Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 6 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 6. Nr. 6. Stimme oder uäseüldes Singen im Keime auszurotten, als zu einer Zeit, in der diese Fehler schon durch lange Gewohnheit eingewurzelt sind. Auch jeder krankhafte Zustand des Organs ist leichter in der Kindheit als in späterem Lebensalter zu kurieren. Die Theile sind zarter und gelehriger in.früheren Lebensperioden und da man schon in so frühen Jahren anfängt, Violine spielen zu lassen, so soll man in der Kindheit schon diejenigen Muskeln üben, welche die Aufgabe haben, dass so schwer zu behandelnde Instrument, Kehlkopf genannt, zu spielen. Das außerordentliche Nachahmungstalent, das Kinder besitzen und dem sie das schnelle Erlernen der Sprache verdanken, sollte auch zum Lehren des Gesanges verwerchet werden. Ich möchte noch hinzufügen, dass manche der hervorragendsten unter den jetzt lebenden Sängern schon in frühester Jugend ausgebildet wurden. Unter den Sternen erster Größe erwähne ich hier A l b o u i, Jenny Lind, Adeline Patti und Albani. Das selten schöne Organ der Pattey und die vollen Töne der Hope-Glenn haben Ebenfalls durch den Unterricht in frühester Jugend keine Einbüße erlitten. Die Catalani und Christine Nilsson haben schon in der Wiege angefangen zu singen. Wer weiß, wie viele Grisi mrd Mario stumm herumlaufen, weil ihnen der Jugendunterricht gefehlt hat. Weit entfernt, dem Allgemeinbefinden zu schaden, erweist sich das Singen in der Kindheit vielmehr heilsam, besonders in solchen Fällen, in welchen Neigung zu schwachen Lungen vor- Händen ist. Durch die heilsame Uebung dieser Organe beim Singen wird die Brust ausgedehnt, werden die Athemmuskeln gekräftigt und die Lungen selbst widerstandsfähiger und elastischer. Es versteht sich von selbst, dass die Gesangübungen sowohl in quantitativer als in qualitativer Hinsicht sehr maßvoll sein müssen. Die einzelnen Uebunaen dürfen nur kurze Zeit daueri und müssen sich auf die zehn bis zwölf Töne beschränken, die ungefähr dem kindlichen Stimmumfang entsprechen. Unter keinen Umständen darf der Unterricht bis zur Ermüdung oder Ueberanftrengung ausgedehnt werden. Ich wiederhole schließlich, dass der Gesangsunterricht in der Kindheit, wenn mit Verstand betrieben, nicht allein den! Allgemeinbefinden und der Sümme nicht schadet, sondern im Gegentheil für beide nur vortheilhast ist. Es muss noch darüber gesprochen werden, ob der Gesangunterricht während der Zeit der Pubertät, in welcher sich der Stimmwechsel vollzieht, fortgesetzt oder unterbrochen werden soll. Lange Zeit galt die Lehre, dass während dieser Periode nicht allein der systematische Unterricht auszusetzen, sondern dass das Singen während derselben überhaupt zu verbieten sei. Der volkschümliche Ausdruck: ״Die Stimme bricht sich" weist schon darauf hin, dass der Prozeß des Stimmwechsels in gewissermaßen gewaltsamer Weise vor sich geht. Alle Knaben, die heiser find, oder deren Stimme sich bricht, werden angewiesen, während einiger Wochen oder Monate das Singen gänzlich zu unterlassen. Es ist indes durchaus nicht der Fall, dass in der Uebergangsperiode die Stimme stets rauh und unangenehm klingt. Ich besitze Notizen über 300 Chorknaben, die ich mit spezieller Rücksicht auf diesen Punkt untersucht habe, und finde, dass nur in 170/q hie Stimme wirklich ״umkippt." Die Anschauung, dass dies der gewöhnliche Verlauf sei, beruht wohl darauf, dass diejenigen Stinwlen, bei denen das Umkippen vorhanden ist, in unangenehmer Weise die Aufinerksamkeit ans sich lenken, während die Abwesenheit dieser Erscheinung natürlich unbemerkt vorübergcht. Die hochgradige Heiserkeit in dieser Periode beruht, wo sie vorhanden ist, wahrscheinlich weniger auf dem physiologischen Prozeß als solchem, als vielmehr auf dem Schreien und Kreischen, an dem die Herren Jungens so viel Vergnügen finden, oder auf Ueberanstrengung des Sümmorgans durch zu vieles Singen oder endlich auf Zufälligkeiten als Erkältung u. dergl. Ich habe bereits vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass dort, wo die Sümme wirklich ״sich bricht" stets eine starke Röthung der Stimmbänder laryngoskopisch wahrnehmbar ist. Der Wechsel vollzieht sich oft mit überraschender Plötzlichkeit wie z. B. bei L a b l a ch e, von dem es heißt, dass sich seine Sümme in einem Tage von hohem Sopran in tiefen Baß verwandelt habe; im allgemeinen ist es ein sehr allmählig fortschreitender Prozeß, der bis zur Vollendung oft Jahre in Anspruch nimmt. Er beginnt meistens etwa um das vierzehnte Lebensjahr und dauert ungefähr bis zum achtzehnten; doch auch dann schreitet die Entwicklung, wenn auch kaum merklich, noch fort, so dass die Sümme so zu sagen erst im achtundzwanzigsten oder dreißigsten Lebensjahre vollkommen ausgewachsen ist. Wenn nur die nöthige Sorgfalt angewendet wird, braucht man während der Pubertätszeit den Gesang nicht vollständig auszusetzen. Wenn bei einem Knaben bei gewissen Tönen die Sümme heiser oder wackelig wird, so darf ihm nicht gestattet werden, diese Töne zu singen. Er soll angehalten werden, sich auf die mittleren Töne seines Sümmumfanges zu beschränken, soll besonders vermeiden, sich in den höheren Tönen anzusttengen und dem Organ Muße gönnen, für die Gestaltung der neu zu erwerbenden üefen Lagen zu reifen. Man beobachtet im allgemeinen, dass, wenn ein Knabe einen hohen Ton verliert, er einen tiefen dafür gewinnt und diese letzteren müssen sorgsälüg und regelmäßig geübt werden. Mir sind eine Anzahl von Künstlern bekannt, welche während der ganzen Dauer des Sümmwechsel unterrichtet worden sind. Die Stimme derselben war außerordentlich wiederstandsfähig und bei den Frauen ttat selbst in der sog. klimakterischen Periode keine Schwäche auf. Als Beispiel nenne ich hier den bekannten Maestro Charles Lunn in Birmingham. Derselbe erzählt von sich selbst: Meine Sümme brach niemals, sondern wurde vielmehr ganz allmählig üefer. Ich habe den Gesangunterricht derzeit niemals unterbrochen und kann mit meiner Stimme noch heute zufrieden sein. Jeder, der Lunn gehört hat, wird von der seltenen Vereinigung von Kraft und Schmelz bei dieser prachtvollen Stimme überrascht worden sein. Der Grund, weshalb man im allgemeinen das Singen während des Stimmwechsels verbietet, beruht auf der Besorgnis, dass durch die Anstrengung ein Organ, welches sich in so außerordentlich wesentlicher Weise verändert, in seiner Ent- Wickelung gestört werden könne. Man kann zugeben, dass zu anstrengende oder übermäßig lauge Uebnngen einen derartigen Erfolg haben; indessen, sowohl die Ueberlegung als die Analogie mit anderen Organen lassen darauf schließen, dass mäßige und verständige Uebung einen derartigen Erfolg nicht haben wird. Das Wachsen der langen Oberschenkelknochen ist ein mindestens ebenso complicirter Prozess, wie die Entwickelung des Kehlkopfs. Es ist sicher, dass diesen Knochen eine Ueberansttengung im Kindesalter schädlich ist; geht daraus hervor, dass sie in vollständiger Unthätigkeit bis zur vollendeten Entwicklung gehalten werden sollen? Wenn dem so wäre, so müsste man doch, anstatt die Knaben anzuspornen, ihre Kräfte im Laufen, Springen, foot-ball und cricket zu üben, ihre dahingehenden Neigungen zu unterdrücken, ihre Beine in vollständiger Ruhe erhalten und ihnen höchstens gestatten, sich im Laufkorb zu be-