Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. mächtig, dass sie, vom Schooße ihrer Mütter sich erhebend, mitsangen: ״dieser ist mein Gott, ihn will ich preisen", und zu jeder Zeit und auch in der Gegenwart wird das weiche Gemüth der Kleinen besonders angeregt und religiös gestimmt durch die Macht des Gesanges. Aber nicht blos sür die Gegenwart auch für die spätere Zukunft wird der Gesangsunterricht von wohlthätigem Einflüße sein. Wir werden endlich Gemeinden haben, die den religiösen Gesang kennen, pflegen und fördern, und die im Tempel vereint mit dem vorangehenden Chasen ihre Stimmen laut zu Gott erheben werden. Mit einem Worte, Israel wird wieder durch den Gesang beten lernen, beten zu seinem Gotte, ״dem Heiligen, der unter den Lobliedern Israels thront." (Fortsetzung folgt.) Fromme Wünsche. Von R.-A. Emil Lehmann in Dresden. (Schluss.) Als eines der wichtigsten Gebete gilt das Achtzehnbez.׳ Sieben-Gebet. Gewiss, es enthält sehr schöne, auch heute noch anmuthende Stellen, wie im Wochengebet den Dank für die Begnadung mit Verstand — ein Gebetstück von tiefster Bedeutung, sowohl für die Vergangenheit und die Werthschätzung seiner Verfasser, als vor Allem für die Gegenwart. Ja, aber auch mit Verstand beten! Auch die beiden täglichen Schlussgebete: Dank für die täglichen Wunder und bitte um Frieden — sind schön, zeitgemäß und erbaulich, wenn auch das Friedensgebet nicht auf Israel beschränkt werden darf — obwohl selbst das sein kirchliches Seitenstück hat. Ihnen reihen sich die Herrlicheu Mussaphgebetstücke an den höchsten Festtagen, das ergreifende Olenu und das rührende Ubeehen ton pachtecho an. Aber welche Unmasse anderer Gebetstücke bietet Schwulst, nichtssagende Aneinanderreihung von Bibelversen, Phrase, ja Unwahr-' heit und Aberglauben! Gleich der Eingang: Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jacobs, macht den stutzig, dem die Patriarchen legendär erscheinen. Der ״Erlöser für die Kindeskinder", der ״Beleber der Todten", die so heilig gehaltene, den Propheten entnommene Keduscha, die den Lobgesang der Engel wiedergibt — das sind Anschauungen aus alten Tagen. Jetzt erkennen wir keine Engellehre mehr an, jetzt fasst man die Unsterblichkeit geistig, nicht als Auferstehung der Leiber auf. Dank Gott, der dem Menschen Einsicht gab! Das schöne Einleitungsgebet Elohai neschomo hat den für uns unannehmbaren Schlussdauk für Gott, der den todten Körpern Seelen wiedergibt! Und all das wird ahnungslos, verständnislos, kritiklos weitergebetet! Den Mittelpunkt des Gottesdienstes bietet das zeitraubende, die Nichtbetheiligten langweilende Aufrufen mit dem Vor- und Nachspiel des Aus- und Einhebens, des Herumtragens, des Aus- und Ankleidens, der — je nachdem, Wochentags einfach, Sabbats stattlicher, Feiertags prächtig bekleideten, bez. silberbehangenen Pergamentrolle, die den Pentateuch, mühsam und kunstvoll nach tausendjährigen Regeln geschrieben, enthalt. Ein Druckexemplar wäre verpönt. Das kannte man ja in talmudischen Zeiten nicht. Mit diesen Thorarollen wird alljährlich am Schlufsfefte feierlicher Umzug gehalten, es gibt Andächtige, die sie küssen! Und wie steht es mit den Einleitungs- und Schlussgebeten dieses Sanctum? Mögen sie der Bibel entnommen sein, sie sind unannehmbar für uns, sowohl l)a§ Wajehi binsaua, als das uwnuehau. Beide sind offenbar ganz alte Rückerinnerungen an eine heidnisch angehauchte Vorzeit. ״Beim Oeffnen der Lade rief Moses: steh auf Jehova, dass zerstreut werden deine Feinde und deine Hasser vor dir" — so lautet es beim Oeffnen des heiligen Schrankes, und entsprechend beim Schluss: ״Und wenn die Lade ruhte, sprach er: kehre ein Jehova zu den zahllosen Schaaren Israels. Auf Jehova, zu deiner Ruhestätte, du und die Lade deiner Macht". Solche Sätze dürfen nicht mehr in einem Gottesdienst vorkommen. Gewiss, in den christlicher: Litrrrgien klingt Aehnliches wieder. Aber können wir aus solchen Atavismer: Andacht ur:d Weihe schöpfen? Der Schluss des uwnuehau enthält die Bitte: ״enteuere unsere Tage wie vordem." Soll das eine Bitte um die alten Zeiten, eine Erneuerung des jüdischen Reiches mit Opfer- und Tempelkult sein — so ist sie eine Unwahrheit; kein Vernünftiger wünscht solchen Rückschritt. Unsern modernen Anschauungen widersprechen ebenso die vielfachen, z. B. im jüdischen Vater-unser (owinu) wiederkehrenden Bitten, Gott möge etwas thun lemaan, um der Märtyrer re. re. Wille n, wie denn die Erinnerungen an die Patriarchen, an die Opferung Isaaks in den Hairptfestgebeten immer wiederkehren, ja ganze Gebetabschnitte, die Akedos, auf sie aufgebaut sind. Es ist das unterscheidende Merkmal des Judenthums, dass es den u nmi t t elb a r e n Verkehr des Menschen mit Gott, ohne Mittler und Vermittlung, ohne Engel und Heilige, betont. Aber viele, auch in Neubearbeitungen des Gebetbuches beibehaltene Gebete widersprechen dem, oder geben wenigstens misverftändlicher Auffassung Spielraum. Ist es nach alle dem zu verwundern, wenn Viele, namenrlich von Gebildeten, sich dem Gottesdienst mehr und mehr entziehen? Nicht Gesang und Orgelklang, nicht Sinnenrausch und Außenwerk ist das Wesen des Gottesdienstes. Weihe, Andacht und religiöse Erbauung thun auch dem Feingebildeten wohl und noth. Aber er darf nicht, wenn er sie sucht, kühl angeweht, kalt übergosfen, zurückgeschreckt werden durch Gedanken und Anschauungen einer längst überholten Vergangenheit, durch peinliche Widersprüche mit unserem Denken, unserer Erziehung, unserer Cultur, wie sie auch dem einfachen Menschen nach seiner Schulbildung und Lebenserfahrung sich darlegen, so dass auch er Derartiges nicht gläubig nachbeteu kann. Vielfache Zeiterscheinungen mahnen, wie dringend nothwendig es sei, dass^ das Judenthum, auf das Unkundige und Uebelwollende innerhalb wie außerhalb feines Bereiches mit unberechtigter Abneigung blicken, seine heilkräftige, sittliche Macht und Frömmigkeit bewähre und entfalte. Dazu ist ansprechende, zeitgemäße, anziehende, herzerfassende Gestaltung des Gottesdieustes. der Gebete, des Religionsunterrichts, erforderlich. Fromme Wünsche das, den sich vorzugsweise fromm Dünkenden und Nennenden gewiss höchst bedenklich. Aber je länger je mehr wird es zur dringenden Nothwendigkeit, dass der tiefsittliche Kern des Judenthums au und in seinen Bekennern in den weitesten Kreisen sich practisch bewähre. Dazu bedarf es dringend eures anregenden, zeit- und bildnngsgemäßen Gottesdienstes in deutscher Sprache, in den unserem Culturstand entsprechenden Formen und Gebeten. Nur so können wir darauf rechnen, das Judenthum in seinem edlen Gehalt in würdiger Gestalt uns, unseren Kindern und Kindeskindern als Leitstern eines sittlichen Lebenswandels, einer würdigen Welt- und Gottesanschauung zu erhalten.