Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 12 (11.5.1895)
- Date
- 1895-05-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 12. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Die Hafeksrsh Eine Betrachtung von Dr. M. H. Friedländer. ״Saul und Jonathan, die im Leben durch das Band der väterlichen und kindlichen Liebe mit einander verknüpft waren, wurden auch im Tode nicht getrennt", denn das Band der innigen, aufrichtigen Liebe, das Eltern mit Kindern und Kinder mit Eltern verknüpft, ist selbst der unerbittliche Tod zu lockern und zu erschüttern nicht im Stande. Wenn wir das Buch der Bücher zur Hand nehmen und darin lesen und forschen, so gewinnen wir die Ueberzeugung, dass trotz der zahlreichen Satzungen, Vorschriften, Gebote, Sitten- und Pflichtenlehren, die es enthält, in demselben denn doch nicht jene Pflichten, die zu erfüllen das Herz uns dictirt, vorgeschrieben sind. Die Thora sucht nur diesbezüglich unsere Aufmerksamkeit auf historische Thatsachen, die sie uns erzählt, wie auf trefflich gezeichnete Cultur-, Sitten- und Musterbilder, die sie vor unseren Augen entrollt, zu lenken, um uns die Folgen der wahren kindlichen Liebe, die weit übers Grab hinausreicht, zu zeigen, um uns gleichsam im Bilde zuzurufen: Seht ihr, meine lieben Kinder, so müsst ihr leben und streben, wirken und schaffen, denken und handeln, fühlen und wollen, wenn ihr euch eurer hohen Aufgabe als treue, theilnahmsvolle, zartfühlende, opferwillige Kinder euerer Eltern auf die würdigste Weise entledigen und euere kindliche Liebe stets bekunden wollet. Zu wiederholten Malen wird uns in der Thora geboten, ja nachdrücklichst eingeschärft, die Eltern zu ehren, zu schätzen, zu würdigen, zu verherrlichen, zu feiern und ehrfürchten und alles sorgfältig zu vermeiden, was geeignet wäre, das Eltern- Herz zu betrüben. Nirgends aber wird uns in der h. Schrift geboten, die Eltern zu ״lieben", und dass die kindliche Liebe weit über das Grab hinaus reichen muß. Dies zu gebieten, hat die Thora nicht für nöthig befunden, denn sie spricht zu Menschen, zu menschlich fühlenden Wesen, und welch' menschlich fühlendes Kind, das religiös erzogen wurde und an das Dasein Gottes, des Einig Einzigen, glaubt, liebt nicht seine Eltern über alle Maßen? Hingegen schildert die Thora uns das Leben großer Männer, besonders das der Patriarchen, um uns zu zeigen, dass die wahre kindliche Liebe, die nicht erst geboten werden muß, selbst der unerbittliche Tod nicht zu erschüttern vermag. Von dem frommen Patriarchen Jakob wird uns erzählt, dass er. als er nach Egypten kam, dem König Pharao vorgestellt wurde, und als dieser an ihn die Frage richtete: Lammo jeme schene chajecho, wie viel sind die Tage deines Lebens? antwortete er ihm: ״Ich bin hundertunddreißig Jahre alt, die Tage meines Lebens waren wenig und trübe". Pharao hatte ihn nämlich nicht gefragt: ״Wie alt bist du", sondern: ״Wie viel waren die Tage deines Lebens", d. h. deines glücklichen und ruhigen Lebens, denn ein Leben voll Leiden, Qualen, Sorgen und Kränkungen verdient ja nicht den Namen Leben. ״Kammo jeme schene chajecho? Wie viel waren also die Tage, die du ruhig und vergnügt verlebt hattest?" lautete die Frage des Königs. Und Jakob antwortete ihm: ״Ich bin wohl hundertunddreißig Jahre alt geworden, allein gelebt habe ich sehr wenig, meat weroim hojn jeme schene Chajai, — denn von meiner frühesten Jugend bis auf die Gegenwart hatte ich stets mit furchtbaren Leiden und Widerwärtigkeiten zu kämpfen und zu ringen. Ja, das Leben des Patriarchen Jakob war reich an schweren Prüfungen und harten Schlägen. Schon in frühester Jugend, im Elternhause, drohte ihm Gefahr, von seinem Bruder erdrosselt zu werden. Er sah sich daher gezwungen, zum Wynderstabe zu greifen, das Elternhaus, die theuere Heimat zu verlassen und in die kalte, ftostige Fremde hinaus zu ziehen. Kaum glaubte er im Hause Labans, des Bruders seiner Mutter, der später auch sein Schwiegervater geworden, eine Zufluchtstätte gefunden zu haben, als er sich gar bald in seinen Erwartungen getäuscht, bitter getäuscht sah. Hier drohte ihm noch mehr Gefahr als wie im Elternhause, Lowon bikesch laakor es hakanl — denn Laban hatte ihn nicht nur betrogen, belogen, getäuscht, durch's Licht geführt, sondern auch gekränkt, in seiner Ehre und Würde verletzt, verdächtigt und verunglimpft. Man sieht also, dass nicht immer die Schwiegermütter, die man so gerne als furchtbare, grauenhafte Schreckensgestalten darzustellen pflegt, verurtheilt zu werden verdienen, dass es auch liebenswürdige Schwiegerväter gegeben, und wohl noch geben mag, die buchstäblich Schreckensmänner genannt zu werden verdienen. ״Am Tage", so klagte der arme Jakob, ״verzehrte mich die Gluth der Sonne und in der Nacht der Frost, der Schlaf wich von meinen Augen." Nach zwanzigjährigem, leidensvollem Aufenthalte in Charan wurde er auch von dieser höchst traurigen und peinlichen Situation Befreit, kehrte in die Heimat zurück, versöhnte sich mit Esau und glaubte nunmehr, der Ruhe pflegen, glücklich und zufrieden, froh und vergnügt leben zu können, allein jetzt begann erst die wahre Leidenszeit für ihn, jetzt wurde er erst von Leiden und Prüftmgen heimgesucht, die die früheren Unglücksfälle weit in Schatten setzte. Bikesch Jaakanw lejsehew beschalwo kofaz olow rogsau schel Jaiisef. — Man denke sich einen zärtlichen, liebreichen Vater, der seinem theueren, trefflich erzogenen, wohlgerathenen, hofsnungsvollen Kinde, seinem Lieblingssohne, den Auftrag ertheilt. die in weiter Ferne weilenden Brüder aufzusuchen, um sich von ihrem Wohlbefinden zu überzeugen und nach einiger Zeit kommen statt des Suchenden die Gesuchten heim mit einem blutbefleckten Kleide und rufen dem in Leiden und Qualen ergrauten Vater zu: ״Schau, Vater, dieses haben wir geftmden, ist das nicht das Kleid deines Kindes? Wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel trifft ihn diese traurige, Herz und Gemüth erschütternde Nachricht. Beim Anblicke des blutbefleckten Kleides seines theueren Kindes bricht er zusammen und ruft händeringend die verzweiflungsvollen Worte aus: ״Es ist das Kleid meines Sohnes, ein Ungethüm hat ihn zerrissen". Und so trauerte er um seinen Sohn lange Zeit. Wohl geben sich alle seine Kinder Mühe, um ihn zu trösten, zu besänftigen, allein vergebens. ״Behelligt mich nicht mit eueren leeren Phrasen, ich werde zu meinem Sohne trauernd in die Gruft fahren." Und so quälte ihn der Gedanke, dass sein Kind auf so grausame Weise ihm entrissen wurde, zweinndzwanzig Jahre lang. Nach zweiundzwanzig Jahren erfährt er endlich, dass sein Sohn lebt und den höchsten Gipfel des Ruhmes und des Glückes erklommen habe. Nun athmet er auf erfteut und erfrischt und sängt erst an zu leben, watchi mach Jaakanw awihem. Er folgt dem Ruse seines Sohnes, geht mit seiner ganzen Familie nach Egypten und lebt dort noch 17 Jahre ruhig, vergnügt und höchst zufrieden. Und obgleich Jakob auf fremden Boden die schönsten, herrlichsten und glücklichsten Tage seines Lebens verbrachte, während er in der Heimat ein kümmerliches, leiden- und quak-