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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-03-21 · Heft 8 (21.3.1895) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 8 (21.3.1895)
Date
1895-03-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. ~ r. Vtr. 8. Wüstf^AbieM^M^HamM beseM hatten, näher zu'bezeichnen. Nicht Furchst dass mir die nachfolgende DarstÄlMtz alLMtÄr Eitelkeit und Selbstgefälligkeit deshalb nKdeuÄÄechen.DWst. weil..ich hier voxzüglich über mein eigenes Wirken u^6 Schaffen Rechenschaft lege. Denn war ich auch emerffeits bemüht, diese Selbstschau so objektiv, als dies der menschlichen Natur überhaupt möglich ist, zu halten und meine gering^ Leistungen der sttengsten Prüfung zu unterwerfen, so wäre es doch wieder eine meinem Alter und meiner persönlichen und amtlichen Würde gleich sehr widersttebende Prüderie. wollte ich den Cantor, also den Träger liturgischer Schöpfungen, ignoriren und aus der Geschichte, an deren Zustandekommen ihm sein Ancheil zufiel, .vollends streichen, und dies Llos aus falscher Bescheidenheit, weil es der göttlichen Forschung gefallen hat, gerade mir die Gaben zu verleihen, die eme Regeneraüon des bis dahin üefgesunkenen Cäntorates möglich machten. Nicht Selbstüberhebung und Ruhmredigkeit ftihrt hier meine Feder, sondern das Gefühl der innigsten DankhiBeit gegen meinen Schöpfer und Herrn, der mir in zartester Jugend den Sinn für den heiligen Beruf erschloß und mich so sichtbar an seiner väterlichen Hand auf die Lebensbahn geführt, die ich als Lewitenknabe von sieben Jahren zuerst beschritten um auf derselben ein ganzes Menscheualter hindurch auszuharren. Wie könnte ich das verleugnen und mich versündigen gegen die Liebe meines himmlischen Vaters? Ist es ja doch ein Jubiläum, das wir im Sinne der heiligen Thora am fünfzigsten Jahre begehen, im Halljahre, das unter Posaunenschalle selbst dem letzten Knechte die Freiheit wiedergibt und ihm wie jedem Burger mit den Worten der Schrift zuruft: ״In diesem Jubeljahre sollt chr wiederkehren ein jeglicher zu seinem Besitzthume!" (Lev. 25.) Und so sei es denn auch hier verkündigt, wie jener Knecht Gottes, der hintritt, um den Dienst im Heiligthüme zu verrichten, wie der Diener des Altars durch die gottesdienstliche Ordnung, die vor 50 Jahren geschaffen wurde, in den Besitz seiner ursprünglichen Amtswürde und geistlichen Rangordnung, die ihm im Drange der Zeiten abhanden gekommen war, wieder gelangte. Ja! Besitz von dem Rechte und geistigen Eigenthum will ich im Namen aller meiner Amtsgenosseu in diesem Jubeljahre ergreifen und der Rückkehr zur priesterÜchen Stellung, die dem Chasan gebührt, chm niemals hätte entfremdet werden sollen, mich öffentlich vor der Gemeinde Gottes erstellen. Nicht für mich also allein führe ich das Wort, sondern, um mit dem. Psalmisten zu reden, --,um aller meiner Amtsbrüder und Berufsgenossen willen, entbiete ich den Friedensgruß, zu Ehren unseres Gotteshauses -spreche den Glückwunsch ich aus" — ferne von jeder Anmaßung- und Vordringlichkeit, von aller Selbstsucht und Ueberhebung. ' D Es sei hier betont und vorangestellt, dass die jetzt landläufig gewordene Bezeichnung ״Cantor", die einem anderen confessionellen Kreise entlehnt ist, keinen erschöpfenden Ausdruck fiir das heilige Amt gewährt, so wenig als das deutsche Wort ״Vorbeter" als Aequivalent für die hebräischen Benennungen ״Chasan" und ״Schaliach Zibbur" gelten kann. Der Chasan ist vielmehr seit dem Verfalle des alten Zionstempels der Erbe des vormaligen Opferpriesters geworden, in dessen Rang er eingetreten ist, als Wort und Sang und ״Lippeugabe" als allein berechttgte Elemente des Gottesdienstes zur Geltung kamen und die Thieropfer nicht Mehr dargebracht werden konnten. Er ist vor dem Betpulte, an welchem er amtirt> der Repräsentant der aUdächügen Versammlung, wie es jener auf den Stufen des rauchenden Altares. war. Wie nebendem. Opferpriestest dein Kohen, der göttbegeisterte, redebegabte Prophet oder später der erleuchtete Schristgelehrte jeglicher in seiner Sphäre wirkten, so habest, unstreitig ׳ auch unsere Rabbister, und Prediger die erhabene Mission, dem Factor der Denkthätigkeit, der Aufklärung des Geistes, dem lichten Verständniße ihrer Kräfte zu weihen und dem hohen vernunftgemäßen Lehrinhalt unserer heiligen Religion Eingang in die erkennenden Geister zu erschließen. — Aber der fühlenden Seele, dem andachtsvollen Gemüthe, dem Bedürfniße des Herzens, aus dem alle Religion ihren Ursprung nimmt, hat der Priester, der Sänger zu genügen, der die Jakobsleiter, die von der Erde bis in den Himmel reicht und an welcher die Genien der Kunst auf- und niedersteigen, sichtbarlich emporrichtet und die Allmacht, die von der Höhe niederschauet, der von heiligem Schauer/ergriffenen, sinnenden und träumenden Seele erscheinen lässt. Wenn der Kohen des alten Opfertempels durch Abstammung und Herkunft für das Amt, den nach dem Ausspruche der Schrift ״kein Laie" sich nähern durfte, besttmmt und ge'weihet war, so muß man zum betenden Kohen, zum Chasan, in einem anderen Sinne geboren sein, und sollte auch der Laie, dem Verständnis und Begabung mangeln, sich nicht nähern dürfen, diesen Dienst zu verrichten. Aber es kam anders — und in Folge der Verwilderung, welche die schweren Verhängniße, die an unserem Stamm sich während der finsteren Nacht des Mittelalters vollzogen, dem gesammten synagogalen Leben beretteten, sank auch die Würde des ausübenden Priesters — und wie überall so auch hier, verfiel mit dem Künstler auch die Kunst. (Fortsetzung folgt.) Die kirchenpoMsche Artion in Ungarn. Budapest, 16. März. Die über alles Erwarten lang hinausgezogene Verhandlung über das Finanzgesetz im Abgeordnetenhause hat auch die Wiederaufnahme der kirchenpoliüschen Action im Magnatenhause wesentlich verzögert. Nun sind aber endlich alle Hinderniße aus dem Wege geräumt, und das Oberhaus tritt am 20. März zusammen, um zunächst das Budget für das Jahr 1895 in Berathung zu ziehen und unmittelbar darauf die beiden noch unerledigten kirchenpoliüschen Gesetze über die freie Religionsübung und die Reception der Juden vorzunehmen. Die Budget-Debatte im Oberhause ist selbst in der gegenwärtigen Epoche des Widerstandes der Magnaten niemals von allzulanger Dauer gewesen, denn der Athen! der politischen Discussionen im Hause der geborenen Gesetzgeber ist ein sehr kurzer. Es ist immerhin möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, dass die Magnaten diesmal einen stärkeren Anlauf nehmen, aber sie werden es doch nicht verhindern können, dass die Discussion der kirchenpolitischen Gesetze noch im Laufe der nächsten Woche beginne. Es werden dazu von beiden Setten alle Vorkehrungen getroffen, und der Kampf wird daher kein leichter sein. Man erinnert sich, was bei der ersten Verhandlung der beiden Gesetzentwürfe im Oberhause geschehen ist. Die Vorlage über die freie Religionsübung wurde mit kleiner Majorität als Grundlage der Specialdebatte angenommen, in der letzteren jedoch stimmten einige sonst als liberal gellende Magnaten und protestantische Bischöfe gegen jene Be- , stimmungen, welche von den außerhalb der Cönfessionen Stehenden handeln, Mnd bei der Schlufsabstimmung erhoben sich auch viele

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