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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-06-15 · Heft 15 (15.6.1895) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 15 (15.6.1895)
Date
1895-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Üesterreichisch-ungarische Pränumerations-Preis. FnrCantorenu.DuItusbramie in ©eßErreirfj-Hngam Ganzjährig . .... fl. 4.— Halbjäbrig.fl. 2.— FürCantorien n.Eullusbe«mte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Private und Institute Ganzjährig . ... fl. 6.— Osntral-OrgLL für dir Interessen der Cantoren und Cultusbeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. KrdarLion und Administration Wien II., Novaragajse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt.! Abonnementsn. Insertion«- betrüge ftnd in Wien sahlbnr. Nr. 15. Wien, 15. Juni 1895. 15. Jahrgang. Abonnements-Einladung. Am 1. Juli beginnt das HI. Nuartal des heurigen Jahrganges und wie ersuchen demgemätz die geehrten Herren Abonnenten, den Pränumerations-Betrag umgehend an uns einzusendrn. Die Krdaetivn. Zur Gründung des Penftonsfondes- Es ist eine alte, vielfach bestätigte Erfahrung, dass mit dem Eintritte der Sommermonate jede Theilnahme am öffentlichen Leben bedeutend abnimmt, und einem mächtigen Zuge folgend, wird es zu dieser Zeit auch in unseren Kreisen allmälig stiller und jedes Interesse an den schwebenden Standesfragen scheint geschwunden zu sein. In einer so hochbedeutsamen und wichtigen Frage, wie die Gründung des Pensionsfondes, darf jedoch niemals ein Stillstand eintreten, und je ausgesprochener das allgemeine Ruhebedürfnis, desto größer ist die Pflicht unseres Fachblattes, die collegialen Kreise in steter Bewegung zu erhalten und den erloschenen Funken immer von Neuem anzufachen. Ein Pensionsfond für die jüdischen Cultusbeamten! Wer wird heute noch viel Worte verlieren über die Nothwendigkeit dieser Institution, wo das Leben mit seinen mannigfachen Wechselfällen alltäglich neue Argumente für dieselbe in's Treffen führt? Richten wir unseren Blick auf ein trauriges Ereignis aus allerjüngster Zeit. Ein College wird in Ausübung seines Berufes von einem tragischen Schicksale ereilt, jäh und unvermuthet ist der Tod an ihn herangetreten. Noth und Elend Pochen nun an die Thüren der armen, ihres Ernährers beraubten - Familie, und da die Gemeinde, in welcher der Dahingeschiedene Jahrzehnte hindurch mit aller Aufopferung gewirkt hat, für die verlassene Witwe und die unversorgten Waisen nicht sorgen kann, sind die Armen der Mildthatigkeit ausgeliefert. Wol hat sich das collegiale Mitgefühl in diesem Falle glänzend manifestirt, indem der österreichisch-ungarische Cantoren- Verein mit seinen bescheidenen Mitteln helfend eintrat und auch andere hochherzige Collegen durch die Anregung der Cantoren- Zeitung Sammlungen mit rühmenswerthen Erfolgen einleiteten: darf aber das Schicksal eines jüdischen Cultusbeamten von solchen Zufällen allein abhängig fein, soll für den Mann, der zumeist gegen geringes Gehalt an heiliger Stätte ein heiliges Amt versieht und sein Blut bis zum letzten Tropfen im Dienste seiner Gemeinde hingibt, der Alppell an die Mildthätigkeit die einzige Aussicht sein für ein arbeitsunfähiges Alter, der einzige Trost für seine Familie, wenn er seine dornenvolle, irdische Laufbahn vollendet hat? Nein! und abermals nein! ' Nicht Wohlthaten und milde Gaben find hier am Platze, sondern wohlverdiente Ansprüche, deren Befriedigung die Gebote der Gerechtigkeit und Billigkeit mit lauter Stimme erheischen. Nur die Gründung eines Pensionsfondes kann diesen unwürdigen Zuständen ein Ende bereiten, und darum werden wir nicht früher ruhen und rasten, bevor wir nicht unsere Collegen aus ihrer starren Lethargie gerüttelt und die jüdischen Cultusgemeinden zur Erkenntnis ihrer Pflicht gebracht haben. Bei der Betrachtung dieser Zustände tritt eine eigenthümliche, widerspruchsvolle Thatsache in Erscheinung. Die jüdische Religion kann mit Recht stolz darauf sein, dass sie schon in der biblischen Gesetzgebung die erste Anregung zur Lösung der socialen Frage gegeben und das Verhältnis des Menschen zum Menschen in einem idealen Sinne erfasst hat; die Bekenner des Judenthums haben sich zu jeder Zeit und in allen Staaten, in denen sie gelebt haben, als Bannerträger des L i b e r a l i s m u s bewährt; das gute, jüdischeHerz ist so vielfach in allen möglichen Varianten gepriesen und besungen worden; aber in den jüdischen Cultusgemeinden, diesen eigentlichen Pflegestätten des Judenthums, ist von all dem nichts zu merken. Oder ist es etwa eine Anerkennung der socialen Forderungen, wenn der jüdische Cultusbeamte in den einzelnen Gemeinden gleich einem Paria geachtet wird? Nennt man das Liberalismus, wenn der Mensch nicht als Mensch, sondern wie eine Maschine behandelt wird, die man, sobald sie einmal abgenützt, rücksichtslos bei Seite schieben kann? Und ist es schließlich eine Bethätigung des vielgepriesenen ״guten, jüdischen Herzens", wenn der Angestellte am Hungertuche nagen muß und die Zukunft der Seinen der Noth und dem Elend preisgegeben wird?

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