Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 13 (21.5.1895)
- Date
- 1895-05-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Seite 5. ,jeder Beter der Mitchasan war, der den bestellten Cantor bisweilen .so.gar überschrie, und jeder Zuhörer sich das Recht heraus- -nahm, den Prediger.; durch Interpellationen und-Einwürfe zu ׳unterbrechen. ׳ Hat man aber Niesen Standpunkt heute mit Recht überwunden, kann die Kanzel nicht mehr durch Disputanten; und das Betpult nicht mehr durch CaNtoren aus dem Stegreife! unsicher gemacht .-werden,- so soll auch der Mar -für die Zeit ׳ des. Gottesdienstes nur vom bestellten Functionspersonale, dem ־ ־ allein es zusteht, . im amtlichen Ornate zu erscheinen, betreten werden dürfen. ״Umgrenze den Berg der Offenbarung, - dass sie ihn nicht vordringlich besteigen", ist ein Gebot, welches; auch ׳ für den Heiligen Tisch vor der Bundeslade gelten mag. ' ' Kleine Chronik Wien, 19. Mai.. Unter ganz außerordentlich großer - Betheiligung wurde heute Herr Wilhelm Ritter von Gutmann -zu Grabe getragen, - Die.Salons des Trauerhauses,!..Bezirk, -Kantgasse Nr. 6, konnten kaum die nach Hunderten zählenden -Gäste fassen, die sich aus allen,׳ selbst den höchsten Kreisen der Wiener Gesellschaft repräsentirten. Vor dem Trauerhause war bereits um, 10 Uhr . der einfache! zweispännige Trauerwagen vorgefahren, welchen! nach dem Wille!! des Verstorbenen auch der Blumenschmuck fehlte. Zur selben Zeit marschirten unter Commando des Bergwerks-Ingenieurs Möller 60 Knappen des Mährisch-Ostrau-Dobrauer-Revieres in der schmucken Paradetracht mit brennenden Berglaternen auf und nahmen in! Vestibüle Spalier bildend- Aufstellung, indess 40 Hüttenarbeitrr des Witkowitzer-Revieres sich vor dem Trauerhause mit der Front gegen dieses postirten. Bis knapp vor Beginn der Trauerfeier fuhr Wagen an Wagen, denen Leidtragende entstiegen, an! Portale des Palais vor. — Unter den üblichen Trauerpsalmel! wurde der Sarg, welcher die Leiche des Verblichenen barg und den ein einfaches schwarzes Bahrtuch hüllte, um 11 Uhr Vormittags gehoben. Die Witwe Jda v. Gut mann, die Söhne und Töchter sowie der Bruder David R. v. Gutmann und die Familienmitglieder folgten demSarge, und in langer Wagenkette der weitaus größte Theil der erschienenen Trauergäste. Vom Palais bis über die Schwarzenbergbrücke hinaus stand eine vielhundertköpfige Menschenmenge, die pietätvoll den irdischen Theil des Menschenfreundes passiren ließ. Um halb- 1 Uhr Mittags langte der Zug auf dem Friedhofe. an. Nachdem Obercantor Singer unter Assistenz der Cantören Schiller und Blatt und des gesammten Chorpersonales das Lasur tomim ergreifend vorgetragen, hielt Rabbiner Dr. Schmie dl die Trauerrede, der wir folgende Stellen entnehmen: ״Ein edler Mann sinkt heute in das Grab. Sein Herz war von Liebe zu Gott erfüllt und warm schlug es stets für die Menschheit. Nicht nur die Glaubensgenossen trauern um Wilhelm v. Gut- .' mann, die edelsten Häuser und Vertreter-dieser Stadt trauern mit uns. Wilhelm v. Gurm ann war ein tüchtiger Kopf, mit einem edlen, feinsinnigen Herzen vereint, einem Herzen, das nie ermüdete | im Helfen und Wohlthun, das immer bereit war, zu geben und wieder zu geben und aus dem so viele großartige Schöpfungen hcrvorgiengen. , Sein ganzes Denken und Fühlen concentrirte sich in einem großen, großen Gedanken, der leidenden Menschheit hilfsbereit zur Seite zu stehen. Zu. seinem nüchternen praktischen Sinn gesellte sich eine ideal angelegte Natur. Einerseits erglühte er für die Ideale der Menschheit,' andererseits war er roll tiefsinniger Religiosität. Mit Liebe und Innigkeit hieng er an seinen Stammes- und Glaubensgenossen, für die rvessernng der Stellung derselben hätte er sein Herzblut hingegeben, aber in seinem Geiste existirte keine Schranke zwischen Mensch und Mensch. Mit' welcher Fürsorge war er seinen Beamten und seinen Arbeitern zugcthan. sie wurden wie die Kinder des Hauses behandelt und geliebt. Mit welch'er Innigkeit hieng er an seiner Perwandschafr'. Welch glückliches Vaterherz schlug in ihm! Welch ein treuer und zärtlicher Gatte war er! Wie herrlich bewährte sich, das Wort des Psalmisien: ״Schön ist es und lieblich, Brüder in inniger Harmonie leben und wirken zu sehen." Hier waren zwei Brüder gleichen Sinnes und gleichen Herzens, gleich begeistert für Schöpfungen der Humanität, wirkten sie zu edlem Wohlthuu zusammen. Die Nachkommen des Heimgegangenen mögen sein Andenken ehren, indem sie fürder in seinem Sinne wirken." Dr. Schmied! schloß unter tiefer Rührung. Nach ihm sprach Professer Eduard S u e ß namens des Philantropischen Vereines: Erregung fort, ״dass, wenn ich meine Hand von dir ziehe, du dem Elende preisgegeben bist?" ,,Nein", fiel ihm Adolf heftig ins Wort, ״ich traue mir genug Willenskraft zu, meinen Lebensweg allein zu machen." Bernat brach in ein höhnisches Gelächter aus, das aber wie gezwungen klang. ״Nun gut", sprach er. indem er eine Geberde machte, ״so höre denn meinen endgiltigen Entschluß. Du meidest Feigenbaum und seine Sippe, oder du verlässt mein Haus!" Der junge Mann fuhr nach diesen entschieden gesprochenen Worten heftig zusammen. ״Nein, ich kann von Jittele nicht lassen!" rief er leidenschaftlich, ״das kannst du von mir nicht verlangen, Vater", fügte er in bittendem Tone bei. Bernat warf ihm einen verüchlichen Blick zu. ״Nun, so wähle zwischen mir und ihr!" versetzte er grimmig und verließ mit dröhnenden Schritten das Gemach. Einige Tage nach diesem erregten Auftritte erschien plötzlich Adolf äußerst bleich und abgespannt im Hause des Chasen. Jittele empfieng ihn mit gewohnter Herzlichkeit, obwohl dessen verstörtes Aussehen sieerschreckte, und setzte, nachdem, sie ihm Platz angeboten, ihre unterbrochene Näharbeit weiter fort. Der junge Mann saß, den Kopf in die Hand gestützt, und starrte eine geraume Zeit träumerisch vor sich hin. Ein wohliges Gefühl .bemächtigte sich seiner in diesem Raume, ein Gefühl des Friedens und der Ruhe, wie er sie in der Nähe eines anderen Mädchens nie empfunden. Unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, w!e glücklich er gewesen, wenn es ihm gelungen wäre, das Vorurtheil seines Vaters zu bannen. Ein tiefer Seufzer Jittele^s, welcher der unbekannte Gram ihres Geliebten sehr zu ^Herzen gieng, rüttelte ihn aus seinen schmerzlichen Betrachtungen. /Plötzlich, fasste er die Hand Jittele's, und ihr zärtlich in die schönen ,.Augen blickend;, sprach, er mit einer Wärme und Innigkeit, wie nie zuvor. - ' . . ״Du wirst es schon längst geahnt haben, theure Jittele, wie sehr mein Herz dir zugethau ist, und ־»nie unaussprechlich ich dich liebe." Ein Zittern durchrieselte den ganzen Körper des Mädchens bei diesen Worten, aus denen ihr eine ganze Welt von Freuden eutgegenklang. Sie hätte aufjubelu mögen vor Wonne. ״Von der Stunde an", fuhr er fort, ״da ich dieser Neigung mir bewusst geworden, war es!nein sehnlichster Wunsch, vor dich hinzutreten und dich als meine liebe Braut meinen Eltern zuzuführen. Aber das Verhältnis zwischen unseren Eltern war leider ein derarüges, dass ich meinen Herzenswunsch!vieder auf eine spätere Zeit verschieben musste, immer hoffend, der günsttge Augenblick werde nicht ausbleiben, meinen Vater für meine Absicht zu gewinnen. Nun sind die Würfel gefallen. Ich habe Gelegenheit gehabt, seine Gesinnungen in dieser meiner Herzensangelegenheit zu erforschen, und bin zur Ueberzeugung gelangt, dass wir seine Zustimmung zu unserer Vereinigung nie erlangen werden." Feigenbaum warf seiner Gattin einen verständnisinnigen Blick zu. ״Ich habe nun den Entschluss gefasst," fuhr der junge Mann nach einer Pause fort, ״über den Ocean zu ziehen und mir dort eine Existenz zu erringen. Es werden vielleicht Jahre vergehen, bis ich imstande sein werde, dir ein bescheidenes Heim bieten zu können. Willst du mir dann als mein treues Weib hin folgen?" frug er in innigem, fast bittenden Tone. ״Bis an's Ende der Welt!" rief Jittele und warf sich mit einem jubelnden Schrei in feine Arme, ihr Köpfchen schluchzend an seiner Brust bergend. ״Nun,/ sprach Adolf, ״nun werde ich muthigen Herzens meinem Schicksale entgegen gehen, da ich nun weiß, dass deine Liebe mich wie ein Schutzengel begleiten werde." ' (Fortsetzung folgt.)