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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-04-01 · Heft 9 (1.4.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 9 (1.4.1895)
Date
1895-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Art ״sinfonischer Dichtung" oder Programmmusik, die sämmtliche Haupttbestandtheile des Kampfes bis znm Zähneknirschen und Verenden des Drachens ausdrückte. Dabei wirkten zugleich Kitharisten mit, und die Panspfeifen (Syringen) ahmten das pfeifende Zischen des Ungeheuers nach, wozu dann noch Trompeten einfielen.. Selbst Pauken sollen nicht gefehlt haben, so dass schließlich eine Art Zigeunermusik entstand, wie sie noch heute durch ihren eigenartigen Zauber so weltentfremdend und geheimnisvoll zu wirken vermag. Die Flötenmusik an und für sich galt aber als die Weltliche gegenüber der geweihten der Lyra, die stets zu heiligen Oden und Hymnen erklang. Deshalb schätzten Philosophen wie Aristoteles und Plato die Flöte nur gering. Doppelflöten, welche auch hie. und da vorkamen, waren ein Uebergäng von der Syrinx zur Flöte, das zweite Rohr gab nur.einen Ton an, ähnlich wie beim Dudelsack. Bei großen Bacchusfesten wurden schließlich noch Hörner, Becken (Cymbeln) und Pauken, verwandt, welch' letztere schon damals zu Effecten der sich entfesselnden Natur gebraucht wurden. Auch Trompeten Lesaß man, wie gesagt, in Griechenland, und wie in unseren Tagen ertönten sie im Krieg und bei glänzenden Festen. Ein merkwürdiges Instrument, sozusagen der Urahne unserer fetzigen Orgel, war der ״Hydraulos", eine Orgel, die ihren Wind durch Wasserkraft erhielt. Sie bestand schön im zweiten Jahrhundert v. Ehr. zur üppigen Alexanderzeit, galt aber im Gegensatz zur ׳ heutige« Orgel nur der sinnlichen Ergötzung; der schwelgerische Kaiser Nero konnte sie selbst nicht entbehren. Hatte sich die griechische Musik (hervorragende Musiker: Zbykos und Pindar (522 bis 442), sowie Aristoxenos von Tarent (um 350 v. Chr.), der sich besonders um die Theorie große Verdienste erwarb), immerhin einer für antike Begriffe ziemlichen Volkommenheit zu erfreuen, und war namentlich ihr Zweck ein hochedler und bildender — denn ihrer Anregung verdankt auch unser heutiger Kirchenstyl seine Entstehung — so vermochte sich die römische Musik, obwohl sie manches von der griechischen überkommen hatte, nicht über ein oberflächliches Mittel zu Nr. 9. üppigem Genuß zu erheben. Die letzten Ausläufer der griechischen Musik, die allerdings nicht die ernstesten waren, gingen unmittelbar auf die Römer über,, was. diesen bei ihrer angeborenen Genußsucht gerade recht, kam. Schon die Flötenkunststücke bei den erwähnten Drachenkämpfen hatten gezeigt, wie auch in Griechenland sich die Sensationslust auf musikalischem Gebiete einstellte, indem man unbedingt Alles in. Tönen malen. wollte. Später trat zur Virtuosität auch noch eine übergroße Masse von Mitwirkenden, wovon eine Aufführung Zeugnis ablegt, die Ptolemäus Philadelphos von Alexandrien bei einem Feste veranstalten ließ. Es wirkten dabei nicht weniger als 600 Musiker mit, darunter allein 300 Zither spielende Sänger! In. solcher Verfassung nun kam die griechische Musik nach Rom, das. ja auch nichts weniger suchte als geweihten Ernst, der. über das Alltägliche erhebt. Schon zu Cäfar's Zeiten waren einmal zu einem Feste 12.000 Sänger und Musiker in Rom versammelt gewesen, und die bescheidenen Hirtenflöten hatten wegen des Umfanges der ״modernen" Theater anderen. lärmenden Instrumenten weichen müssen, was Horaz sehr beklagt. Nero nun gar, der in Allem der Größte sein wollte, musste natürlich auch der größte der Virtuosen sein! Obgleich bei seinem ersten Auftreten (60 n. Ehr.) das Publicum nicht wusste, ob es weinen oder lachen sollte über schlechte Stimme sowohl, wie besonders den traurigen Vortrag, und sein Fiasko nur durch eine bestellte Klaque verhindert wurde, zog er doch im Pomp nach. Griechenland, wo er von dem künstlerisch nunmehr arg heruntergekommenen Volke (wohl seit der Schlacht bei Chaeroneia -338 v. Ehr., nach der Griechenland seine nationale Selbstständigkeit verlor) den gleichen Preis erhielt, den man einst dort hochbedeutenden Künstlern hatte zu Theil werden lassen. Die Kunst 'war eine Hetäre geworden, die der Lust diente; darum klagt auch Ovid über die verweichlichende Musik feiner Zeit, und der heilige Hieronymus später (329—420) feuert sogar mit Wucht seine Geißelhiebe ab gegen das ״heidnischsinnliche Treiben" dieser ״Kunst", indem er sagt, ״eine christliche Jungftau solle gar nicht wissen, was Lyren und Flöten seien und wozu sie gebraucht würden." Des Chasens Rlole. Erzählung von M. Büßgang, Falkeuau. (Nachdruck verboten.) Nahe der Stadt Saaz, auf einer weiten, ftuchtbaren Ebene, Legt das Dorf Weittritsch. Der Fremde, den Absicht oder Zufall hingeführt, empfängt, den beklemmenden Eindruck der Verödung und des Absterbens. Besonders auffallend ist der seltsame Kontrast in dem verschiedenartigen Bauschte der Häuser ׳ von Weittritsch. Auf der einen Seite der Landstraße, um welche sich die ziemlich große Ortschaft ausdehnt, Bauernhöfe mit weiten Räumen und. hohen Scheuern, auf der andern stattliche ein- und zweistöckige Häuser, eng an einander gebaut, mit schönen Läden, wie man sie nur in größeren Städten zu finden pflegt. Alles scheint aber hier ausgestorben zu sein, und ein unheimliches Grausen erfasst Einen, wenn man durch die öden Gassen schreitet und von den leeren, unbewohnten Häusern. mit geschlossenen Läden schauernd angestarrt wird. Aus der Mitte dieser Häusergruppe ragt ein sehr, hohes noch ziemlich gut erhaltenes Gebäude mit Schieferdach hervor, über welches sich ein Thürmchen erhebt, dessen Spitze ein vergoldeter ״Mögen Dowid" ziert. Von der Ferne gewährt das Gebäude einen prächtigen Anblick, der jedoch in der Nähe durch die ringsum herrschende Unreinlichkeit sehr beeinträchtigt wird^ Dieses Haus, oder wollen wir es mit seinem wahren Namen nennen, ״Gotteshaus", das vor Jahren eine Umbauung erfahren hatte und noch heute einer jeden besseren Gemeinde zur Zierde gereichen würde, diente ׳einst einer ebenso großen als angesehenen Gemeinde zur Andachtsstätte. Gegenwärtig ist es das ganze Jahr hindurch geschlossen, mit Ausnahme der hohen Feiertage, an welchen sich die Juden der umliegenden Ort- Ortschaften behufs Abhaltung eines Gottesdienstes hier versammeln. Die Mitglieder der einstigen Gemeinde waren wohlhabende Woll- und Tuchhändler, die namentlich in Deutschland große Handelsbeziehungen unterhielten, und dabei noch Zeit fanden, sich eingehend mit dem Talmudstudium zu befassen und über große Streitftagen zu disputiren. Als aber im Jahre 1848 die Freizügigkeit unter den Juden begann, übersiedelten die meisten Familien in die benachbarten Städte, und nur der ärmere Theil blieb zurück. Wohl sollte es noch einmal dieser ehrwürdigen. Khile beschieden sein, mit dem größten Theil ihrer Mitglieder im früheren Glanz zu strahlen, es war dies aber der letzte Strahl, gleich dem Aufflackern einer erlöschenden Kerze. Freiherrvon Bach - ward Ministerpräsident und die Constitution ward sistirt. Die Juden hatten wenig Vertrauen zu feinem Regime und suchten ihr altes, noch warmes Nest wieder auf, um es erst nach dem Sturze Bach's für immer zu verlassen. Aber trotzdem blieb Weittritsch auch einige Jahre später noch eine ansehnliche, wenn auch arme Gemeinde. Es war an einem trüben und kalten Decembertage des Jahres 186 . . In einem alten Hause, das einige Schritte vom Tempel entfernt lag, saß ein Greis von ehrwürdigem Aussehen an einem Tische, auf dem ein Schriftstück lag, an dem seine hervorquellenden Augen mit unheimlichem Blicke hafteten. Er

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