Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 11 (1.5.1895)
- Date
- 1895-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitunz. Seite 5. erinnern, es soll dasselbe aus der dunkeln Gefühlswelt loslösen. Darum muß das Ner Tomid vom reinsten Ochle genährt werden, .darum musste das Licht ununterbrochen brennen, weil es ans die Gotteserkenntnis deutet, ans die Öffenbarungslehre, die nie verlöschen darf. So wurde die Unterhaltung dieses beständigen Lichtes als ewiges Gesetz für alle Zeiten eingeführt, und das ist auch die Bedeutung des Ner Tomid in der Synagoge. (Fortsetzung folgt.) . Das Rereptionsgefeiz. Budapest, 25. Zlpril. Das Abgeordnetenhaus trat heute abermals in die Berathung des Gesetzentwurfes über die Reception der j üd is ch en Religion ein. Cultus- und Unterrichtsminister Dr. Wlassics eröffnete die Debatte mit folgender Erklärung: Nachdem der Gesetzentwurf über die Reception der israelitischen Religion bereits zweimal beinahe einstimmig vom geehrten Hause angenommen wurde, wodurch die in dieser Vorlage niedergelegten gerechten und billigen Principien als richtig anerkannt wurden, will ich rnich in keine Wiederholungen einlassen, sondern erlaube mir, folgenden Beschlußantrag zur Annahme zu empfehlen: ״Das Abgeordnetenhaus möge erklären, dass es den Gesetzent- Wurf über die Reception der israeliüschen Religion in der vom ׳Abgeordnetenhause bereits festgestellten Form unverändert aufrecht h ä l t und behufs gefälligen Beitrittes an das Magnatenhaus zurückleite." (Beifall.) Abg. Valentin Jllyes erklärt namens der Unabh ä n g i g k e i t s p a r t e i, dass diese ihren Standpunkt dieser Vorlage gegenüber nicht geändert habe. Die veralteten Schranken zwischen den Confessionen müssen fallen. Demgemäß erklärt er, dass seine Partei den Gesetzentwurf sowohl i m A l lgemeinen als im Besonderen annehme und dem soeben eingebrachten Beschlußantrage zustimme. (Beifall.) Professor Armin N e u m a n n betont, dass die Regierung durch den Gesetzentwurf jener Religion im Kreise der anderen neuen Balbos hegte, glaubte sich schon dadurch in dessen Charakter getäuscht zu haben, aber nur zu bald sollte es ihm zur Gewissheit werden, dass fein Instinkt ihn nicht betrogen hatte. Bernat deutete gelegentlich einmal an, dass er jetzt nicht abgeneigt wäre, eine aus ihn fallende Wahl zum Vorsteher anzunehmen. Selbstverständlich fühlten sich die Balbatim, die als Krämer und Hausierer meistens von dessen Bediensteten lebten, durch diese Ehre recht erfreut, und der Gutsherr wurde einstimmig zum R,oscl1-ha-Kohol gewählt. Wir werden erfahren, dass es nicht zur Ehre Gottesund zum Wöhle der Gemeinde, wie er es in seiner Antrittsrede in hochtönenden Worten verheißen hatte, geschah. Für den Frieden der Gemeinde aber, wie für die Existenz Feigenbaums sollte dieses Ereignis verhängnisvoll werden. Eine geraume Zeit verstrich indessen, ohne dass sich Bemerkenswerthes ereignet hätte. In der Khile nahm alles seinen alten Verlauf, und es hatte fast den Anschein, dass die Gemeinde- Angelegenheiten dem Vorsteher nach wie vor wenig Interesse abzugewinnen vermögen. Dies war aber keineswegs der Fall; denn bald daraus legte Bernat in einer Sitzung den nicht wenig erstaunten Balbatim. einen Reformplan mit der Erklärung vor, dass man trachten müsse, mit dem Zeitgeist fortzuschreiten. Die alte Synagoge, meinte er, entspreche nicht mehr den Anforderungen der Zeit, die innere Einrichtung, wie Almemor, die wackeligen Ständer, und namentlich die Frauenschul mit den kleinen, gelben Fenstern, widersprechen dem Zeitgeist. Er als Vorsteher habe es als seine heiligste Pflicht erachtet, zu einer völligen Umbauung des Gotteshauses zu schreiten und durch eine zweckmäßige innere Ausgestaltung desselben den erstem Schritt zu weiteren umfassenden Reformen zu machen. Er habe sich daher mit einem tiichtigen Baumeister ins Einvernehmen gesetzt And lege den Bauplan und die Kosten der Gemeinde vor. recipirten Religionen das Bürgerrecht verleihen wolle, welche den Ein-Gottes-Glauben der Welt zuerst verkündigt hat, gleichzeitig aber jenen Hunderttausenden von Staatsbürgern eine moralische Genugthuung geben wollte, die in guten und schlimmen Tagenan dem Aufbau des ungarischen Staates theilnahmen. Bei der atomisirenden Richtung unserer gesellschaftlichen Verhältniße wollte sie ja alle jene Elemente, die vom n a t i onalen Geiste durchdrungen sind, ralliren und dem Staatskörper näher bringen. Die ungarischen Juden haben die Reception nie als eine exclusiv-jüdische Frage bettachtet, sondern nur als Ergänzung und Ausweitung jenes Systems, welches die ungarische Nation aus Grund ihrer geschichtlichen Entwicklung den anderen im Staate seit längerer Zeit befindlichen Religionen gegenüber beobachtet. Vom exclusiv-consessionellen Standpunkte aus birgt der ganze Complex der kirchenpolitischen Gesetze für keine Confession größere Gefahren in sich, als für die jüdische. Allein die Juden haben trotzdem sich um die von der Regierung entfaltete Fahne geschaart, weil sie i h r e c o nsessionellen Interessen den höheren Staatsinteressen unterzuordnen wünschen. Der liebertritts-Paragraph, welcher den größten Stein des Anstoßes bildet, habe keine praktische Bedeutung, da die jüdische Religion nicht expansionsfähig ist. Im klebrigen erklärt Redner, dass die Inden auch ohne dieses Gesetz ihre patriotische Pflicht nach wie vor mit voller Begeisterung erfüllen werden. Am allerwenigsten aber werden sie sich durch Ausfälle, wie sie jüngst im Öberhause gehört wurden, hievon abbringen lassen. Redner erörtert die gegen die jüdische Race erhobenen Jnvectiven und weift an der Hand der Geschichte nach, dass die Racen-Einheit und Raeen- . Reinheit bei keinem Volke, in keiner europäischen Nation zu finden sei. Die Juden haben überall dort, wo die Mauern des Ghettos gefallen sind, sich an die Völker, unter denen sie lebten, angeschmiegt und ihre Sonderheit abgestteift. Sie sind heute in den von Nationalitäten bewohnten Gegenden die einzigen Pionniere der ungarischen Sache und die einzigen Verkünder der ungarischen Nationalitäts-Idee. Redner geht sodann auf die von der katholischen Volkspartei gegen die Juden inscenirten Agitationen über und legt ein Machwerk vor, in welchem alle die hundertmal widerlegten Behauptungen Die Balbatim steckten verlegen die Köpfe zusammen und flüsterten einer dem andern etwas zu, augenscheinlich getraute sich keiner, gegen den Antrag Stellung zu nehmen. Da erhob sich von der äußersten Ecke der Gemeindesttlbe ein unscheinbares, armes Männlein und stellte in demüthiger Weise an den Vorstand die Anfrage, wer eigentlich diese beträchtlichen Kosten bezahlen werde, indem er daraus hinwies, dass die gegenwärtigen Mitglieder unmöglich solche Kosten auf sich nehmen könnten. ״Was? nicht können?" schrie ihm der Roschhakohol erregt zu, ״die reichen, auswärtigen Mitglieder gehören immer noch zur hiesigen Gemeinde," sprach er, ״und müssen ihre Beitrüge derselben entrichten. Und was das Baukapital betrifft, soll dies meine Sorge sein," fügte er betonend bei. ״Die Gemeinde hastet mir mit ihren Realitäten und sonstigem Vermögen." Alles schwieg, keiner widersprach mehr, und dieser Beschluß galt als gefasst. Die Kestaurirung der Synagoge erfolgte in kurzer Zeit und konnte sich in ihrer inneren Einrichtung mit jedem Stadttempel messen. Wenn auch die meisten Balbatim dieser Neuerung, die nebstbei eine Steigerung ihrer Cultusbeiträge zur Folge hatte, abhold waren, so wollte es doch keiner mit dem Gutsherrn verderben. Bei der Einweihung des Tempels, die in feierlicher Weise vor sich gieng, fungierte Feigenbaum aber nicht. ״Ich muß dem altem Schreier doch einmal zeigen, wie gesungen wird", äußerte sich Bernat verächtlich, und so wurde der Kuttenplaner Cantor mit seinem ganzen Chorpersonale bestellt und verursachte hier mit seinem Gesang und Ornat nicht geringes Aufsehen. Der erste Schritt zur offenen Feindseligkeit gegen den verhassten Chasen war also gethan. (Fortsetzung folgt.)