thorarolleu Spalier bildeten. Pöllerschüsse verkündeten kurz vor 3/45 die Ankunft des Kaisers. Endlose Hochrufe erbrausten und Tücher wurden geschwenkt, als der Monarch heranfuhr. Mit elastischer Bewegung sprang er aus dem Wagen, worauf ihn der Vorstand der Cultusgemeinde, Herr Heinrich Pollak, ehrerbietigst begrüßte und folgende Ansprache Hielt: ״Ew. Majestät allergnädigster Kaiser und Herr! Im Namen der israelitischen Cultusgemeinde preise ich das Glück und die hohe Auszeichnung, dass Ew. Majestät allergnädigst geruhen, unser Gotteshaus in Augenschein zu nehmen. Die Freude, die unser aller Herzen bewegt, wird nur aufgewogen von den! Gefühle der ehrfurchtsvollsten Dankbarkeit für die hohe Gnade, mit welcher Ew. Majestät unsere Gemeinde beglücken. Ich stelle die allerunterthänigste Bitte, Ew. Majestät geruhen, die Besichtigung unserer Synagoge vornehmen zu wollen." Mit fteundlichem Lächeln erwiderte der Kaiser: ״Sehr gerne" und nahm dann die Vorstellung der einzelnen Mitglieder der Repräsentanz entgegen. Der Monarch ftagte auch, ob die Cultusgemeinde dieses schöne Gotteshans aus eigenen Mitteln gebaut habe, und . zu den Herren Architekt Kätscher und Baumeister Höller bemerkte der Kaiser, dass der Bau sehr schön sei. -Unter begeisterten Hochrufen durchschritt nun der Monarch das von der Jugend gebildete Spalier, wobei die Mädchen den Weg mit Blumen bestreuten. Bei der zweiten Pforte überreichte Fräulein Elsa Mayer, Tochter des Herrn Fabriksbesitzers Emil Mayer, dem Kaiser einen, prachtvollen Strauß, .welcher in Edelweißblumen die Buchstaben F. I. trug. Bei der Ueberreichung sprach die anmuthige junge Dame mit poetischem Schwünge folgende vom Rabbiner Dr.׳ Mühsam verfasste Verse: ״Die Ehrfurcht hat den Blumenstrauß gewunden — Die Liebe und die Treue ihn geweiht — Ein dreifach Band die Blüthen fest verbunden: — Verehrung, Dankesschuld, Ergebenheit." Mit überaus freundlichem Lächeln nahm der Kaiser diese duftige Widmung entgegen. Nun trat der Kaiser unter den Klängen eines Orgelpräludiums mit seiner Begleitung

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