Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 8 (21.3.1895)
- Date
- 1895-03-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. GLflLrre^isch>MgäriMe L^antoren-Ieitüng. - 9lr. 8־- und Sinn mehr als jede andere sirofane Sprache, vorausgesetzt, dass, man sie. verstche. ׳ Sie ׳muß uns Won dämm als ׳ ein kostbares Gut werth und cheuer sein, weil die Thora, die Offenöamugslehre ״Nanrosobo Lsbi1a38 dakor^" ein Erbgut der Gemeinde Jakobs, in. dieser Sprache, am Sinai überliefert wurde. Sie ist auch , die Sprache der Propheten, Psalmisten, Dichter, und die ganze alte so reichhaltige jüdische Litteratur ist in dieser Sprache uns aufbewahrt geblieben, wenn auch mitunter Aramäisch und sonstige fremde Ausdrücke sich eingemengt haben. Auch unsere traditionellen Gebetbücher, für den Synagogencultus sind mit Ausnahme weniger Partien, als Jekum Purkon, berich Sekemeh, Kadiseb, in rein - hebräischer Spräche abgefasst. Es fft auch nicht zu unterschätzen, dass durch die hebräische Gebetspräche der Jude in allen Ländern der Erde in welchem Tempel immer mit demZibbur beten kann, was bei anderen Sprachen nicht möglich wäre. Da aber Gebete nur dann zweckentsprechend sind, wenn sie mit Verständnis vorgetragen werden, weil nur in diesem Falle eine Andacht möglicb ist,, so ist wohl die Frage gerechtfertiget, ob denn Jeder, der hebräisch nicht versteht, auch in feiner Muttersprache beten darf? Wir wollen nun versuchen darzustellm, wie unsere alten Schriftgelehrten darüber gedacht haben. Die Juden Ln Alexandrien und in einigen Städten Palästinas, wo sie griechisch redeten, verrichteten ihre Gebete in dieser Sprache (Jeruschalmi Sota Absch. 7.) Das Synhedrin in Jerusalem erhob keinen Protest dagegen, duldete es füllschweigend. Jndess waren die Meinungen über diesen Gegenstand unter den Schriftgelehrten gecheckt. Eine Hauptstelle darüber finden wir im Talmud (Sota 33). Der Patriarch, Rabbi Jehuda der Heilige, trug vor: ״Das Schemagebet dürfe man nicht anders, als in der heiligen Sprache verrichten, als Grund dafür wird die Bibelstelle (5. M. 6, 7.) angeführt: ״Und es sollen diese Worte sein, die ich Dir heute gebiete", liad worim hoeleb, diese Worte deuten darauf hin, sie sollen in der Ursprache bestchen, nur hebräisch gelesen werden. Gegen diese Entscheidung erhob sich die Majorität und bestimmte, dass man das ״SeWma1‘ in jeder Sprache, die man versteht, verrichten darf. Das erste Wort dieses Gebetstückes ״Sche’ma1‘ höre, verstehe — deutet an ״becbol Loscbon scheatto sehomea“, dass das ״Sclie’ma“ in jeder Sprache, die uns das Gebet verständlich macht, verrichtet werden darf. In der Mischna (Sota 7, 1) lesen wir: Folgende Gebetstücke dürfen in jeder verständlichen Sprache verrichtet werden: Die Anrede an die des Ehebruches verdächtige Frau (4. M. 5, 19.) und dieses ist wohl selbstverständlich. Bei diesem Acte handelt es sich doch um Leben und Tod, woher ober sollten die Frauen hebräisch verstehen? Und die Mischnah fährt fort: Das Zehn'bekenntnis (5. M. 26), das Sche'ma, die Testlla, das Tischgebet, dürfen in allen Sprachen verrichtet werden (Siche auch Naimuni krias Sehma 2, 10; ferner Oraeh Chajmi 62, 2.) Eine weitere Anwendung dieses Gesetzes ist die von den Tossofisten (Sota 32a) in Bezug auf das Hallel, das Kiduscli, die Benedictionen vor und nach dem Genüsse von Früchten; auch finden wir im Talmud mehrere Stellen für diese Ansicht. So dachten unsere alten, gewiss sehr frommen Schristgelehrten — und heute? Es ist die Gewohnheit, die eine große Macht besitzt. Auch haben wir heute gut übersetzte Gebetbücher, wodurch man sich leicht wenigstens über den Inhalt der Gebetstücke verständigen kann. Jedenfalls wäre es wüuschenswerch, dass an den heiligen hohen Feiertagen, wo auch der Tempelbesuch ein bedeutend größerer ist, wenigstens , die vielen Pijutim, deren Ausdruck und Inhalt so schwer verständlich, ja oft räthselhaft sogar den Hebräischkundigen sind, selbst - -in orthodoxen Bethäusern abtzeschafft werden mögen.- ----- - v X. Die Synagoge. ״..־."■' י -. V: ״ ' : Die Synagogen, 'בית הכנסת waren die - religiösen Versammlungshäuser der Juden-/ woselbst gebetet und -gelehrt wurden Wann sind sie entstanden? Die Tradition behauptet einen sehr frühen Ursprung derselben, und die Targumim tragen-sie-selbst in die patriarchalische Zeit hinüber, so Onkelos (1. M. 32, 10.) zu Richter (K. 5, 9.) zu Jesais (K. 1-, -12), man stützte sich auf den Psalm (74, 8.) Auch (2. Kön. 4, 23.) finden Einige eine Art. Synagogengottesdienst angeöeutesidoch sind das mehr Vermuthungen. Der eigentliche Synägogengottesdienst hat seine Entstehung nach der Zerstörung des ersten Tempels durch Nebukadneyar, König von Babelonien. - Das Bedürfnis religiöser Versammlungshäuser zur gemeinschaftlichen Andacht ohne Opferdienst musste den ׳ Juden im Exil, wo sie vom heiligen Lande- und vom gesetzlichen Heiilgthume getrennt lebten, zuerst recht - fühlbar ״werden, und so mochten die Synagogen eben in dieser Verhängnisvollen Periode ihren Anfang genommen haben und bei der Rückkehr nach dem Mutterlande verpflanzt worden seinwo neben den Opfercultus auch öffentliche Vorlesung des Gesetzes selbständig auftritt. (Nehemja 8, 1. ff.) Und so entstanden an verschiedenen Orten, wo Juden ansässig waren, Synagogen, größere Städte hatten deren mehrere, und in Jerusalem selbst sollen sich 480 (Megila 73, 4) gefunden haben. Mag diese Zahl auch etwas zu hoch gegriffen sein, jedenfalls lässt sich daraus schließen, dass es viele Synagogen daselbst-gegeben habe. Es bildeten sich religiöse Vereine zu Gebet und BelehxuW Man hielt Gottesdienst ohne Tempel, ohne-Opfer und Priester.. Es waren die ersten Anfänge des synagogalen Gottesdienstes;׳ so wie jede Neuerung konnte sich auch dieses Institut nur langsam entwickeln. Gebet und Lehre, diese zwei Hauptbestandteile des synagogalen Gottesdienstes, wurden auch die Basis des wiedererstandenen Tempelcultus zu Jerusalem. Esra, der zweite Moses, genannt, erkannte für die Regeneration des Judenthums kein besseres Mittel als die Volksbelehrung durch das göttliche Wort, er fi'ihrte Thoravorlesungen vor dem versammelten Volke ein, : (Esra 10, 1. 9.) und solche Vorlesungen aus der Gesetzeslehre' bildeten nebst den Gebeten einen-integrirenden Bestandtheil dessynagogalen Gottesdienstes. So wurde nebst dem Opfercultus der synagogale Gottesdienst nicht mehr verdrängt, er blieb eben neben ihm bestehen und bildete sich weiter aus. Der Tempel selbst müsse eine,.lüs'obsbao Hagosis“ zur Synagoge abtreten. Und als durch die Uebermacht der Römer der Tempel zum zweiten Male zerstört wurde und der Opfercultus aufgehört hatte, war es die Synagoge, welcher die große Aufgabe zugefallen, den Mittelpunkt des religösen Lebens im jüdischen Volke zu bilden. Da versammelten sich die zersprengten und zerstreuten Reste des unglücklichen Volkes zusammen zu einem Ganzen, mit und in seinem Gotte und seiner Lehre zu erstarken, fort zu leben und weiter zu wirken. Es ist daher kein Wunder, wenn die Agada die Synagoge als eine der wichtigsten und schönsten Errungenschaften des Judenthums feiert: ״Und ich werde ihnen zu einem kleinen Heiligthum" (Ezechiel 11, 16.), das sind, lehrt Rabbi Jizchak, die Synagogen in Babylonien (Megila 29), und der Targum daselbst erklärt: Bote kenischto tanjän l’Bes Mikdoschi", die Synagoge ist nächst dem Tempel das zweite Heiligthum. (Fortsetzung folgt.)