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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-04-01 · Heft 9 (1.4.1895) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 9 (1.4.1895)
Date
1895-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Seite 3. Aussprache des Hebräischen, da es unthunlich war, die dem deutschen Ohre ganz ftemd gewordene Pronnnciation der sepharbischen Juden einzuführen,.verbessert, die alten nationalgewordenen Melodien und Sangsweisen hervorgesucht und nach den Gesetzen der Kunst zurecht gelegt werden. Aber auch neue Tonschöpfungen konnten nicht entbehrt werden, und in dieser Beziehung standen mir Heroen der Musik, wie Seifried, Schubert, Fischhof und A. m. hilfreich zur Seite, deren Angedenken in segensvoller Erinnerung zu halten, mir die Pflicht der Dankbarkeit auferlegt. Sie haben — obgleich sie auf den liturgischen Theil sich jedes Einflusses enthielten und die Sorge um denselben ausschließlich mir zufiel, Wesentliches zur Ausschmückung des synagogalen Gesanges beigetragen, und ihnen ist ein Theil des Erfolges, den die Wiener Cultusordnung erzielte, zuzuschreiben. Im Schoße der Gemeinde selber fand mein Streben, zwischen der Vergangenheit und Zukunft zu vermitteln und anknüpfend an das Vorhandene den Fortschritt anzubahnen, die vollste Würdigung, und ich zähle zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens jenen Moment, als die Wahrheit in der großen und edlen Natur des seligen Predigers Mannheimer, der sich lange Zeit mit den Ideen einer radicalen Reform, wie sie im Berliner. Culturvereine geplant wurde, getragen hatte, zum Siege gelangte und er mir aus freiem Antriebe das Geständnis ablegte, dass der Weg, den ich betreten, der einzig richtige und dem Ziele entgegenfi'chrende sei. Mit unserem Unternehmen — dankerfüllt schreibe ich es nieder — war sichtbarlich der Segen Gottes. Es fand Gunst in den Augen der intelligentesten Judengemeinden, Anerkennung, und Nachahmung in den weitesten Kreisen. Die Wiener Cultusordnung ward zun: Musterbilde und Regulator erhoben, die Melodien unserer Synagoge fanden selbst jenseits des Oceans freundliche Aufnahme und Verbreitung — und das Gefühl war allgemein, dass es nicht der kalte Sänger und Tondichter ist, dessen Composition aus einem allgemeinen Kunstdrange entsprungen, der die intraditionelle Musik jedem beliebigen Texte anbequemen könnte, dass vielmehr der pontificierende Fürsprecher und Vertreter der Gemeinde aus dem vollen Bewusstsein seines Standes und seiner Wurzelung in der nationalen Institution das Gesungene empfindet und. das Empfundene fingt. So haben meine Werke ״Schir-Zion" und ״Dudaim" sich rasch verbreitet, und in dem reichen Absätze, den sie erreichten, darf wohl ein Zeichen aufmunternder Anerkennung erblickt werden. Ziehe ich nun die Summe und will ich zum 50jährigen Jubiläum Besitz von dem ergreifen, was die Cultusgemeinde durch mich bewirkt hat, so muss ich für unsere Synagoge folgende vielleicht nicht ganz unerhebliche Verdienste in Anspruch nehmen: Zunächst und zuerst die Entwilderung und Veredlung der gemeinschaftlichen Andacht, die den Chasan wieder in sein Priesteramt einsetzt und den Unarten und Dissonanzen, welche die ״Judenschule", wie der Pöbel sie nannte, in Verruf brachten, ein Ende bereiteten. Auf diese Errungenschaft blicke ich mit voller Genugthuung zurück, die mir die Vorsehung angedeihen ließ, für die Opferwilligkeit, mitder ich in den Dienst meines Volkes trat und den lockendsten Versuchungen, die meiner natiirlichen Sängergäbe die lucrativsten Wirkungskreise verhießen, widerstand, um nichts als Chasan und der Regenerator der Synagogenmusik zu sein. Nur dadurch gelang es, auch in den nachstrebenden jüngeren Chasanim das Standesgefühl zu wecken, sie dem Stegreifleben zu entreißen und für ernstes Studium ihres Berufes zu gewinnen. (Fortsetzung folgt. Die Musik der Men. (Schluss.) Anders ist es dagegen bei den Griechen, deren musikalische Praxis und Theorie durch eine große Anzahl von Dokumenten zur Kenntnis der Nachwelt gelangt ist. Schon im frühesten Stadium der Entwickelung Griechenlands wirkte die Berührung mit den Aegyptern und den kleinasiatischen Völkern belebend. Von Aegypten her, wo die Musik in enger Verbindung mit Astronomie und Mathematik erfasst wurde, bekam Junggriechenland die erste Anregung zu theoretischen Speculationen. während aus Kleinasien, von Phrygien her, die Leidenschaft einer wilden Musik, die besonders in dem später auch nach Hellas verpflanzten Dionysos-Cultus ihren Ausdruck fand (mit starken, weittönenden Blasinstrumenten) auf die Phantasie befruchtend wirkte. Nachdem die attische Tragödie sich zur selbstständigen Kunstgattung entwickelt hatte, erschien in ihr als wichtiges dramalisches Mittel die Verschmelzung der phrygischen (dionysischen) mit der strengen, durch Apollo personifizirten dorischen Tonkunft. Es ist sogar mit Bestimmtheit anzunehmen, dass in der anttken Tragödie nicht nur die Chöre, sondern auch die Einzelreden gesungen wurden. Wie die Musik beschaffen gewesen ist, lässt sich allerdings nicht beantworten, obwohl im 16. Jahrhundert einige Fragmente altgriechischer Musik aufgefunden sind, deren Entzifferung in neuerer Zeit Friedrich Bellermann zwar vollständig gelungen ist, die aber doch keinen genauen Aufschluss über die besondere Art der Musik zu geben im Stande sind. Nichtsdestoweniger weiß man, dass sie der heutigen an Mannigfaltigfeit der Intervalle und Ausdrucksmittel bei Weitem nachstand, ja nicht einmal ihren Hauptvorzug, die Mehrstimmigkeit, besaß. Der wichügste Platz war ihr im lyrischen Theil des Dramas angewiesen, in den Chören, die von Männer- und Knabenstimmen in Octaven gesungen wurden, dazu gelegentlich von Jnsttumenten (Lyra, Kithara. Aulos) wohl auch einige melodiefremde Intervalle kamen, wodurch eine Art Polyphonie (Vielstimmigkeit) erzielt ward. Jedenfalls stand die Musik im alten Drama völlig abhängig von der Dichtung da, so hoch auch ihre Stellung war, so dass wir in dieser, vor Jahrtausenden schon gepflegten Kunst die Vorläufer unseres modernen, durch Richard Wagner neugeschaffenen Musikdramas erkennen müssen. Die Lyra und Kithara, Saiteninstrumente, deren Gestalt noch heute als Symbol für die Musik gilt, und die Flöte (Aulos) waren Nattonalinstrumente der Griechen, wozu noch Apollo's Phorminx gehörte, eigentlich nur eine wuchttgere Kithara, die, gegen die Brust gedrückt, mit dem Finger oder Schlägel (plectrum) gerührt wurde. Sie findet sich schon auf sehr alten Bildwerken, und zwar in den Händen von Silenen und Satyrn bei bacchischen Gelagen (zu Ehren des Dionysos oder Bacchus, des Gottes des Natursegens, besonders des Weines). Die Flöte gehört urspri'mglich dem Dionysoscultus und seiner melancholischen Klage um den gestorbenen Gott an, galt also siir elegisch. Noch mehr war sie lydisch (asiatisch), und Midas musste sich sogar zur Sttase, dass er sie der Lyra vorgezogen hatte, Eselsohren wachsen sehen. Marsyas aber ward von dem Gotte selbst geschunden, weil er den Wettkampf mit seiner ״heiligen" Lyra gewagt hatte. Selbst Apollons Drachenkamps wurde auf diesem Flöteninstrument nachgeahmt, bei den pythischen Spielen, und solche theatralische Vorstellung war ein

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