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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-04-01 · Heft 9 (1.4.1895) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 9 (1.4.1895)
Date
1895-04-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 9. Cultus ist Gottesdienst, Gottesverehrung. Kann denn da über-auch ein wahrer Cultus stattfinden, kann da von wahrer Religion die Rede sein, wo man verdienstvolle, würdige, diensteifrige und achtungsfähige Fachmänner der Existenzlosigkeit preisgeben imfl, weil sie das 40. bis 50. Lebensjahr erreicht oder überschritten, oder weil sie eine größere Familie besitzen? Mögen daher diese Zellen in den Gemeinden Israels und in anderen maßgebenden Kreisen Beachtung und Würdigung finden und zur Besserung des traurigen Loses so vieler Cultusbeamten beitragen! Im Vorhinein besten Dank im Namen Aller, deren betrübtes Gemüt durch Veröffentlichung dieser Zeilen aufgerichtet werden, und auch jener, in deren Herzen sie ein wannes Echo finden. Hinsichtlich der zu gründenden Pensionscasse für die jüdischen Cültusbeamten möchte ich mir erlauben den Vorschlag zu machen, es solle ein Modus gefunden werden, dass kein Cultusbeämter in einer Gemeinde sich austellen lasse, welche nicht als ordentliches Mllglied der Pensionscasse angehört. In Hochachtung A. M. Diese natur- und wahrheitsgetreue Darstellung -bedarf keines werteren Commeutares, denn es ist eine offenkundige Thatfache, dass die jüdischen Cnltusgemeinden, die in erster Linie berufen wären, eine Pflegestätte der Humanität und . Nächsten- Lebe zu sein, gegen chre Beamten die größte Hartherzigkeit üben und ihnen ein menschenwürdiges Dasein nicht bereiten wollen. Vergangenheit und Zukunft des rsntorslen Amtes- Von S alom on Sulz er. II. 9hm war ich jung und im zartesten Kindesalter, als der erste Flügelschlag des Berufes mich traf, ein Funke schlug zündend in meine Seele, und ich wusste nicht, um mit dem Propheten zu reden, ״dass es die Stimme Gottes war, die den Knaben rief". Ich wollte Chasan werden und im Gotteshause wirken. War es ein religiöser Drang, war es das erste musikalische Erwachen, oder beides zugleich? In meinem Geburtsorte zu Hohenems war es, wo Herr Salomon Eichberg, heute bereits ein neunzigjähriger Greis," der zur Stunde in Düsseldorf lebte — (seiner sei in Dankbarkeit hier erwähnt) — ein edler vielerfahrener Meister mir das Gebiet des Chasanut erschloß und meiner empfänglichen Seele Anregung und Prägung verlieh. Kaum hatte ich das 13. Jahr, die Zeit der religiösen Mündigkeit erlangt, als ich vor das Betpult zuerst treten sollte. Man fand mich wohl hinreichend begabt, aber doch zu jung, und es bedurfte der Intervention der Behörden, dass mir von der Negierung weiland Sr. Majestät des Kaisers Franz I. eine dreijährige Frist gegeben wurde, um meine Reife herbeizuführen und meine Ausblldung zu vollenden. So ergriff ich denn, ein Knabe noch, den Wanderstab, gieng nach der Schweiz und dem Schwabenlande, deren Chasanim fich damals eines guten Rufes erfreuten. Ich traf Ln Elsaß und Lothringen organisierte jüdische Gemeinden, die mir einen liefern Einblick in die Bedürfniße des synagogalen Lebens erschlossen. Ueberall suchte ich das Ideal meines künftigen Berufes, ״suchte das, wonach fich meine Seele sehnte." Ueberall nahm ich Eindrücke mit, die auf meine Auffassung des Amtes bestimmend und gestaltend einwirkten, und kehrte noch vor Ab- Lauf des Trienniums in meinen Heimathsort Hohenems zurück, um als 16jähriger Jüngling meine Erstlinge auf den Altar Gottes niederzulegen. Mich beherrschte vor Allem der Gedanke, der Verwahrlosung, welcher der öffentliche Gottesdienst anheimgefallen war, ein Ende zu machen, das Schlingkraut auszurotten, das den Tempel Gottes umwucherte, und muthig mich dem Mißbrauche entgegenzuwerfen. Die Gnade des Herrn stand׳mir zur Seite. . Mein Probevortrag kämpfe alle Bedenken, welche man gegen die Jugendlichkeit des Chasan erhoben hatte, nieder und die Gemeinde verlieh mir mit Stimmeneinhelligkeit das Amt, das man bis dahin von einer gewissen Altersreife unzertrennlich hielt. Ich selber legte jedoch das Regierungsdecret, durch welches mir das Amt im Ordonanzwege zuerkannt wurde, in die Hände der israelitischen Gemeinde nieder, denn mir widerstrebte es, ein von Behörden aufgedrungener Priester zu sein. Aus meines Volkes freier und unbeeinflusster Wahl wollte ich als der Würdige erkannt und berufen sein. ״Nur der Erkorne der Gemeinde ist auch der Erkorne Gottes" sagte ich mir nach dem Ausspruche unserer Weisen, und zu diesem Grundsätze halte ich noch heute an meinem Lebensabende treu und unerschütterlich. So wirkte ich denn, mich unbefangen dem Schaffensdrange hingebend, in einem entlegenen, von Kunst und Künstlern verlassenen Winkel, ohne andere Leitung, als die mir mein Geschmack gewährte, bildete und modelte an mir selber, die Veredlung des Gottesdienstes anstrebend, selber nicht ahnend, dass die Kunde von meinen Leistungen weithin vibrirte, bis ein Ruf aus Wien mich traf, der mich zu einem Probevortrage in der Kaiserstadt eingeladen hatte. Ich kam, sang und siegte auch hier. Meine definitive Anstellung erfolgte. ״Es war von Gott so geordnet, von dem ich die Sendung empfangen." Es bedarf wohl keiner Erwähnung, dass ich auch hier ein Chaos vorfand und in einem Wirrsale widerstrebender Meinungen einen leitenden Gedanken vergeblich suchte. Vornehmlich aber galt es, eine Ansicht zu bekämpfen, welche in der Regenerierung des öffentlichen Gottesdienstes einen vollendeten Bruch mit der Vergangenheit erblickte, oder welche die überkommene und altererbte ehrwürdige Liturgie der historischen Continuität entrücken wollte. Den ganzen Dienst auf ein deutsches Lied vor und nach der Predigt zu reducieren, der Tradition den Absagebrief zu schreiben, war die Intention Jener, welche in den verunglückten Versuchen, wie sie in Hamburg und Berlin angeftellt wurden, und der Ricinusstaude des Propheten Jona gleich, ״Kinder der Nacht entstanden und Kinder der Nacht verschwanden", das Ziel einer Reform sahen. 9Nir aber leuchtete sofort ein, dass die Entwilderung des synagogalen Dienstes nur eine R e st a u r a t i o n sein könne, die auf dem geschichtlichen Boden zu verharren hätte, um die ursprüngliche edlere Form herauszufinden, an das Gegebene anzuknüpfen und es in würdiger, kunstgerechter Gestalt darzustellen. Die Alten sollen Bekanntes nnd Liebgewordenes wiederfinden, die Jungen dafiir empfänglich gemacht werden, die Synagoge aber und der Tempeldienst, lange' genug in der Sclaverei verrotteter Mißbräuche schmachtend, sollen ihr Jubeljahr feiern und ״zu ihrem ursprünglichen Besitze und Eigenthume zurückkehren." Die jüdische Liturgie hat eben als jüdische den musikalischen Forderungen zu entsprechen und soll nicht erst ihr jüdisches Gepräge aufgeben müssen, um einen Bund mit dem Genius der Kunst einzugehcn. Cs galt, ״das Herz der Väter mit dem der Kinder zu versöhnen und die aufstrebende Jugend für die Gefühle der Alten zu erwärmen." In dieser Richtung warteten nun meiner mühevolle Arbeiten, denen ich mich berufsfreudig unterzog. Zuerst musste die Vortragsweise normiert,׳ die

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