Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 14 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Seite 3 vor, sondern es hat auch der Sammler dieser Gebete durch eine fremde unbekannte Hand einen ״Perusch", eine Erklärung der schwer verständlichen Stellen beifiigen lassen. Der Verfasser dieses Perusch spricht sich in demselben manchmal sehr hart über die Bedrückungen aus, welche das Volk Israel seiner Religion wegen in den damaligen rohen Zeiten von den Andersgläubigen zu erdulden hatte. Fast keine Seite, auf der nicht bittere Klagen, ja oft voll der Verzweiflung über die herabgewürdigte Lage des Gottesvolkes. Der Perusch ist eben im Geiste jener Zeit geschrieben, in welcher man von christlicher Seite aus die Juden nicht als Menschen, sondern als Thiere, ja noch oft als etwas Geringeres zu betrachten und zu behandeln pflegte, was natürlich in den Gemüthern der Israeliten jene Erbitterung Hervorrufen musste, welcher sich der Seele aller derer bemächtigt, die sich von ihren Gegnern lediglich aus blindem Hass, unbegründetem Vorurtheit und rohem Uebermuth täglich verhöhnt, verfolgt, ja mit Füßen getreten sehen, ohne dieser empörenden Behandlung kräftig entgegen, wirken zu können, infolge ihrer geringen Anzahl und größeren Ordnungsliebe. — (So schreibt eilt edler Christ vor dreißig Jahren.) Man muß deshalb jene Ausbrüche wilder Verzweistung, wie sie in dem Perusch des Nürenberger Machsor enthalten sind, nur im Hinblick auf die barbarische Zeit betrachten, in welcher sie zu Papier gebracht wurden, und dieselben nicht aus unsere Zeit übertragen wollen. DieZeiten haben sich ja seitdem bedeutend geändert. Die gegenseitigen Gesinnungen zwischen Juden und Christen sind ganz andere, jedenfalls bessere geworden, und der blinde Fanatismus hat sich im Strom der Zeit auf beiden Seiten gewaltig abgekühlt. Leider wissen die Juden in den Landen Oesterreich und Deutschland wenig davon, ohne Rußland und Bukarest in Betracht zu ziehen. Bei dem Nürenberger Machsor ist auch bemerkenswerth, dass jedesmal bei Beginn einer neuen Abtheilung der Gebete das erste Wort mit Goldbuchstaben geschrieben ist, innerhalb welcher sich verschiedene Malereien, Menschen und Thiere darstellend, angebracht befinden, welche bildliche Darstellungen nicht nur zur Zierde, sondern hauptsächlich auch zur lebendigen Anschauung des Inhaltes der betreffenden Gebete dienen sollen. Hieraus folgt ein vollständiges Verzeichnis über den Inhalt der Gebete, die in dem Machsor Vorkommen, was wir anzuführen für überflüssig halten. Der Unbekannte, welcher den Nürenberger Machsor geschrieben, hat seiner Arbeit noch folgenden Wunsch in einigen Zeilen beigefügt, was zu deutsch heißt: ״Seid getrost und guten Muthes, dem Schreiber geschehe kein Leides, weder jetzt noch künftig, noch überhaupt eher, als bis der Esel auf die Leiter steigt. — Diesen Machsor habe ich geschrieben für Rabbi Josua den Sohn Jsaks und vollendet (כ׳׳ד אלול צ״א) 4. Elul 1331 nach der kleineren Zahl (לפרט קטון). Nach Gottes Willen widerfahre ihm die Gnade, dass Er, seine Kinder und Kindeskinder darin studieren mögen nun und immerdar. Amen, Amen, Amen, 8618.11!" Am Schluffe wird uns noch daselbst mitgetheilt: ״Viele Mühe haben sich schon die Juden vieler Städte gegeben, jenen Machsor aus der Stadtbibliothek von Nürnberg käuflich zu erwerben. Unter Anderem erboten sich einige reiche Wiener Juden, wenn man ihnen das Buch überlassen wollte, jedes einzelne Blatt, deren, wie obenerwähnt, 528 Seiten sind, mit einem Dukaten zu bezahlen; aber auch sie wurden abgewiesen, denn der die Stadtbibliothek verwaltende Magistrat will einen so kostbaren uud seltenen Schatz nicht aus den Händen lassen." Wir werden hoffentlich bald Gelegenheit haben, auf den Verfasser dieser interessanten Mittheilung zurückzukommen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik Wien. 26äok0b tazzil mimmowes. ״Wahre Wohlthätigkeit rettet vom Tode!" Dieses herrliche Dichterwort des Königs Salomo hat sich an dem Heimgegangenen Philanthropen Herrn Wilhelm v. Gutmann im vollsten Sinne bewährt, denn durch seine guten Werke hat er sich Monumente errichtet in den Herzen der Mit- und Nachwelt, dauernder denn Erz. Am 27. Mai wurden in dankbarer Erkenntlichkeit für diese gemeinnützigen Humanitären und wissenschaftlichen Institutionen zunächst im Mädchen-Waisenhause in Döbling durch Herrn Obercantor Singer, ferner im Beth-Hamidrafch durch Herrn Prof. M. Friedmann und Herrn Obercantor Goldstein, und Abends im Tempel der Schmalzhofgasse durch Rabb. Dr. Taglicht und Obercantor Dünmann erhebende Gedenkfeier abgehalten. Der Name des edlen Menschenfreundes ist und bleibt zum Segen. G. Wien. Das Testament W i l h e l m Ritter v. Gutmann's. Außer den sofort zur Vertheilung gelangten 10.000 fl. ist testamentarisch verfügt worden die Errichtung einer Stiftung von 200.000 mit der Bestimmung, dass jährlich 8000 fl. an verarmte Gewerbsleute in Wien, und zwar je zur Hälfte jüdischer und christlicher Confession, zur Vertheilung gelangen. Herr Max v. Gut mann, der gegenwärtige Chef des Hauses, errichtet, den Intentionen seines verewigten Vaters folgend, eine Stiftung von 300.000 fl., deren Zinsen zur Unterstütznng von Waisen nach Berg- und- Hüttenarbeitern verwendet werden, die bei den Montan-Unternehmnngen der Firma im Ostrau-Karwiner Revier bedienftet waren. Endlich wird von demselben ein Betrag von 60.000 fl. verschiedenen wahlthätigen Instituten in Wien zugewendet. — In Ergänzung des in voriger Nummer enthaltenen Berichtes über das Leichenbegängnis des dahingeschiedennen Philanthropen Wilhelm Rittrr v. Gutmann sei noch bemerkt, dass der Hauptcassier des Hauses Gutmann, Herr Ludwig L az ar, der sich eines außerordentlichen Vertrauens seiner Chefs erfreut, am Grabe im Namen der Beamten des Hauses einen tiefempfundenen Nachruf gehalten hat. Wien. Am 25. Mai begieng, wie bereits gemeldet, Obercantor G o l d st e i n seinen 60. Geburtstag. Es ist wohl nicht üblich, den 60. Geburtstag zu einer officiellen Feier zu gestalten, allein die intimsten Freunde Goldsteins, die sich zu einem Festcomite constituirtett, brachten es zu Stande, dass der allgemein beliebte Obercantor des II. Bezirkes in einer ganz außerordentlichen Weise gefeiert wurde. ׳schon am Freitag Abend war das große Gotteshaus von den Verehrern Goldstein's bis auf das letzte Plätzchen dicht gefüllt. Der eigentliche Festgottesdienft begann erst am Samstag. Der Cultusvorstand war durch den Präsidenten Gemeinderath Simon, sowie durch die Herren Vorsteher Dr. Stern, Salo Cohn, Doeent Dr. G r ü n s e l d vertreten, der Bethausvorstand durch die Herren Dr. Spitzer, Moyses. Reich und T e l t s ch e r. Auch zahlreiche Cantoren hatten an dem Festgottesdienste theilgenommen, so Obercantor Bauer, Obercantor Schor von der polnischen Synagoge. Obercantor Heller aus Brünn, Cantor Peterse lka-Währing, Cantor Jurb er g er-Fünfhaus, S t r a n s ky-Fünshaus, Cantor Rothwein- Hernals, Cantor L ö w i t, Cantor Pek ar n i k, Cantor Grün- Wald. Zur Ehrung des Jubilars wurden mehrere der erschienenen Collegen zur Thora gerufen. Allgemeine Spannung trat ein,als Herr College Cantor Blatt den Jubilar diesmal ausnahmsweise ״hoch" mit Namen aufrief und ihm nach Verlesung der Parascha einen von Herrn Rabbiner Dr. S chm red el sehr schönen, schmeichelhaften aber wohlvervienten Mi scheberaeh in gelungener Weise recitirte. Hierauf machte der Jubilar dem Vorstande und der ganzen Gemeinde einen Mi scheberaeh. Nach dem Einheben bestieg Herr Dr. Schmiedel die Kanzel und Hielt eine aus den Jubilar bezughabende Rede, eine Rede, welche