Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 10 (21.4.1895)
- Date
- 1895-04-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Seite 3. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Dennoch hieße es allen Errungenschaften entsagen, wollte man auf jedes musikalische Verständnis und jede Bildung der Stimmmittel verzichten. Diesem Dilemma zu entrinnen, wie anderseits den störenden Unzukömmlichkeiten, welche das Darein- und Vorintoniren allzu hastiger Mitsänger der betenden Gemeinde veranlasst, zu steuern, gibt es nur ein einziges Mittel, und das ist die Einführung einer mächtigen, die Dissonanzen bewältigenden Instrumentalbegleitung, welche einem tüchtigen Organisten, der zugleich als Regens eliori zu fungiren hätte, überantwortet werden muß. Für die Wahl eines solchen Regens eliori, der jedes geistlichen Charakters entbehrt, ist gründliche musikalische Bildung allein maßgebend. Ihm fiele der Unterricht und die Disciplinirung der Sängerknaben zu, er habe ausschließlich das künstlerische Moment zu Pflegen, über die Zulässigkeit neuer und correcte Ausführung älterer Tondichtungen zu entscheiden, und - wenn dem Cautor, insoferne dieser mit Orgel und Chor zu correspondiren hat und ihm endlich doch eine gründlichere Kenntnis des textlichen Inhaltes erschlossen ist, auch ein berathendes Votum nicht vorenthalten bleiben darf, so sei es denn doch der Regens ehori. der in musikalischen Fragen das letzte nnd endgiltige Wort zu reden hat. (Fortsetzung folgt.) Der erste Schulgang. Was ist der erste Schulgang? Die Vertreibung aus dem Paradiese der Kindheit und der Anfang eines Lebens, dessen Inhalt die Worte ausdrücken: ״Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du dein Brot essen " . - \ Bis zu diesem Tage ist das Kind des Kummers und der Sorge ledig gewesen. Seine Eltern waren die gütigen Götter, die für sein Wohlbefinden sorgten, seine Geschwister und Bekannten die Engel, die sich liebreich seiner Unterhaltung widmeten, sein Zeitvertreib war das Spiel, und in friedlicher Gemeinschaft mit seiner ganzen Umgebung lebte es einen stillen, glücklichen Traum, den die gewaltigen Wogen des Lebens, die da draußen tobten und brandeten, nicht zu stören vermochten. ״Heute musst Du in die Schule!" Es ist ein Donnerwort, das in das Paradies der Kindheit hineintönt und mit bangen Ahmlngen die junge Seele erfüllt. Dem Kinde, das mit dem ersten Schritte der Schule zustrebt, schließen sich für immer die Pforten des irdischen Edens. Kein Engel mit feurigem Schwerte hat es nöthig, die Rückkehr zu verwehren. Die unaufhaltsam rollende Zeit reißt den Menschen immer weiter hinaus in den mächtigen Strudel des Lebens, und nur der Erinnerung ist es zeitweise gestattet, in die verlorenen, glücklichen Gefilde zurückzuschleichen und den schönen Traum der Kindheit noch einmal zu träumen. Man sollte meinen, dass die Eltern in ihrer Liebe sich Mühe geben müssten, das Kind auf einen so entscheidenen Wendepunkt im Leben vorzubereiten, ihm den so schroffen liebergang aus dem Traum in die Wirklichkeit zu erleichtern. Wie wenig Eltern denken daran, wie viele malen aber in ihrer Un- Vernunft die Schulzeit mit den schwärzesten Farben aus! Schwache und unverständige Eltern benutzen in ihrer Erziehungsweise den Lehrer sogar als Schreckgespenst. Sie ahnen nicht, wie schnell sich ein Schreckbild der Seele des Kindes bemächtigt, wie groß die Qualen sind, welche dem jungen Abcschützen durch vorheriges Furchtmachen auf seinem ersten Gange bereitet werden. Ein Beispiel aus dem Leben möge das Gesagte veranschaulichen. Auf der breiten Schwelle eines schmucken Bauernhauses sitzt an einem sonnigen Märztage ein frischer Bube und hantirt so eifrig mit dem Stifte auf einer Schiefertafel herum, dassbereits beide Seiten kreuz und quer überstrichen sind. ״Was machst Du da, Franz?" redete ihn der Vater an, der eben aus dem Stalle mit zwei Pferden herauskommt, um diese einzuspannen. ״Ich schreibe." ״Kannst Du denn schreiben?" Als Antwort weist der kleine Künstler mit Stolz seine Tafel. ״Das ist ja ganz hübsch, aber in der Schule wirst Du's noch besser lernen." ״Wann Werrich in die Schule geh'n?" ״Auf die nächste Woche; dann heißt's aber lernen!" ״Blos schreiben, Vater?" ״Nein, auch lesen und rechnen." ״Muß man in der Schule lernen? ״Freilich, sonst bekommt man Prügel." ^Bekommt man immer in der Schule Prügel?" ״Nein, blos dann, wenn man nicht lernt." ״Gelt, Vater, wenn ich wer' Alles lernen, dann wird mich der Lehrer nicht hau'n?" ״Freilich nicht, den fleißigen Kindern ist der Lehrer sehr gut." Bei den letzten Worten schwingt sich der Vater auf den Wagen und fährt zum Thore hinaus. Der Junge aber starrt wie traumverloren ins Leere; in Wirklichkeit beschäftigen sich seine Gedanken lebhaft mit der zukünftigen Schulzeit. Plötzlich fährt er aus seinem Sinnen auf, bespuckt energisch die Tafel von beiden Seiten, wischt sie mit dem Aermel ab und fängt die Schreibübungen eifrig von vorn an. ״Franz! Franz!" schallt da eine Frauenstimme aus dem Innern des Hauses. Franz rührt sich nicht und kritzelt weiter. ״Franz, wirst Du bald hereinkommen!" schallt es zum zweiten Male. Der Knabe hört auch diesmal nicht darauf. Da taucht aus dem Dunkel des Flures die Bäuerin auf, entreißt mit Schimpfen und Schelten dem Kinde die Tafel und fährt es an: ״Was hast Du hier zu kritzeln? Marsch in die Stube, Du wirst wiegen!" ״Nein, ich geh' nicht," sagt da trotzig der Knabe und entläuft bis zum Hofthor. ״Na, so eine nichtsnutzige Range! Gleich kommst Du herein oder ich hol' die Ruthe." Auch diese Drohung bringt den Knaben nicht zum Gehorsam. Mit zuckenden Lippen steht er da, und sein ganzes Gesicht drückt dabei das höchste Mißvergnügen aus. ״Warte nur, nächste Woche gehst Du in die Schule. Dem Lehrer wer' ich's tchon sagen, was Du für ein Bengel bist. Der wird Dir die Hosen schon ausklopfen!" Daraufhin nähert sich Franz langsam der Mutter und sagt mit weinerlicher Stmme : ״Ich wer' ja wiegen, aber zuerst will ich noch schreiben!" ״Nein, Du gehst wiegen, oder ich sag's dem Lehrer!" Wieder taucht vor der Seele des Kindes eine Schreckensscene auf. Er sieht einen finsteren Mann mit einem fürchterlichen Stocke auf einen kleinen Knaben losprügeln. Derselbe schreit und windet sich vor Schmerzen und — dieser Knabe I ist er selbst.