Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.4.1895)
- Date
- 1895-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. . Seite 5. Etwas haben aber die Römer wenigstens für die Musik- Wissenschaft geleistet: Bostus (455—524) überlieferte in seiner fünf Bücher umfassenden Schrift ,.de nrasica“ (über die Musik) der Nachwelt die Haupttheorien des Pythagoras, Aristoxenos, Ptolemäus und anderer griechischen Schriftsteller, aus denen dann das Mittelalter die geordnete Lehre der Musik wiederherstellte. Ferner hat der Alexandriner Alypius (um 360 n. Ehr.) die Notenschrift der Griechen — denn sie allein hatten eine solche — uns vollständig überliefert. Sie besteht aus Theilen des Alphabets oder eigentlich aus den Zeichen der Planeten, die schon seit Pythagoras Zeiten in engsten Zusammenhang mit der Musik gebracht werden. Es wurde aber mit den Buchstaben, die in ihrer Reihenfolge das Aufsteigen der Tonleiter bedeuteten, nur immer die Tonhöhe bezeichnet, nicht aber das Metrum (Zeitmaß) und Rhythmus (Takt). Letzteres beides deutete man nur ausnahmsweise an. Auf jeden Fall haben wir es in der altgriechischen Notenschrift mit der Urquelle unseres heutigen, zwar complicierten, aber raffiniert feinen und sicheren Notensystems zu thun, und es dürfte immerhin interessant fein, diesbezügliche Vergleiche anzustellen, die manche Aehnlichkeit beider Systeme ergeben würden. Alles in Allem muß über die gesammte antike Musik gesagt werden, dass sie einzig und allein — wenige Ausnahmen können kaum in Betracht kommen —der Melodie diente, während die Vielsümmigkeit so gut wie gänzlich unbekannt war. Erst unserer modernen Zeit blieb es Vorbehalten, die tiefsten Schätze der. göttlichen Musik zu heben, die ja gerade in der von den Alten ungekannten Vielsümmigkeit beruhen. Kleine Chronik. Wien. Der Vorstand der israeliüschen Cultusgemeinde Wien hat einstimmig beschlossen, Herrn Dr. Jopathan Wolf, Rabbiner der israeliüschen Cultusgemeinde, mit den Rabbinatsfuncüonen für die Gemeindebezirke XII. Meidling, XIII. Hietzing, XIV. Rudolfsheim und XV. Fünfhaus zu betrauen. Rabbiner Dr. W o lf wird seine neue Thäügkeit am kommenden Osterfeste beginnen. Wien. Das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung hat in seiner am 27. v. M. abgehaltenen Plenarsitzung zum Vice- Präsidenten den Curator Herrn Oberrabbinec Dr. Güdemann gewählt. In derselben Sitzung beschloß das Curatorium unter Andern: auf Antrag seines Präsidenten, Herrn David Ritter von Gutmann, zu Beginn des nächsten Schuljahres zehn neue Volksschulen an Orten, wo das Bedürfnis hiefür am dringendsten, zu creiren. Wien. In seltener körperlicher und geistiger Frische feierte am 25. März die Präsidentin im Vorstande des israelitischen Taubstummen-Jnstitutes, Frau Julie Schlesinger, eine ebenso wohlthäüge als kunstsinnige Dame, ihrem 80. Geburtstag. Aus diesem Anlasse fanden sich in der Wohnung der Greisin unter den Gratulanten Reichsgerichts-Präsident Dr. Unger mit Gemalin. das Künstlerpaar Olga und Josef Lewinsky. Baronin Königswarter, Baronin Todesco, Baronin Oppenheimer, zahlreiche Deputaüonen, darunter der Gesammtvorstand des Taubstummen-Jnstitutes unter Führung des Präses Hildburghäusser, der israeliüschen Cultusgemeinde unter Führung des Oberrabiners Dr. Güdemann, und viele Andere ein. Außerdem erhielt die Jubilarin Hunderte von telegraphischen und schriftlichen Glückwünschen. Wien. Der bekannte, hebräische Kalligraph Mayer Brunner, Wien, I., Judengasse 12, feiert kurz nach den Peßachfeiertagen fein ZOjähriges Meisterjubiläum. Seine hebräischen Schriftarbeiten, Adressen- und kalligraphischen Entwürfe für Paroches, Thoramäntel und andere Paramente, tragen nicht nur den Stempel künstlerischer Vollendung, sondern sind auch, da Herr Brunner ein äußerst tüchtiger Hebräer ist, von seltener Correctheit.. Unzählig sind die Arbeiten, die er im Laufe der Jahre für Gemeinden, hervorragende Persönlichkeiten, Rabbiner, Cantoren, rc. hergestellt hat. Erwähnt sei auch, dass das große Siddur am Schulchan im Wiener Stadttempel, aus dem täglich gebetet wird, von Brunner geschrieben ist, ebenso sind die Wandschriften in der neuen Prager Leichen-Eeremonienhalle sein Werk. Hoffentlich wird sein eifriges Streben an seinem Jubeltage mannigfache Anerkennung finden. Wien. Mittwoch, den 27. März X/{1 Uhr Abends fand im Tempel der israeliüschen Cultusgemeinde, Wien, XVI., Hubergaffe ein Requiem fiir den verewigten Herrn Ignaz Edler von Kuffner statt, welchem die Familie Kuffner, viele Vorstands- und Gemeindemitglieder und zahlreiche geladene Gäste beiwohnten. Die Trauerfeierlichkeit wurde mit dem Sulzer'schen Psalm 49, schien ganz gebrochen und die bleifarbene Blässe seines Gesichtes > sowie das Zittern der Oberlippe verriethen die ungeheure Erregung des alten Mannes. Seine Frau, eine Matrone mit geistvollen Zügen, die ihm gegenüber saß, mochte dessen Schmerz vollends theilen, denn auch sie war todtenbleich und ihre Augen blickten mit einem wahrhaft trostlosen Ausdruck auf ihren Gatten. Plötzlich sprang er von seinem Sitze und durchmaß mit raschen Schritten die Stube, fortwährend mit den Händen gesükulirend und unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd. Endlich Hielt er in seiner Zimmerwanderung inne, stellte sich seiner Frau gegenüber, und indem er mit seinen Händen das Gesicht bedeckte, rief er mit schluchzender Sümme: ״O, Rachel, Rachel, dass ich diese Schmach erleben musste! 35 Jahre habe ich der Gemeinde treu und redlich gedient, ihr meine ganze Jugend und Hoffnung geopfert, und nun muss ich in meinen alten Tagen zu dem Wand ernein, Bettelstäbe greifen. Denn meinst du etwa," sprach er mit schmerzlicher Ironie zu der ihm still und besorgt anblickenden Gattin, ״dass die jährliche Pension von 120 fl., die man mir ״gnädig" ausgesetzt hat, genügen werden, um uns, wenn auch mit trockenem Brote satt zu essen? Und wenn auch unsere Töchter, die tüchüge Schneiderinnen sind, arbeiten wollten, fiir wen sollten sie es hier thun, etwa fiir Bernat?" Eine lange Pause enstand, während welcher der Greis seiner Frau beständig ins Gesicht blickte, als erwarte er von ihr eine erlösende Antwort. Als aber dies nicht geschah und sie uur durch einen tiefen Seufzer ihrer Rathlosigkeit und ihrem Schmerz Ausdruck gab, rief er, nach kurzem aber heftigen Kampfe mit sich selbst, indem sein Gesicht einen entschlossenen Ausdruck annahm, wie wenn er einen verzweifelten Entschluss gefasst hätte: ״Nun bleibt mir nur noch ein Ausweg, und der ist: durch Demüthigung bis zur Selbstverleugnung es zu versuchen, das Herz dieses Unmenschen von Vorsteher zu erweichen und eine Rücknahme meiner Kündigung zu erwirken. Wie mein Herz dabei bluten wird, kannst du dir denken!" fügte er bitter hinzu. Aufs Aeußerste erregt sprang Rachel bei diesen Worten auf und klammerte sich krampfhaft an den Arm ihres Gatten, als wollte sie ihn gewaltsam zurückhalten. ״Gehe nicht zu dem harten Manne und demüthige dich nicht vor dem Tyrannen, der selbst mit seinem einzigen Kinde kein Mitleid hatte", sprach sie mit bebenden Lippen. ״Er wird sich nur weiden an deinem Schmerze und dir dann verächtlich die Thür weisen." ״Mag sein!" versetzte er bitter, und sein Herz zog sich dabei krampfhaft zusammen, ״aber ich kann von meinem Berufe, an dem ich mit allen Fasern meines Herzens hänge und von der Gemeinde, mit der ich durch so viele Jahre Freud' und Leid getheilt und die mir eine zweite Heimath geworden, nicht lassen, ohne nicht alles gethan zu haben, was ich eben thun konnte. Ich muß also den bitteren Kelch bis zur Neige leeren! " rief er laut aufschluchzend. Nach diesen Worten stürzte er aus dem Zimmer. Rachel eilte ihm einige Schrite mit gefalteten Händen nach, sank aber von Schwäche ergriffen in einen Stuhl und weinte bitterlich. (Fortsetzung folgt.)