Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Site 2. Nr. 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. die Juden Oesterreich-Ungarns ihrem gütigen und erhabenen Monarchen entgegenbringen. Je größer sich der Wirkungskreis des Pensionsfond es der jüdischen Cultusbeamten gestaltet, desto sicherer und dauerhafter wäre sein Bestand, und darum würden wir es mit Freuden begrüßen, wenn auch die ungarischen Cultusgemeinden und Cultusbeamten gemeinschaftlich^ mit uns der Verwirklichung des Pensionssondes zustrebten. Weder staatsrechtliche noch administrative Hinderniße stehen einer solchen Vereinigung im Wege. Kein Gesetz in Oesterreich oder Ungarn verbietet ein Zusammenwirken auf diesem Gebiete, und wer das Gegentheil behauptet, verfolgt nur eigennützige Zwecke. Was jedoch die Schwierigkeiten der Verwaltung eines so umfangreichen Körpers betrifft, so wird ohnehin, falls der Pensionsfond die gesammte Monarchie, ob mit oder ohne Ungarn, umfassen sollte, die Errichtung einiger administrativer Centren geplant. Die Angelegenheit ist uns viel zu ernst, als dass wir, wie es jüngst in einem Artikel des ״Ungar. Israelit" geschah, Jenen, die uns bei der geplanten Gründung die Beftiedigung persönlichen Ehrgeizes unterschoben, auf dem Gebiete persönlicher Poleunk entgegentreten. Dem österr.-nngar. Cantoren-Vereine ist es keinesfalls darum zu thun, von Wien aus.einen möglichst großen Kreis von Berussgenossen zu beherrschen, sein einziges Streben geht nur dahin, einen großen und mächtigen Pensionsfond zum Wohle und zum Heile der jüdischen Cultusbeamten zu gründen, und er wird sich vollkommen befriedigt fühlen, wenn die von chm gegebene Anregung bei den jüdischen Cultusgemeinden und Cultusbeamten Anktang findet. Hoch und erhaben ist das Ziel, das wir verfolgen, rein und selbstlos sind die Motive, die uns leiten, und in diesem Bewusstsein richten wir an die jüdischen Cultusgemeinden die inständige Bitte, dem vom Vorstande des österr.-nngar. Cantoren- Vereines an sie', erlassenen Auftuse die gebührende Würdigung zu schenken. Mag auch der gegenwärtige Entwurf einzelne Lücken oder Mängel ausiveisen, dieser Umstand darf keine Gemeinde vom Beitritt abhalten, denn bei der Constttuirung des Verbandes werden gerechte Wünsche vollauf berücksichtigt und das Ganze dem Willen der Mehrheit angepasst werden. Ein Pensionsfond ftr. die jüdischen Cultusbeamten ist das schönste Werk, das die jüdischen Cultusgemeinden zur Erinnerung an.das 50-jährige Regierungs-Jubiläum unseres erhabenen Monarchen errichten können, es ist ein ewiges Denkmal aere perennius! Dr. Jellinek über Choral und Gemeindegessng von A. Roth, Bezirks-Rabbiner in Siklos. Nach den Worten unserer Rabbinen ist es nicht nochwendig, dass man verdienst- und würdevollen Männern, um ihr Andenken zu bewahren, Monumente von Erz oder Stein setze, weil ihre gesprochenen und geschriebenen Worte, ihre Werke und segensvolles Wirken chnen bei der Mit- und Nachwelt rühm- und ehrenvolles Andenken sichern, ihre Lehren ein ewiges Dank- und Denkmal bleiben, welche unverwüstliche Monumente sind uud nicht vom Zahne der Zeit zernagt werden. Da man nun gewöhnlich erst nach dem ersten Jahre des Ablebens Grabsteine setzt, so wollen wir aus pietätsvoller Hochachtung für den mwergesslichen Dr. Jellinek einige kleine Steine zu diesem seinem Vroumneute Lesern und da Herr Obercantor Singer in den letzten zwei Nummern dieser geschätzten Zeitschrift über Choral- und Gemeindegesang in der Synagoge einen gediegenen Artikel schrieb, der lesens- und beherzigenswerth ist, so will ich damit beginnen und die Worte Jellineks, die er über diesen Gegenstand sagt, reproducieren, um dem audiatur et altera pars zu genügen. In der Predigt über Israels Gesang*) sagt Dr. Jellinek folgende Worte: Als im Anfänge dieses Jahrhunderts der große Eroberer auch einem Theil der deutschen Juden Befreiung brachte, da erhob sich der Choral, der Gesang nach Gesetz, Maaß und Regel, in einzelnen Gotteshäusern; denn Israel singt, wenn es sich frei fühlt**). Ward nun auch nach dem Sturze jenes weltgeschichtlichen Helden der deutschen Juden Loos ein anderes, so lebte doch in den Besseren und Edleren unseres Volkes das tiefsittliche, nicht mehr abzuweisende Bedürfnis, deni allgemeinen Gesetze der Gleichheit unterworfen und Befreit zu werden, und derhalte israelitische Choralgesang zog allmählig in zahlreiche Gotteshäuser ein. Woher aber kam es, sagt Dr. Jellinek, dass der Choralgesang einen solchen Kampf hervorrief und so heftigen Widerstand weckte? Klangen etwa die älteren Wiesen uud Melodien der Synagoge lieblicher, angenehmer und schöner? Unmöglich, da ihnen die Hauptbedingung alles Schönen fehlte, Maaß, Verhältnis und Einheit! Oder haben sie vielleicht einen echt jüdischen Ursprung? Mit Nichten! Ein Blick in das Gebetbuch der spanischen Juden überzeugt uns, dass die Melodien von arabischen, türkischen uud spanischen Liedern als Singweisen für hebräische Dichtungen angegeben sind; daher der fromme und berühmte Dichter Rabbi Israel Nadschari klagte, dass die Klänge, weltlicher Liebeslieder in ihren Gotteshäusern ertönen. Auch an der deutschen und polnischen Synagoge waren nicht selten, fremdartige, der Schaubühne entnommene Melodien, die von geschmacklosen Vorbetern auf die heiligsten Gebetstücke übertragen wurden, zu hören. Allein, nicht der Choralgesang stieß auf solcher: hartnäckigen Widerstand, sondern das durch dasselbe bedingte Schweigen der Gemeinden, die allerdings gegen den Willen des jüdischen Gesetzes gewohnt waren, thätigen, schreienden und lärmenden Antheil an dem Vortrag der Gebete zu nehmen. Und da muß Jeder bei ruhiger und besonnener Ueberlegung einräumen, dass die des Gesanges unkundigen Gemeindei: schweigen mussten. Nur Eines, sagte Dr. Jellinek, hatte n:an in "der Hitze des Augenblickes vergessen, die Heranwachsende Jugend in den religiösen Gesängen unterrichten zu lassen. Wohl wird der Gesang in den jüdischen Familien gepflegt, es gehört ja zum guten Ton, ein Urtheil über Sänger und Sängerinnen fällen, oder ein Lied in der Abendgesellschaft vortragen, oder bei nichtjüdischen Oratorien Mitwirken zu können; die Gesänge Zions aber bleiben fremd den Söhnen und Töchtern in Israel. Dr. Jellinek sagt: An den Gemeinden ist es, ihre Kinder anzuspornen, dass sie am Gesangsunterricht fleißig theilnehmen, wodurch wir ein Doppeltes zum Heile des Judenthums erreichen. Als Israel sein erstes Lied am rothen Meere anstimmte, sagen unsere Weisen, ergriffen die Klänge die Herzen der Kinder so *)Predigten Dr. Jellinek 1. Theil, S. 97. **) Mögen hier auch die geistreichen Worte des Dr. Schmiedel reproducirt werden, er sagt in den Sansinim S. 98 Folgendes: In der Bibelsprachc heißt bekanntlich veror Freiheit, es gibt aber auch einen Vogel der veror heißt, und nach Jbn Esra wäre das ein Vogel, der nur so lange singt, als er frei ist, frei und froh seine Schwingen ausbreiten kann. Israel ist mit diesem Vogel vergliechcn worden. Psalm 84, 4.