Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 13 (21.5.1895)
- Date
- 1895-05-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitüng. Str. 13. ״Der Philantropischc Verein, entbietet dir den letzten Gruß. Emporgetragen von Erfolgen hat Wilhelm R. v Gutmann der Armut!) nie vergessen. Auf seine Anregung wurde der Philantropischc Verein ins Leben gerufen, und unermüdlich war sein edles Wirken im Dienste der Nächstenliebe. Sinkende Existenzen aufzurichten, einer' Familie die Möglichkeit eines ehrbaren Erwerbes wiederzugeben, das war die Freude dieses Mannes. Je trüber nun die Zeiten wurden, um so eifriger war er in Thatcn stiller Menschenliebe, denn so Pflegte er zu sagen: ״Der Besitz beglückt nicht, es beglückt nur das Bewusstsein, helfen zu können." Und darum sage ich ihm heute Dank. Diejenigcu, in deren Namen ich heute spreche, vermögen allerdings nicht das Wort zu führen, viele von ihnen wissen cs heute nicht, woher ihnen in schweren Stunden der Noth Trost und Rettung gekommen. Da eine Wittwc mit hungernden Zindern, dort ein junges Mädchen, welches durch seine nimmer ruhende Hand die ganz verwaiste Familie erhalten muß, da ein siecher Greis, eine treulos verlassene Mutter — alle diese Balken und Splitter, welche das wogende Geschick aus den Schiffbrüchen des Lebens stürmend an das User schleudert, alle diese Residuen ungezählter Tragödien, sie sind es, in deren Namen ich hier spreche und danke, und wenn es möglich wäre, die Tausende von vielgestaltcten Bildern menschlichen Jammers jeder Altersstufe, jedem Geschlcchte und jedem Glauben angehörend, heute hier zu versamineln, so würden meine Worte von einem erschütterndem Chorus begleitet und in der Brust eines jeden von uns wiedertönen. Gepriesen sei das Andenken dieses Freundes der Armuth." Ms Professor Sueß mit seiner warmen, vom Herzen kommenden Rede zu Ende war, trugen Beamte, des Hauses Gutmann den Sarg zu der nur wenige Schritte vom Ausgange der Ceremonienhalle entfernt liegenden Familiengruft. Die Knappen und Hüttenarbeiter bildeten auf diesem kurzen Wege Spalier. Am offenen Grabe sprach der Rector der israelitischen theologischen Lehranstalt Dr. Schwarz einige warmempfundene Worte zum Abschied von G u t m a n n, einem der Gründer der Anstalt. Er sagte, dass nicht allein sein von Humanität gettagener Edelsinn Gutmann zu einer seltenen Erscheinung unserer Zeit gemacht, sondern dass seine Begeisterung und die Opferfreudigkeit für das herrliche, Jahrtausende alte jüdische Schriftthum dazu mitwirkten. Einer an jüdischen Gelehrten reichen Familie entsprossen, hat er viele jüdische wissenschaftliche Institute ins Leben gerufen und seiner stets hilfsbereiten Hand ist die Veröffentlichung zahlreicher wissenschaftlich werchvoller Arbeiteil zu danken. Als letzter Redner sprach der Rabbiner am israelitischen Tempel zu Fünfhaus, Dr. Jonathan Wolf. Nml wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Die Knappen und Hüttenarbeiter riefen dem todten Gewerker den Bergmannsgruß: ״Glück auf!" nach. Eiu Choral wurde gesungen und aus der Hand der Witwe, der Familienmitglieder und der anderen Trauergäste fielen die ersten Schollen auf den Sargdeckel. Der Verblichene war bis in sein hohes Alter ungemein frisch und elasüsch geblieben, ttotzdem er vor mehreren Jahren eine schwere Nervenkrise durchgemacht, von welcher er sich jedoch wieder vollständig erholt hatte. In der letzten Zeit klagte er oft über Schlaflosigkeit, und er beschäftigte sich daher bis spät in die Nacht mit Lectüre oder schriftlichen Arbeiten. Bekanntlich hatte der Verblichene zur Osterzeit einen Lloyddampfer gemiethet, und eine Anzahl von Schriftstellern und Künstlern eiugeladen, mit chm gemeinschaftlich eine Reise nach Konstantinopel zu machen. Er war während der mehrwöchentlichen Fahrt zumeist in bester Laune und von liebenswürdigster Gastfreundschaft. Vorletzten Samstag Nachts suckte Ritter v. Gutmann, durch die milde Mailuft verlockt, vor dem Schlafengehen auf dem Balkon seines Hauses in der Kantgasse Erftischung und Erholung; von Schwäche übermannt, schlief er ein, und obwohl er bald wieder erwachte und zu Bette gieng, holte er sich hier wohl den Keim zu. der schweren Lungenentzündung, der er erliegen sollte. Die Krankheit ttat gleich im ersten Stadium mit großer Vehemenz auf, und in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag verschlimmerte sich der Zustand derart, dass die behandelnden Aerzte, unter ihnen Hoftath Nothnagel, das Schlimmste befürchteten. Nach einer vorübergehenden Besserung, welche die tiefbekümmerte Familie mit neuen Hoffnungen erfüllte, verschlimmerte sich der Zustand neuerdings, der Patient verlor das Bewusstsein uud Freitag um halb 3 Uhr Nachmittags hauchte er den letzten Seufzer aus. Ritter v. Gutmann war zweimal verheiratet. Seine erste Frau Leonore, geborene Latzko, wurde ihm bald durch den Tod entrissen, mit seiner zweiten Frau Jda, geborenen W o d i an er, lebte er in langjähriger glücklicher Ehe. Er hinterlässt vier Söhne und drei Töchter, und zwar die Söhne Berthold, Maximilian, Moriz und Rud olph, sowie die Töchter Rosa v. Gutmann, verehelichte Gräfin Fitz- James, Marianne, verehelichte Lady Montefiore und Elsa; ferner ttauern an der Bahre die Geschwister David v. Gut mann uud Rosa Mannaberg. Letztwilligen Aufzeichnungen entsprechend, musste das Leichenbegängnis in der einfachsten Weise vor sich gehen. Der Verblichene lehnte sogar Blumen und Kränze ab. Sein Grabstein soll auch, seinem Wunsche entsprechend, kein Lob der wohlthättgen Handlungen, die er zu Lebzeiten ausgeführt hat, enthalten. Wien. Samstag den 25. Mai begeht Obercantor Josef Gold st ein seinen 60. Geburtstag. Aus diesem Anlasse hat sich aus dem Kreise der Freunde und Verehrer Gvldsteins ein mehkgliederiges Comits von Gemeindemitgliedern gebildet, welches für diesen Tag mannigfache Ovationen vorbereitet. Zu dem geplanten Festgottesdienste hat der Vorstand bereits seine Zustimmung gegeben, und wir erhalten diesbezüglich folgende Zufchrift: ״Euer Hochwohlgeboren! Das gefertigte Comits ersucht Höst. davon gefällige Notiz nehmen zu wollen, dass sich dasselbe zu dem Zwecke constituirte, um den 60. Geburtstag Meister Obercantor Goldstein's am Freitag den 24. d. M. Abends und Samstag den 25. d. M. in feierlicher Weise zu begehen. Indem das gefertigte Comits Euer Hochwohlgeboren zu den bezüglichen Festgottesdiensten ergebenst einladet, zeichnet hochachtungsvoll für das Comits: Albert Ko hn, Obmann." Wien, 15. Mai 1895. Wien. (Ottakring.) Sonntag, den 26. Mai findet in! israel. Tempel, Hubergasse 8, die Trauung des Fräulein Jda Schlesinger, Tochter des hiesigen 1.׳ Cantors Moritz Schlesinger, mit Herrn rnsä. Dr. Alois Hauser statt. Die Trauungsceremonie werden Herr Rabbiner Dr. Deutsch und der Brautvater vollziehen. (Venedig in Wien.) Der Witterungsumschlag der letzten Tage, der nach der Prognose der meteorologischen Reichsanstatt von längerer Dauer sein dürfte, hat die Direction des ״Englischen Gartens" bewogen, die Eröffnung der Ausstellung ״Venedig in Wien", sowohl mit Rücksicht aus die durch das Regcnwetter erschwerte Ausschmückung, als auch der Beeinträchtigung des wohlthätigen Zweckes, dem das Reinerträgnis des Eröffnungstagcs gewidmet ist, aus Mittwoch den 22. d. M. zu verschieben. An diesem Tage findet definitiv Nachmittags 5 Uhr die Er- Öffnung von ״Venedig in Wien" zum Besten der Bedrängten von Laibach und der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft unter Mitwirkung von fünf Musikchören statt. Die Lagunen sind bereits mit Wasser gefüllt und die stemden Aussteller beginnen mit der Einräumung ihrer kunstvollen Erzengniße. Gestern Abends ist bereits der größte Theil ausübender Künstler und Gondolieri, welche von Venedig nach Triest in einem Separatdampfcr befördert wurden, hier eingelangt. Baden bei Wien. (Koschcr-Restaurant Touello in Baden.) Der Restaurateur Touello, dessen seit Jahrzehnten in Wien bestehendes Koscher-Restaurant sich eines hervorragenden Rcnommes im In- und Auslande erfreut, hat Mittwoch den 15. d. M. auch in der benachbarten Thermenstadt Baden eine Restauration eröffnet. Herr Touello hat die in der Antonsgassc 13 und Franzensgassc 34, in nächster Nähe des Curparkes gelegene Pension Elisabcthhos übernommen und zu einem eleganten Restaurations-Etablissement umgestaltet. Mit seinen prächtigen, mit allem modernen Comfort ausgestatteten und von elektrischem Lichte erhellten Speiscsälen und dem daranstoßenden schattigen Garten wird das neue Restaurant Toncllo unter den eleganten Pcnsions- und Speise-Etablissements der Curstadt einen ersten Rang cinnchmcn und trotz bürgerlicher Preise auch den bewährten Ruf der Toncllo'schcn Küche in dem neuen ' Zweig-Etablissement rechtfertigen. Olmütz. Zufolge des in der letzten Nummer ihres gesch. Blattes veröffentlichten Aufrufes, betreffend den beklagenswerthen Fall Grünberger, hat sich der Obercantor der hiesigen Cultusgemeinde,Herr Karl Schlesing er, veranlasst gesehen, zu Gunsten der Hinterbliebenen des so jäh hinweggerafften Collegen eine