Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 14 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. G esterrejchisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 14werden konnte, und auch dieser traurige Act vollzog sich unter den höhnischen Rufen der zmneist aus jungen Burschen bestehend«! Menge. Wien. (Das Ghetto von Saybusch.) Die bekannte Inter- Pellation der Abgeordneten Kronawetter und Pernerstorfer harrt zwar noch einer Antwort, aber, wie wir erfahren, hat Minister Bacquehem die galizische Statthalterei beauftragt, Lu dieser Affaire eine genaue Untersuchung einzuleiten. Zu diesem Zwecke hat sich bereits. Hofrath Graf Los als Delegirter der genannten. Statthalterei nach Saybusch begeben. Bei diesem Anlasse haben die Saybuscher Bürger aus ihrem ״Archiv" folgendes Document hervorgezogen: ״Saybusch den 9. Juni 1809, Z. 3144. Dem Magistrat in Saybusch. — Der Erlass des hohen Guberniums vom 8. Mai 1807 z. Z. 16520 betreffs des Juden Selig Schönthal, der dort trotz des Verbotes ein Haus bauen wollte, wurde mittelst Decret der hohen Hofkanzlei vom 16. März l. I. mit der Bemerkung bestätigt, dass nachdem den Juden in Saybusch bisher überhaupt nicht gestattet war, sich anzusiedeln, daher auch Selig Schönthal weder ein Grundstück noch ein Haus daselbst besitzen dürfe. — Wovon der Magistrat verständigt wird. Myslenice den 12. Mai 1809. Für den Bezirkshauptmann Baron de Rzypkorski." Auf dieses ״Document" berufen sich die braven Saybuschaner 28 Fahre nach der Erlassung der Staatsgrundgesetze! Plstekr. Montag, den 3. Juni findet in der Pinkasfynagoge zu Prag die Trauung des Fräulein Wilma Friedländer, Tochter unseres hochverehrten Rabbiners Dr. M. H. F r i e d l ä u d e r, mit Herrn Samuel E d e l st e i n aus Prag statt. Troppau. Herr Obercantor S i n g e r m a n n hat im Vereine mit Herrn Cantor Herz in der hiesigen Gemeinde eine Collecte für die arme, unglückliche Familie des seligen Collegen Grünberger in Prerau veranstaltet, die die Summe von 50 ft. ergab. Der Betrag wurde bereits an die Familie übersendet. Budapest, 24. Mai. (Die Nuntien des Ober- Hause sim Justizausschusse.) Unter dem Vorsitze des Abg. StephanTe les zky berieth heute der Justizausschuß des Abgeordnetenhauses über das Nuntium des Oberhauses, betreffend den Gesetzentwurf über die Reception der Juden. — Abg. Geza Pap legte die hierauf bezügliche Vereinbarung des Unterrichtsausschuffes vor, wonach der Ausschuß zustimmt, den Gesetzent- Schluchzen erstickter Stimme: ״Ich habe oft von Ihrem edlen, guten Herzen gehört, leihen Sie Ihren Beistand einem hilflosen Greise!" Frau Bernat warf einen rührend bittenden Blick ihrem Gatten zu, doch ehe sie noch sprechen konnte, stürzte derselbe aufs Aeußerste erregt, am ganzen Leibe bebend vor Wuth, mit geballter Faust gegen den Chasen, indem er mit furchtbarer Stimme schrie: Du hast meinen Sohn verführt, jetzt bethörst Du auch mein Weib?!" Feigenbaum wich vor dieser gewaltigen Bedrohung unwillkürlich einige Schritte zurück. Doch an der Thür angelangt, drehte er sich plötzlich um, richtete sich hoch auf, so dass seine Gestalt bedeutend gewachsen schien, und mit einem aus tiefster Brust kommenden Athemzuge sagte er: ״Hirsch Bernat! Ich fürchte, dass ich mich zuviel gegen die Allmacht Gottes vergangen, weil ich in meinem grenzenlosen Unglücke meine Menschenwürde ganz vergaß und mich vor Dir, dem Staubgeborenen, tief gedemüchigt habe. Vergesse nicht!" fuhr er in einem fast feierlich klingenden Tone fort, indem er seine Hand wie beschwörend erhob, ״dass es noch einen allgerechten Vater im Himmel gibt, der Menschen erhebt und erniedrigt, und den man nicht ungestraft versuchen darf. Es wird die Zeit kommen, wo Du vor Gott und Menschen so gedemüchigt stehen wirst, wie ich eben vor Dir stehe!" Er hatte anfangs mit verhaltener Bitterkeit gesprochen, aber bald steigerte sich seine Rede zu stürmischer Leidenschaft, die jede Schranke mit sich fortriss. Hierauf wandte er sich dem Ausgange zu und suchte die Thürklinke zu fassen, aber seine Finger waren wie gelähmt, so dass er mehrmals fehlgriff, ehe es ihm gelang, die Thüre zu öffnen. (Fortsetzung folgt.) Wurf in der vom . Magnatenhause genehmigten Form — ohne den § 2.— der Sanction zu unterbreiten. —- Cultusminister W.lassits erklärte, dass die Negierung unbedingt daran festhält, den auf den Uebertritt bezughabenden § 2 in den Gesetzeutwurf über die freie Religionsübung aufzunehmen, weil dadurch die Integrität der Prinzipien aufrechterhalten bleibt. — Nachdem noch die Abgeordneten C h o r i n. V e s z t e r, M a n d l, N e u m a n n und K o m j a t h y sich für den Beschluß des Unterrichtsausschusses erklärt hatten, schloß sich der Justizausschuß einstimmig demselben an. — Bei der Verhandlung über das Nuntium bezüglich der in Schwebe befindlichen Paragraphe .des Gesetzes über die freie Religionsübung beantragt der Abg. Bessenyey im Sinne des Beschlusses des Unterrichtsausschusses die unveränderte Aufrechterhaltung der aus dem Gesetzentwürfe ausgeschiedenen §§ 22, 23 und 24 des dritten und § 26 des vierten Abschnittes und die Aufnahme eines neuen Paragraphs in den Schlußbestimmungen, welcher lauten soll: ״Die in den §§ 1 bis 8 des Artikels 53 vom Jahre 1868 enthaltenen Verfügungen werden auf alle r e c i p i r t e n Religionen ausgedehnt," Cultusminister W l a s s i t s stimmte diesem Anträge zu und betonte, dass der aus der Receptions-Vorlage ausgefchiedene § 2 durch die neu beantragte Ausschußbestimmung vollständig ersetzt sei. — Nachdem noch Justizminister Erdely, die Abgeordneten Neu mann und Komjathy zur Sache gesprochen, nahm der Ausschuß die Vorschläge des Unterrichtsausschusses einstimmig an. Mit dem Referate im Abgeordnetenhause wurden die Abgeordneten Ne d e cz e y und Emerich V e s z te r betraut. Budapest, 26. Mai. In Börsekreisen colportirt man das nicht sehr glaubwürdig klingende Gerücht, dass Baron Rothschild, bewogen durch die unleidlichen Verhältniße Wiens, in aller Stille Anstalten treffe, um seinen Wohnsitz, resp. sein Geschäft, nach Budapest zu verlegen Zu diesem Be- Hufe soll hier im Herbst eine Rothschild'sche Filiale (?) errichtet werden. Thatsache ist, dass dieses Gerücht auch bereits in der Budapester Presse Aufnahme findet. Paris. Die französische Kammer hatte jüngst eine Debatte über die Judenftage. Die Deputirten D'H u g u e s und Denis hatten nämlich Klage darüber geführt, dass zu viele Juden an die Spitze gewisser Aemter gestellt werden. Die Juden absorbiren in Frankreich Handel und Industrie, den Richterstand, sowie hohe Functionen. Hierauf ergriff der Socialist Ro u an et zu folgenden interessanten Ausführungen das Wort: ״Für meine Freunde gibt es keine Judenfrage. Bei allen Speculationsgeschäften findet man Juden und Christen miteinander verbunden, um sich zu bereichern, ohne Rücksicht auf den Schaden, den sie dem Vaterlande bereiten." Der Redner griff bis auf das römische Kaiserreich zurück, kam dann auf ״Panama" zu sprechen, um den Beweis für seine Behauptungen zu erbringen, und fuhr dann fort: ״Der Antisemitismus ist weder eine Rassenfrage, noch eine Religionsfrage, er ist einfach der Kampf des immobilen Capitals gegen das mobile. In diesem Kampfe können wir Socialisten weder für die Einen, noch für die Anderen Partei ergreifen; wir gehen weder mit den Grundbesitzern noch mit den Großindustriellen und Capitalisten. Wir sind der Ansicht, dass der Ursprung des Feudalbesitzes nicht legitimer ist, als das Capital. Beide sind durch Eroberungen entstanden. Gegenwärtig ist die Negierung auf Grundlage der wirthschaftlichen Interessen des Capitalismus zusammengesetzt; jene Parteien aber, welche den Grundbesitz, repräsentiren, strengen alle Kräfte an, um die Herrschaft den Händen des Capitalismus zu entreißen. Wenn die Antisemiten gegen das Capital polemisiren, so haben sie wohl Recht. Aber unter den Augen der Regierung wird von einer Gesellschaft,, die natürlich auch einige Juden in ihrer Mitte zählt, zum größten Theile aber aus Christen besteht, das Gesetz in aller Form täglich verletzt." Der Redner besprach hierauf die An-, gelegenheit der Südbahn und die Mißstände, die sich hier gleichsam unter Billigung der Regierung gebildet haben. Es-entspinnt sich darauf zwischen dem Redner und den Ministern des Innern und der Justiz, die er für diese Facten verantwortlich macht, eine sehr lebhafte Controverse. ״Sehen Sie, es sind nicht die.