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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-05-21 · Heft 13 (21.5.1895) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 13 (21.5.1895)
Date
1895-05-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 13. Anregungen und AuMtze über unsere Standesangelegenheiten unterliegen zwar dem traurigen Geschicke, gewöhnlich unbeachtet, unberücksichtigt und gleich Erbsen an den harten Felsen ausgestreut, ohne Fruchtkeim liegen zu bleiben, ohne den erwünschen Erfolg zur Reise zu bringen. Dennoch kann der strebsame Säemann auf dem Gebiete seiner Standes- Wirksamkeit seine Hände nicht ruhig in den Schoß legen, sich und Andere dem traurigen Standesschicksale überlassend. Deshalb greife ich wieder zur Feder, um einige meiner einschlägigen Gedanken zum Nutzen der Standesgenossen niederzuschreiben. ״Selbsthilfe!" Ein ominöses, verhängnisvolles Wort! Denn die Selbsthilfe ist die schwächste und erfolgloseste aller Hilfe. Wie soll der schwache, ohnmächtige Mensch sich selbst Hilfe leisten, da wo die Hilfe Vieler, der gemeinschaftliche Beistand höchst geboten erscheint? Und zudem ist unter allen Schwachen in der socialen Stellung der Angehörige unseres Standes in der Regel (Ausnahmen zählen nicht mit) der Schwächste. Wie soll er sich da selbst helfen? Mit dem Psalmisten ruft das sehnsuchtsvolle Herz, das besorgte Gemüth der meisten Familienväter unseres Berufes: Ich erhebe meine Augen wehmüthig und inbrünstig zu den fernen Bergen hin, schauend, woher mir Hilfe kommen wird." Nicht selten fühlt er sich von der ihm innewohnenden moralischen Kraft und Stimme beruhigt, die chm aufmunternd und bestärkend zuruft: ״Meine Hilfe wird von Gott komwen, der Himmel und Erde erschaffen! Er gibt ja dem Viehe seine Nahrung, den jungen Raben, die ihn anrufen!" Er hat ja für Alle in der Welt die lange, reichlich befetzte Tafel gedeckt. Und sind wir denn nicht jüdische Cultusbeamte, Diener unserer erhabenen Religion, denen man schon aus Liebe zur Religion kein Unrecht zufügen wird? Diese Theorie ist eine gute, wenn nur die Praxis nicht so enttäuschend wäre! Wir müssen, liebe Freunde, die Brille des Optimismus von unseren Augen abnehmen, um die Verhältniße so aufzufassen, wie sie in Wirklichkeit sind. Wir dürfen unsere Hände nicht in den Schoß legen und warten, wie jener Bauer am Fluße, bis der Strom der Zeit unsere besten Jahre weggeschwemmt hat. Sich auf Wunder zu verlassen, welche ohne mffer Dazuthun von Oben kommen sollen, das dürfen wir nicht, sollen wir nicht. Thun, handeln, Entschlossenheit bewähren müssen wir Einer wie der Andere, dann wird uns der Beistand von Oben nicht versagt werden. Moses musste vor jeder Wunderthat mit seinen! Arme seinen Stab erheben, das soll uns lehren, dass der Mensch zu jeder Sache das Seinige beitragen muß. Der Gedanke zur Stiftung einer Pensionscassa ist, so schön und edel er auch sein mag, bisher noch immer ein illusorischer. Denn unsere Gemeinden und Reichen wollen in der Regel nicht dazu beitragen und die meisten unserer Angestellten können leider nicht. Die meisten unserer Gemeinden fühlen sich schon beftiedigt, wenn sie bei den Angestellten etwas ersparen können, sei es an Gehalt, an Reise- oder Uebersiedlungskosten, an Emolumenten u. dgl. Je billiger die Gemeinde die Anstellungslücke ausfüllen kann, desto besser, desto lieber ist es ihr. Und wie soll ein halb und halb angestellter Familienvater von dem spärüchen Monatsgchalt, der kaum zur Deckung der knappen Hausbedürftüße hinreicht, noch einen Theil der Pensionscassa zuftchren? Sind ja Viele mit besten Willen nicht in der Lage, von ihrem kargen Gehalt — man könnte sagen, von ihrem Hungerlohne — 1 Gulden pro Quartal zu widmen! Aber selbst bei der günstigsten Voraussetzung, der Pensiionssond käme zustande, was gewiss sehr zu wünschen ist, böte er uns doch keine momcnfanc Hilfe. Uns thut aber eine sofortige Hilfe noth, bevor uns die Kräfte unserer Wirksamkeit verlassen, bevor gekommen sind die Tage, an denen der Mensch keinen Gefallen hat. Was sott also geschehen? Ja, das ist schon oft und oft in diesen Blättern gesagt worden! Die Gemeinden sollen unsere Leistungen gebührend honorieren; je mehr Aemter wir in einer Person vertreten, desto höher muß unser Gehalt sein. Wir haben unsere Fähigkeiten für uns und unsere Familien und sind für deren gewissenhafte Verwerthung verantwortlich. — Wir dürfen nicht für 5—600 sl. uns als Rabbiner, Cantor, Kore oft sogar auch als Lehrer preisgeben. Welche Gemeinde in einer Person alle Aemter vereint haben will, die soll wenigstens die eine .Person bei sich anständig und sorgenlos leben lassen, damit sie nicht am Hungerkuche nagen, sich verschulden und abquälen muß und damit sie auch jeden Monat einen Sparpsennig beseitigen könne für spätere Zeiten. Das Gesetz will es ja, dass die Angestellten standesgemäß erhalten werden -sollen! Dann wäre es anders. Wir könnten dem Pensionsfond beitreten und außerdem noch für unsere Zukunft sorgen. Zu dem Zwecke aber müssen wir einig sein und dürfen uns nicht für Alles zum billigen Werkzeug hcrgcben und unseren moralischen und matcrictfcu Werth dadurch verringern. Die Gemeinden 11t ü s ן c 11 jetzt die Mittel dazu hcrbeischaffen können, da das Gesetz ihnen dazu behilflich ist. Darin gipfelt unsere Selbsthilfe und wenn wir sie ernst anstrcbcn werden, wird uns auch Gott dazu die seinige verleihen. Welchem Menschenfreunde blutet nicht das Herz über das traurige Schicksal eines Angestellten, der 34 Jahre in einer Gemeinde mit vollster Zufriedenheit gewirkt, auf seinem Berufs- Wege vom plötzlichen Tode ereilt wird, während seine Familie, ihres Ernährers beraubt, unversorgt stehen bleibt, der Wohlthätigkeit der Mitnienschcn anhcimgestellt. Wenn der Mann besser gestellt gewesen wäre, um nur 100 sl. jährlich absparen zu können, so hätte er seiner Familie an Ersparnis von 3400 fl. hintcrlassen und sie hätte neben dem Unglück, den Familienvater verloren zu haben, nicht auch noch das, von der milden Gabe abhängig sein zu müssen. — Dieser Fall steht leider nicht vereinzelt da. Darum rufe ich den College!! zu: Ina 61! uni li, mi li? Gelegenlich sei auch hievon Notiz genoinmcn: Herr Spiel- 1116111! bestätigt das Todcsurtheil der ״Alten", wofür ״das Junge stets blüht". Das ist eben eine Anschauung in der Blüthe, der ein jeder Fruchtknoten fehlt. Fürs praktische Leben ist die Frucht die Hauptsache, nicht die Blüthe; denn wenn wir immer nur Blüthen und niemals reife, zuträgliche Nutzfrüchte hätten, so müssten wir bald auch ohne Blüthen stehen bleiben, weil uns die Bäume, die Träger der Blüthen, fehlen möchten. Und den! Kenner gegenüber gilt noch immer der alte Wein in den alten Schläuchen als der vorzüglichere und werthvolle. Rabbi Jose bar Jebnda lehrt: ״Wer von Aeltern sich unterweisen lässt, der gleicht dem, welcher reife Trauben isst und alten Wein trinkt, wer aber von Jungen sich unterweisen lässt, der gleicht dem, der unreife Trauben isst und jungen Wein trinkt". — Möge meine Anregung allseits die verdiente Beachtung und Würdigung finden! — Amitaj.

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