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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-02-01 · Heft 4 (1.2.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 4 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 4. Sprechen und Singen. Wir wollen uns hier nicht über die Einzelheiten betreffs der einzelnen Vocale verbreiten, das ist Sache der Lehrer vom Fach. Der Schüler sollte keine Mühe scheuen, in diesem Puncte möglichst Vollkommenes zu erreichen; leider, wird die gute Ausspräche von Sängern oft vernachlässigt. Ohne sie verliert der Gesang viel von seinem Reiz, und die menscbliche Stimme ist ohne sie nicht viel ausdrucksvoller als tönendes Erz und klingende Schelle. Leute von verfeinertem Geschmack werden an einer mit Verständnis und mit deutlicher Aussprache gesungenen Ballade mehr Gefallen finden, als an dem besten Kunstgesang, wenn bei dem letzteren die gesungenen Worte entstellt oder verstümmelt werden. Englische Sänger sündigen darin vielleicht am meisten. Doch ist dies durchaus nicht immer ihre Schuld oder die Schuld ihrer Lehrer. Das Vorwiegen der Consonanten und geschlossenen Vocale macht z. B. die englische Sprache zum Gesang wenig geeignet. Allerdings bekümmern sich auch sehr viele Sänger sehr wenig um den Text und scheinen zu glauben, dass es nicht der Mühe werth sei, auf eine gute Aussprache Gewicht zn legen. Die Albernheit der meisten Operntexte ist vielleicht mit daran Schuld; vielleicht glaubt der Künstler, mit Recht manchmal menschenfreundlich zu handeln, wenn er es so einrichtet, dass der gesungene Unsinn möglichst unverstanden bleibt. Als rühmüche Ausnahme sei hier der Texte von Wagner und Hu eff er Erwähnung gethan, denen beiden man einen echt poetischen Charakter nicht absprechen kann; leider stehen dieselben darin ziemlich allein. Bei der Verbindung von Musik und Poesie kann die höchste gesangliche Kunstleistung eine schlechte Aussprache nicht vergessen machen. Oft wundern sich die Leute, dass so manche Dichter sich der Musik gegenüber ablehnend verhalten. So heißt es z. B. von G öthe, dass er nicht einmal seine eigenen Verse gesungen hören mochte. Er fand nicht einmal an den herrlichen Schubert'schen Compositionen feiner Lieder Gefallen. Der Grund ist wohl der, dass die Dichter in der Musik eine persönliche Feindin schen, weil sie ihre Verse, die das menschliche Herz erheben und erfreuen sollen, in einen tobenden Sylbenocean verwandeln. In den meisten Fällen sind die Fehler in der Aussprache übrigens nicht die Schuld des Sängers, sondern die des Compomsteu, der, in Unkenntnis oder Mißachtung der Gesetze von der Tonhöhe der Vocale, Silben mit Tönen vereinigt, mit denen sie unvereinbar sind und unmöglich gesungen werden können. Natürlich wird der Sänger, vor die Wahl zwischen der Reinheit des Gesanges und der Correccheit des Textes gestellt, es vorzichen, den letzteren zu opfern. Das einzige Mittel dagegen ist die Erwerbung und Verwerthung phonetischer Kenntniße von Seiten der Componisten. Ich füge hinzu, dass man von dem Componisten, der doch die physikalischen Eigenthüm- Lchkeiten aller übrigen Instrumente kennt und berücksichtigt, es wohl verlangen kann, dass er nicht gerade die menschliche Sümme in dieser Beziehung stiefmütterlich behandelt; an deren Besonder- Hellen pflegt er jedoch gar nicht zu denken, und oft werden Compositionen geschaffen, welche zwar zweifellos von großer Nusllerischer Schönheit find, die aber ohne Gefahr einer nachfolgenden Halsentzündung höchstens von den himmlischen Heerscharen gesungen werden können. Von den hervorragenden Componisten scheinen nur Händel und Rossini auf das zarte menschliche Stimmorgan Rücksicht genommen zu haben. Diese beiden Männer, obgleich so verschieden in allen übrigen Punkten, zeigen in diesem eine Uebereinstimmung. Ehe Rossini eine Oper componirte, prüfte.er sorgfälüg die Begabung jedes einzelnen Mitgliedes der Truppe, von der sie aufgeführt werden sollte. Ebenso H änd el. Dieser jedoch scheint zuweilen nicht daran , gedacht zu haben, dass das menschliche Sümmorgan nicht so unabhängig von Jahreszeit und Befinden ist, wie ein mechanisches Instrument. Beethoven behandelt in seinen Chorälen die menschliche Sümme wie ein Instrument, das nur einmal aufgezogen zu werden braucht, um in alle Ewigkeit fortzusingen. Es ist ein weitverbreiteter Jrrthum, dass die Wagnerischen Compositionen als solche der Stimme nachtheiliger sind, als die musikalischen Werke anderer. Allerdings erfordern die Hauptpartien in seinen sämmtlichen Opern von ״Rienzi" bis zu der ״Götterdämmerung" einen recht weiten Stimmumfang; das ist aber in Meyerbeers ״Hugenotten" und ״Prophet", in Verdis ״Trovatore" und den meisten modernen Opern, ebenfalls der Fall. Die Behauptung, dass die Wagnerschen Opern durch den ihnen eigenthümlichen Charakter oder durch den hohen declamatorischen Pathos, den sie verlangen, der Sümme schädlich sind, scheint mir einabsoluter Unsinn. Allerdings versteht Wagner mit einzelnen Sümmgattungen besser umzugehen als mit andern. Während seine hohen Sopran- und Tenorpartien ganz außerordentlich sangbar sind, stellen seine Alt- und Mezzosopranparüen oft fast unmögliche Anforderungen. Eine Parüe, wie. die Ortrud in Lohengrin, kann genau so, wie sie vorgeschrieben, iiberhaupt von keiner Sängerin gesungen werden. Ebenso falsch ist die Beharlptung, dass Wagner. durch sein Orchester die Stimmen zu Grunde richtet. Dieser Jrrthum; hat darin seinen Grunddass viele Capellmeister das Orchester - lauter spielen lassen, als es. den Intentionendes Componisten - entspricht. Wagner hat seine eigenen Ideen darüber bei seinem in Bayreuth gebauten Theater pracüsch zur Ausführung gebracht. Dieses ist im wesentlichen dem antiken Theater nachgebildet; die Zuschauersitze erheben sich amphitheatralisch wie in Koilon. Das Orchester ist von der Bühne durch eine solide Wand getrennt, liegt mehrere Fuß üefer als das Parterre des Zuschauerraumes und ist den Zuschauern unsichtbar. Die Blasinstrumente des Orchesters. befinden sich unterhalb der Bühne und wirken eher zu schwach als zu stark. Die unangenehmen Effecte, die man zuweilen im Cvncertsaal hört, kommen auf Wagners eigenem Theater niemals vor; weil sich die Singstimmen, höher als das Orchester befinden, kommt jedes Wort, und jede Note zu ihrer Geltung. Wie absurd die Anschuldigungen sind, die man gegen Wagner erhob, beweist die Erzählung, dass der Sänger Schnorr von Carolsfeld durch eine Aufführung von Tristan und Isolde getötet worden sei. In Wirklichkeit ist der Künstler indessen an einem Typhus zu Grunde gegangen. Ein Beweis, dass die Wagnerische Musik die Stimmen nicht ruinirt, ist Niemann, der seit 1861 den Tannhäuser singt und durch seine Stimme noch heute die Amerikaner entzückt. Vogl singt schon seit Jahren Wagner und seine Sümme ist so schön wie je. Ebenso ist die stimmliche Leistung der Frau Materna noch in voller Reinheit und Schönheit erhaltenlieber die Zunge und den weichen Gaumen muß man eine vollkommene Herrschaft besitzen; auch das Zäpfchen muß so erzogen werden, dass man es stets in der Macht hat, es hoch zu erhalten, damit es dem aus dem Kehlkopf emporkommenden Luftstrom nicht im Wege steht. 'Bei hohen Noten, besonders im Falsett, ist die Stellung des Zäpfchens von

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