Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 13 (21.5.1895)
- Date
- 1895-05-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeilung. Seite 3. Standesstagen und Standesklagen von Cantor Isidor Schwarz in Wien. Hell strahlt die Maisonne, Lcbeusodem der von Eisesstarre kaum erwachten Vegetation einhauchend, Lerche, Drossel, Fink und Specht singen trillernd ihr Einzugslied, kräftig secundirt vom Schwalbengezwitschcr. Ums tägliche Brod ist cs ihnen nicht bange, solange Feld und Flur einen gedeckten Tisch und Baum und Strauch des Raumes genug zum Nisten und Wetterschütz bieten. Und dies Alles hat unser Tal-Gebet, jenes Gebet bewirkt, welches wir alljährlich am fünfzehnten Tage des ersten Monats verrichten. Wenn die Gottheit erweicht und der Himmel des Einsehens fähig ist, so hat es sicherlich Niemand als wir, ihre singenden Priester, zuwege gebracht, denn freundlicher und sanfter kann der Lenzesbote sich kaum ankündigen, als er es seit dem ersten Passafesttage thut. Allerdings sind die himmlischen Wcttermacher und auch die unterirdischen Mächte nicht unthätig geblieben. Zeuge dessen sind die pikante Kühle, mit welcher uns die ersteren seit Charsamstag umfächeln, und das bedenkliche Zittern und Beben der Erdkruste längs des Ostalpengebietes, wodurch die wackeren Krainer fortgesetzt in Angst und Schrecken versetzt sind und womit uns die letzteren nichts anderes als ihre unheimliche ״Tektonik" vordcmonstriren wollen. Doch lassen wir uns durch Nässe und Kühle, verstärkt durch ein bischen Erdbeben, die gehobene Frühjahrsstimmung nicht verderben. Denn Frühling will es doch werden. Und so sehen wir dem Ergrünen von Baum und Busch, dem Keimen und Sprießen von Wiese und Rain voll Zuversicht entgegen, nur noch das Eine wünschend: Es möge Allen, die einen Domicilwechsel Vorhaben, oder einen soschen, gleichviel warum, planen, Glück und Segen bringen! Der Zufall fügt es, dass ich meinen Standesgenossen alle heilige Zeiten einmal etwas zu sagen habe. Und gerade die ernsten, hochzeitslosen Sephiratagc machen die Denkthätigkeit rege und das Nachdenken zum Privatvergnügen. In den Augartenallem, wo ich allmorgendlich mich zu ergehen pflege, ist cs gut Gcdankenüben, und da habe ichs im Stillen herausgebracht, dass wir Cantoren, die Helden des Augenblickserfolges, der außergewöhnlichen Gewöhnlichkeit anheimfallen, immer von Neuem anfangcn zu müssen. Ist das im Allgemeinen nicht Jedermanns Los, so fällt das bei uns umso schwerer in die Wagschale, weil wir erfahrungsgemäß bei weitem mehr den ״zween Herren" zu dienen haben. Diese ״glänzende Idee" im Watdcsäther der Kastanien und Lindenbaumregion geboren, ist nebenbei bemerkt, durchaus nicht neu und noch weniger Werth, der Angelpunkt einer Sephirabetrachtung zu sein. 'Well; auch darüber sind die Weisen einig. Aber wenn du mich mit diesem ״Schlager" hcrumkricgst, bist du am Holzweg, Freundchen. Noch habe ich Schmerzen, die ich, bevor der Juli anrückt und ich von Wien scheide, in den treuen Busen der Cantorcn-Zcitung ausschütten möchte. Das ist also der Anfang des Anfanges, und bis ich zu Ende gesprochen, wirst du hören, dass ich eine Menge guter und böser Sachen zu erzählen habe. Vor etwa sechs Jahren, als die ersten Umrisse der Regierungs- Vorlage ״zur Regelung der äußeren Rechtsverhältniße der isr. Religionsgenossenschaft" sichtbar wurden, da war es mit Aller- Wahrscheinlichkeit vorauszusehen, dass in dem morschen Gehäuse des nach einem Recepte des sattsam bekannten Polizei-Ukases von anno 1754 geordneten Organismus der isr. Cultusgemeinden eine Neugestaltung nach Außen und Innen sich vorbereiten, und ebenso wahrscheinlich, dass die Hilfsquellen zu seiner standesmäßigen Fortführung reichlicher und beständiger denn vormals fließen werden. Leute, die das Gras wachsen Hören, wollten wissen, dass auch im Schicksale des heimischen Cantorenthums ein günstiger Umschwung zu gewärttgen sei. Diese Zukunftsmusik hörte sich denn thatsächlich an wie Sirenengesang, wie schwingender Tonrausch einer Aeolsharse, und selbst eingeschworene Skeptiker nahmen keinen Anstand, sich ihr gefangen zu geben. Der März 189V, in dem, wie erinnerlich, dieses Gesetz rechtswirksam und seinem ganzen Inhalte nach bekannt wurde, hat es indess gezeigt, dass der Wein unserer Hoffnung, wie öfters die Milch der frömmsten Denkungsart, einen stark wässerigen Gehalt aufzuweisen habe. Seitdem sind wir um 5 Jahre älter, und um ebensoviel ist die Zeitrechnung vorgerückt. Ist dieser Zeitraum auch verschwindend, so genügt er gleich wohl, um zu constatiren, dass dieses Gesetz, zum Wohle der Cultusgemeinden vorbedächttglich geschaffen, für Rabbinen und Cantoren, wie überhaupt, erst nach Jahrzehnten fühlbar zu werden verspricht. Worin liegt es, und warum ist der erhoffte Segen bis zur Stunde ausgeblieben? Jene, welche hinter den Coulissen einen Vetter haben, behaupten, dass dem nicht so sein müsste, wenn .... Ja, was weiß ich? Aber es gibt Geheimnisschnüffler, die mit den Evastöchtern die einzige Schwäche gemein haben, indiscret zu sein, indiscret zu einer Zeit, wo mit dieser allerdings angezweifelten Tugend rein nichts auszurichten ist. Von diesen Vettern und Basen, die überdies stets um einen Gedanken voraus sein wollen, erfahren wir es denn auch unschwer, dass die Vorlage in ihrer unverdorbenen Jungfräulichkeit, nämlich zur Zeit, als sie am Ministertisch parat lag, ein ebenso großes Wunderkind gewesen sein soll, wie es Jossele aus Sadagora, das ״jüngste Chasendel" noch gegenwärtig ist. Wäre sie — so meinen jene Plappermäuler steif und ernst — wäre sie in ihrer heiligen Einsatt unantastbar geblieben, sie Hütte sicherlich Allen und Allen, ja sogar uns, den Stifkindern des Glückes, ein hübsches Angebinde bescheert. Doch da kamen die Commissions-Berathnngen, die bösen Amendements und zuguterletzt die Experten in der höchst eigenen Person der Herren Wimmer und Consorten und rauften ihr die besten Haare aus. ״Wimmernd" ächzte und krächzte das misshandelte Ding unter der Wucht der einstürmenden Hiebe. So geschah es, dass die Vorlage, nachdem sie die Höllenpein der legislatorischen Taufe überstanden, ein Brei ward, ungenießbar, wie jener, an dein viele Köche hantiren, ein Torso, Niemanden und die Cantorenwelt am allerwenigsten befriedigend. Noch blüht dem Cantorenthum eine Hoffnung, eine Zuverficht ebenso unerschütterlich, wie der Volksglaube; die gläubigen Diener eines gläubigen Volkes hoffen und harren, dass ihrer in den Statuten ehrenvoll gedacht werden wird. Die Statuten, als eigentliche Seele des Gesetzesrumpfes, wären denn auch in hohem Maße geeignet, uns das zu ersetzen,'was uns im Gesetze selbst versagt blieb: Eine würdige Stellung im Rahmen des verjüngten Culttlsorganismus den zweitwichtigsten Rang neben dem des Rabbiners. Werden wir jemals diese Genugthuuug erleben? Dies hängt einzig und allein von jenen 541 Zimmer- Leuten ab, die mit der Bearbeitung, Entrindung und Glattlegung dieses Hoffnungsbaumes beschäftigt sind. Um nicht in Räthseln zu sprechen, sei gleich hinzugefügt, dass diese 541 Zimmerleute ebensoviele Cultusgemeinden der im Reichsrathe vertretenen und Länder bedeuten. Ihnen Allen obliegt es, je einen Statutenentwurf nach in § 28 — 29 des Gesetzes angedeutetem Muster zu verfassen und der behördlichen Genehmigung vorzulegen. Scheinbar ist diese Arbeit eine complicirte und recht langweilige.