Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 14 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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©eite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. 3lr. 14. Bilde Dir aber ja nicht ein, lieber College, dass wir in den Gemarken des weiten Heimatlandes just so viele Canroren als Cultusgemeinden haben, oder wenn Du die Zahl der Amts-, genossen in Wien, Prag, Lemberg und Krakau hinzuaddirst, deren gar noch mehr. So bummvoll diese Cantorenwelt sich am Papier präsentirt, ist sie in Wirklichkeit kaum 180 Köpfe stark, nota bene, wenn man sich dazu bequemt, von Galizien 240, von Böhmen 97, von Bukowina 12 und von allen Ländern zusammengenommen noch 12 Baal-t’filaiis in Abzug zu bringen. Wer auch ein gut Theil jener College», die nebenbei das Lehramt oder die Kanzel bcherrschen und die wahrscheinlich das Mehr der Großstadt-Cantoren überwiegen, wollen hors de combat gezählt werden. Mag sein, dass unsere Rechnung in diesem oder jenem Punkte nicht stimmt, möglich auch, dass wir mit dem Wstriche allzu rigoros waren, das verschlägt aber nichts an der Thatsache, dass wir in Hinkunft, wenigstens in Gemeinden mit civilisatorischem Anstriche, lediglich mit dieser angegebenen Berufsmenge es zu thim haben werden. Nun gar so dick ist es übrigens auch bei uns Cantoren eome il kaut nicht bestellt, und dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen — dafür sorgt der liebe Gott da droben, der heiße Brodkampf seiner stets hungrigen Kinder aus Erden, und nicht zumindest unsere Vormundschaft — die Gemeinden. Wir klagen nicht, aber wir singen ein traurig Lied: Auch in Zukunft soll es nicht besser werden. So ist es schwarz aus weiß in jenen Bestimmungen zu lesen, welche die Statuten für uns in fürsorglicher Weise getroffen haben. Die Omnipotenz der präsenten Machthaber in Amt und Oberleitung spricht da immer das entscheidende Wort über Alle, die an der Brust der Gemeinde Nahrung saugen. Selbst der Rabbiner, dem zu Ehren der akademische Grad, die allgemeine Bildung und das kowaud batauroli ein unerstürmbares Bollwerk vorbauen, kommt da nicht immer auf feine Rechnung; seine längere, gesetzlich gewährleistete Anstellung beginnt mit einem Dreijahrs-Provisorium, um mit einem Sechsjahrs-Definiüvum abzuschließen. Dieses ominöse 9 erleidet durch das unendliche Spiel der Zahlen- Permutation keinerlei Abbruch. Eine Dekade ist nirgends in Aussicht genommen, vermuthlich, um die Versorgungsansprüche imwirksam zu machen. Der Oelzweig, welcher dem Rabbiner dadurch gereicht wird, indem ihm die schwere Sorge, alleiniger Hüter des Synagogen-Ceremoniells, der ortsüblichen Liturgie und der sonstigen cultuellen Vorfallenheiten zu sein, abgenommen und zum Th eile auf die breiten Schultern des jeweiligen Vorstandes überwälzt wurde, ist kaum als Symbol des Friedens anzusehen. Wir wetten gleichwohl, dass es den Herren Rabbinern kraft der Kunst ihres feinfühligen Diplomatisirens allezeit gelingen wird, obenauf zu schwimmen. — Die zweite Violine gebührt dem Cantor, das lassen wir uns nicht nehmen! Wenn er aber trotzdem ein schlechter Spielmann im Zukunftsorchester ist, ist es wahrlich nicht seine Schuld. Die Gemeinde, die ihm die Synagogen-Plattform als Object des souveränen Allein- Herrschers überantwortet, bedachte chn von jeher und bedenkt chn auch Ln den neuen Statuten recht stiefmütterlich. Von einer Fixanstellung für längere oder kürzere Zeitdauer ist da nirgends die Rede, wohl aber von einer Kündigungsftist in Intervallen von 3—2 Monaten bis sechs Wochen. Nach wie vor hängt das Schicksal des Cantors von dem Achtungsgrad und der wandelbaren Gunst ab, die er sich bei seiner Brodherrschast warm und sicher zu erhalten weiß. Wie unendlich schwer diese Kunst erlernbar ist, davon weiß so Mancher ein Lied zu singen; der Hundertste nur versteht es, glimpflich mit ihr umzuspringßn. Dies alles sei hier nur andeutungsweise reproducirt, denn züm näheren Eingehen auf dieses interessante Thema gebricht uns die allgemeine Uebersicht, die Einsicht in das Gros der noch im Verborgenen schlummernden Statuten. Und doch wollen und können wir nicht ohne Trostlied schließen. Nicht alles ist Schwarz, was Grau in Grau sich von Ferne ansieht, gleichwie nicht alles Gold ist, was goldig schimmert. Die Stabilisirung des israel. Cultuswesens, die dreijährige Wahlperiode, das Heranziehen jüngerer Elemente von Geistes- und Charakterbildung zur Gemeinderepräsentanz, das Anpassen und Anschmiegen des Alten und Guten in den Rahmen des im Zuge der Zeit als besser und volksthümlicher Erkannten — dies Alles ist geeignet, dem altersmorschen Organismus des heimischen Cantorenthums einen frischen Bluteinschlag zu geben und eine neue Richtung der Dinge anzubahnen. Unerwähnt darf auch nicht bleiben, dass das Holz, aus dem man gute und brauchbare Cantoren schneidet, fortan nur' in den heimischen Wäldern zu haben sein wird und dass infolge dessen -eine Materialverringerung bei anziehendem Gestehungswerthe successive platzgreifen müsse. Wenn uns nichts anderes als diese Compensation geboten, so wollen wir auch damit zufrieden sein. - Kulturelles, Rituelles, Liturgisches. Nach Quellen aus biblischen und nachbiblischen Schrificn bearbeitet und erläutert von Rabbiner L- Wollner. XIII. Der Nürenberger ״M a chso r."*) Machsor nennt man bekanntlich jene Sammlung von Gebeten, welche an Sabbathen und Festtagen in den Synagogen ׳ oder auch bei Verrichtung häuslicher Andacht gebraucht wird. Viele der darin enthaltenen Gebete (Pijutim) sind jedoch in einer den wenigen Gebildeten sehr schwer oder gar nicht verstündlichen Sprache geschrieben, so dass Mancher scheinbar andächtig mit dem Munde betend nur zu oft den eigentlichen Sinn des Gesprochenen nicht versieht und daher leeren Herzens nach Hause gehen müsste, hätten nicht verschiedene gelehrte Glaubensgenossen Anmerkungen und Erklärungen zu den schwer verständlichen Stellen der Gebete geschrieben, welche in den meisten Machsorim denselben beigedruckt stehen. In der Stadtbibliothek zu Nürnberg bewahrt man nun noch einen alten geschriebenen ״Machsor" aus der Zeit auf, zu welcher die Juden sämmtlich die Stadt verlassen mussten. Dieses äußerst werthvolle Werk bildet einen starken, aus 528 sehr sauber geschriebenen Pergamentblättern bestehenden Band in Folio. Ein brauner mit starken Clausuren versehener Hornband hält das Ganze zusammen. In diesem Machsor, welches Rabbi Josua, Sohn Isaaks in Nürenberg, zu seinem und seiner Familie Gebrauch um das Jahr 1331 schreiben ließ, finden sich neben den Selichos oder jüdischen Bußgebeten noch eine Menge Gebete, welche weder in dem böhmischen noch im venetianischen, nochim Amsterdamer Machsor anzutreffen sind. Was das Seltenste bei jenem Nürenberger Machsor ist, so finden sich nicht nur alle Gebete noch unverstümmelt darin *) Anmerkung. Dieser Aufsatz ist theilweise entnommen aus dem 2. Bande, betitelt: ״Jllustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums, 1866, A. Hilbergs Verlag". Der Verfasser dieses Artikels ist H. C. Z. Kriegelb, königl bäi'er. Custos. Dieser Bericht ist ein intereffantcr Beitrag zur Geschichte der jüdischen Liturgie. Wäre wohl schon früher passender cingereihct worden, aber das Buch ist uns erst spater zu Händen gekommen. Bn rnnüäom umeoollor Batorah.